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MIKKELI/Finnland: GASTSPIEL BORIS EIFMAN-BALLETT

15.07.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Mikkeli / Finnland : Gastspiel Boris Eifman-Ballett (12. – 14.7.2012)

Alljährlich wird das kleine Mikkeli, im idyllischen Saimaa-Seengebiet gelegen, zur Balletthauptstadt Finnlands. Dann nämlich, wenn das jetzt Savcor Ballet genannte Festival Tanzenthusiasten aus nah und fern anlockt. Wenn ich in der Vergangenheit moniert hatte, dass Kartenpreise bis zu 160 € selten durch das Gebotene gerechtfertigt waren (und meistens durch Firmen aufgebracht wurden, die ihre Kunden eigeladen hatten), so brachte das Gastspiel des renommierten Boris Eifman-Balletts aus St. Petersburg diese Kritik zum verstummen. Hier stimmten einmal Anspruch und Ergebnis überein. Natürlich sollte nicht verschwiegen werden, dass der Martti-Talvela-Saal der Kongress- und Konzerthalle Mikaeli, in dem noch eine Woche zuvor das Mariinsky-Theater unter Valery Gergiev zu Gast war, für Ballettaufführungen viel zu kleine Dimensionen aufweist, doch hatte Eifman mit seinen Kreationen „Die rote Giselle“ und „Ich – Don Quijote“ zwei Produktionen mitgebracht, die unter Verzicht auf pompöse Dekorationen sich ideal der Bühne einpassten.

Wenn in der Vergangenheit Stars wie Vladimir Malakhov, Anastasia und Denis Matvienko und Farukh Ruzimatov (um nur einige zu nennen, die in Mikkeli auftraten) einer eher mittelmäßigen Compagnie Glanz verliehen, so ist bei BORIS EIFMAN das Ensemble der Star. Solisten, die am ersten Abend noch Hauptrollen tanzten, waren sich am zweiten Abend nicht zu schade, (im Programmbuch ungenannte) kleinere Rollen zu übernehmen. Allesamt perfekt im klassischen Tanz zeigten sie, dass sie auch in anderen Ausdrucksformen wie Modern Dance zu Hause sind.

Eifmans Ballett „Die rote Giselle“ basiert auf dem Leben Olga Spesivtsevas, einer der bedeutendsten klassischen Tänzerinnen aller Zeiten, die kurz vor der Russischen Revolution am Mariinsky-Theater debütiert hatte, mit Diaghilevs Ballets Russes durch die USA tourte, aber wieder in das nun Petrograd genannte St. Petersburg zurückkehrte, um in der Folgezeit Triumphe zu Hause und bei Gastspielen im Ausland zu feiern. 1924 verließ Spesivtseva ihre Heimat, um sich in Frankreich niederzulassen und von dort aus um die Welt zu touren, häufig in ihrer Glanzrolle als Giselle. Ab den 30er Jahren mehr und mehr unter Depressionen und nervösen Zusammenbrüchen leidend, verabschiedete sie sich 1939 von der Bühne. Sie starb 1991 im Alter von 96 Jahren. Eifman porträtierte eine faszinierende und außerordentlich bewegende Geschichte um die Spesivtseva, von den Anfängen als Elevin in St. Petersburg, ihre Faszination durch den „Tschekisten“ (im wirklichen Leben ihr späterer Ehemann) bis hin zur Begegnung mit dem hier „Partner“ genannten Serge Lifar in Paris. Umgesetzt wurde diese, Boris Eifmans ureigene Kreation mit Staunen und ergriffen machender Vollkommenheit von NINA ZMIEVETS (Spesivtseva), OLEG MALKOV (Ballettmeister), ALEKSEI TURKO (Tschekist) und NIKOLAI RADZIUSH (Partner) zur Musik, einer gekonnten Collage von Tschaikowsky, Schnittke, Bizet bis hin zu „Lady in red“.

Im Gegensatz zu dieser Collage bildete bei Eifmans „Ich – Don Quijote“ die Originalmusik von Ludwig Minkus die Grundlage seiner Ballettschöpfung, in der zu Beginn Irre in einer Irrenanstalt zu sehen sind und einer der Insassen, durch die Lektüre des Cervantes-Romans angeregt, sich in Don Quijote hineinversetzt und in seiner Fantasie dessen Abenteuer besteht – Anlass für Eifman zu grotesken Tanzszenen und Zitaten aus dem originalen Petipa-Ballett. Wie schon zuvor waren es dieselben Solisten, sie bei der Roten Giselle für einen überwältigenden Eindruck gesorgt hatten : OLEG MALKOV (Don Quijote), NINA ZMIEVETS (Kitri), ALEKSEI TURKO (Basilio), zu denen noch ANGELA PROKHOROVA (Ärztin in der Irrenanstalt) und VLADIMIR DOROKHIN (Gamache) kamen. Wenn hier der Eindruck ein etwas gemischterer als bei der Roten Giselle war, lag dies einerseits am unterschiedlichen Sujet, doch auch daran, dass bei Eifmans an Einfällen überreichen Choreographie der Klamauk manchmal Überhand gewann.

Fazit: Zwei Abende, die es wert waren, besucht zu werden, und die es bedauerlich erscheinen lassen, dass es hieß, Abschied vom Eifman-Ballett zu nehmen. Die neueren Produktionen dieses genialen Ballettschöpfers passen leider nicht in das kleine Mikaeli.

Sune Manninen

 

 

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