Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MILANO /Teatro alla Scala: GÖTTERDÄMMERUNG

01.07.2013 | KRITIKEN, Oper

Milano: Teatro alla Scala GÖTTERDÄMMERUNG 29.6.2013

Irene Theorin, Mikhail Petrenko, Gerd Grochowski. Foto: Teatro alla Scala

Hier in Mailand hatte der letzte Teil der Tetralogie erst am 7. Juni 2013 Premiere, die auch vom französischen Kultursender Mezzo tv life übertragen wurde. Problematisch wird das Finale des opus summum dadurch, dass die bereits gewohnte Videoberieselung von Arjen Klerkx und Kurt D’Haeseleer nun mehr zusehends plakativ wird. Während die Rheintöchter Siegfried vor dem Unheil warnen, das der von Alberich verfluchte Ring in sich birgt, erscheinen im Hintergrund bereits die Züge des sterbenden Helden. Und als er dann später den Wahrheitstrunk von Hagen gereicht erhält, huscht bei seinen Worten „Brünnhilde! Heilige Braut! Wach‘ auf! Öffne dein Auge!“ eine nackte Frau auf der Videowand umher…

Wenigstens im Vorspiel bei den drei Nornen wurde auf solch überflüssigen Schnickschnack verzichtet. Die völlig schwarz gekleideten (Kostüme: Tim Van Steenbergen) Nornen spinnen an ihrem Seil in grellem Rot. Nun gut, in ihrer Finsternis muss ja eine kräftige Farbe das Ambiente etwas erleuchten. Allerdings nicht ausreichend, denn das Gespinst reißt ja bekanntlich…

Und was bleibt am Ende? Gleichsam als poetische Klammer erscheint erneut das Relief des „Tempels der menschlichen Leidenschaften“ von Jef Lambeaux. Und wir, das Publikum, wir sind etwas enttäuscht und sehen betroffen „den Vorhang zu und alle Fragen offen“ (Berthold Brecht, Der gute Mensch von Sezuan).

Mit dem österreichischen Tenor Andreas Schager betrat ein stimmgewaltiger Siegfried in schwarzem Lederrockeroutfit die Bühne. Neben seinem attraktiven männlichen Aussehen verfügt er aber auch über eine tadellose Diktion, wirkt niemals angestrengt oder ermüdet und erklimmt mühelos alle gefürchteten Höhen im dritten Akt. In ihm wächst wahrscheinlich ein großer Wagner Tenor heran, um den sich die großen Bühnen bald reißen werden. Mit seinem Rienzi in Hamburg und als Einspringer an der Deutschen Oper Berlin hat er bereits seinen respektablen Einstand gefeiert.

Der 1975 in St. Petersburg geborene Russe Mikhail Petrenko bringt für den Hagen eine ansehnliche tiefe Stimmlage mit. Die in seiner Rolle begründete Boshaftigkeit zeigt er nicht dermaßen aufdringlich, wie man es von anderen Produktionen her gewohnt ist, sondern kaschierte sie wie eine bloße charakterliche Attitüde, die wohl in seinem störrischen und kalten Blutfluss begründet liegt.

Johannes Martin Kränzle brachte als Alberich viel an Häme mit und variierte auch famos die mehrmals an seinen Sohn Hagen gestellte Frage, ob dieser schlafe.

Gerd Grochowski war der Rolle des Gunthers stimmlich nicht gewachsen und hörte sich an diesem Abend über weite Strecken leider sehr angestrengt an. Aber als leicht zu manipulierendes Werkzeug in den Händen seines Halbbruders Hagen hinterließ er wenigstens den glaubwürdigen Eindruck eines Gibichungen von der traurigen Gestalt.

Iréne Theorin bot eine großartige Leistung als betrogene und entehrte Frau und berührend war, wie sie, ob des Eingeständnisses von Gutrune, dass ihr Hagen zum Trank des Vergessens geraten hatte, voller Mitleid in ihre Arme schließt. Und ihr finaler Monolog war richtiggehend ergreifend. Brava!

Plakativ wirkten auch die Kostüme der beiden Paare. Gunther und Gutrune tragen beide einen schwarzen Zylinder zu Abendrobe mit langer Schleppe und Frack. Und ihr rechter Arm wird von einem roten Stoffärmel verhüllt, der als Zeichen des Verrates und des baldigen Todes des Bauernopfers Siegfried gedeutet werden kann. Dieser wiederum bleibt in seinem schneidigen Lederoutfit, während sich Brünnhilde in ähnlicher Abendrobe wie Gutrune mit meterlanger Schleppe abmühen muss.

Wie bereits erwähnt fiel die Gutrune der 1976 in Perm geborenen Russin Anna Samuil, die auch als dritte Norn auftrat, in erster Linie durch ihre schrille Höhe auf.

Die erste und zweite Norn wurde gleichfalls von zwei Russinnen, den Mezzosopranistinnen Margarita Nekrasova und Marina Prudenskaya, ausgewogen vorgetragen. Letztere sang auch eine wunderbare Waltraute und konnte der bühnenbeherrschenden Brünnhilde durch differenzierten Gesang und Ausdrucksstärke famos Paroli bieten.

Die drei Rheintöchter, Aga Mikolai / Woglinde, Maria Gortsevskaya / Wellgunde und Anna Lapkovskaja / Flosshilde sangen – wie schon im Rheingold – äußerst harmonisch.

Ein Wermutstropfen dieser Produktion blieb allerdings der von Bruno Casoni einstudierte Chor der Mannen, der wenig textverständlich und völlig unharmonisch sang, vielleicht aus Protest ob ihrer äußerst hässlichen Kostüme.

Dieser „belgische“ Ring weist leider in szenischer Hinsicht überhaupt kein erkennbares durchgängiges Konzept auf und wird durch eine Vielzahl unnötiger technischer Kinkerlitzchen ausstaffiert.

Verdienter Applaus für Petrenko, Schlager, Theorin und Kränzle, der sich beim Erscheinen von Daniel Barenboim noch zu einem tosenden Orkan steigerte. Bravo!

Harald Lacina

 

 

 

 

Diese Seite drucken