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MITTERNACHTSKINDER

28.03.2013 | FILM/TV

Ab 29. März 2013 in den österreichischen Kinos
MITTERNACHTSKINDER
Midnight’s Children  /  GB, Kanada  /  2012
Regie: Deepa Mehta
Drehbuch: Salman Rushdie
Mit: Satya Bhabha u.a.

„Mitternachtskinder“ ist ein wunderschöner, humorvoller und gleichzeitig tieftrauriger Roman von Salman Rushdie aus dem Jahr 1983, und Deepa Mehta, die kanadische Regisseurin indischer Herkunft, beweist nicht zum ersten Mal ihre außerordentliche Sensibilität, mit der sie die zerrissene Geschichte und Gegenwart ihrer Heimat filmisch umsetzt.

Sie braucht zweieinhalb Stunden, die nicht eine Sekunde langweilig werden, um anhand ihrer Figuren durch die Tragödie Indiens zu schreiten, und die Tatsache, dass Rushdie selbst das Drehbuch schrieb, garantiert die absolute Authentizität. Zudem hat sie, wie man in den Presseunterlagen nachlesen kann, an nicht weniger als 651 Schauplätzen gedreht, es gibt 127 Sprechrollen (es ist nicht zuletzt eine herumwirbelnde Familienstory mit ungemein bunten Charakteren), die Handlung umfasst mehr als ein halbes Jahrhundert – ein Unternehmen der Superlative, das alle Erwartungen erfüllen kann.

Die Hauptfigur, Saleem Sinai, berichtet nicht nur von seinem eigenen Schicksal, sondern blendet auch auf das der Eltern und Großeltern zurück, als das Britische Empire noch fest im Sattel saß. Wir erfahren von der seltsamen erste Ehe seiner Mutter und der weniger glücklichen zweiten, aus der er selbst stammt, oder auch nicht. Denn das ist eine der großen Pointen in Rushdies Roman, der seinen Helden parallel zur Geschichte Indiens (und Pakistans) führt, da er akkurat am 15. August 1947, Schlag Mitternacht, dem Tag der Unabhängigkeit seines Landes von britischer Kolonialherrschaft, zur Welt kommt.

Und nicht nur er – sondern auch der Sohn der armen Gauklerin, die von dem abreisenden britischen Beamten geschwängert wurde. Eine Krankenschwester mit „sozialem Gewissen“ vertauscht die beiden Säuglinge – der reiche Junge und der Betteljunge erleben jeweils das Schicksal des anderen, bis es sich am Ende wieder umdreht und die Tragödie keinem erspart wird…

Es ist ein Auf und Ab, das sich in den Villen der reichen Großbürger abspielt, unter den Militärs, bei den Armen. Das Leben aller wird geprägt von den politischen Ereignissen, den Schwierigkeiten nach der Unabhängigkeit, die Teilung des Landes. (Wie viel Abneigung gegen die historische Figur der Indira Gandhi besteht, wird völlig klar.) Es herrschen Terror, Verfolgung, Bürgerkrieg. Die Reichen bleiben nicht reich, und die Armen können (vor allem über die Uniform) aufsteigen. Zwei vertauschte Schicksale – aber der Reichtum, der nicht hält, bedeutet keine Garantie für Glück. Die „romantischen“ Liebesgeschichten stehen keinesfalls im Mittelpunkt.

Nicht nur die unglaublich tragisch-bewegte Geschichte des Landes reflektiert sich hier (und ist durch den Faktor des Erzählers für den Zuseher immer sehr übersichtlich), sondern auch ein magisches Element, ohne das es bei dem Dichter Rushdie nicht abgeht: Diese „Mitternachtskinder“ haben nämlich das „zweite Gesicht“, sie können einander in ihrer Vorstellungswelt sehen, ihr Bezug zur realen Welt ist ein gewissermaßen abgehobener… und das gibt dem Geschehen sein seltsames Irisieren.

Die Regisseurin verschleißt drei (gleicherweise überzeugende) Darsteller für ihren Haupthelden, als Kleinkind, Junge und Erwachsener. Farbige Schicksale erzählen von menschlichen Tragödien. Deepa Mehta webt diesen Film sorglich wie einen bunten, komplizierten Teppich, der als Ganzes doch völlig einsichtig und übersichtlich ist. Die Opulenz Bollywoods regiert,  legt sich aber nie verfälschend über die Tragik des Geschehens.

Renate Wagner 

 

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