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MIECZYSLAW WEINBERG: ORCHESTERMUSIK + FRANZ SCHUBERT: DIE SYMPHONIEN

16.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

5060113443137 MIECZYSLAW WEINBERG: ORCHESTERMUSIK Vol. 2 mit dem Siberian Symphony Orchestra unter Dmitry Vasilyev – Erstaufnahmen Toccata Classics CD 

Unglaublich aber wahr: Die musikalisch sensationellen Stücke der vorliegenden CD, die 22. Symphonie und die sechs Ballettszenen, auch Choreographische Symphonie Op. 113 betitelt, erklingen erstmals auf Tonträger. Der Pioniergeist des Labels macht dies möglich.

Die Ballettszenen basieren auf Transkriptionen des 1958 komponierten, nie aufgeführten Balletts „Die weiße Chrysantheme“. Die Musik erzählt die Geschichte der jungen Japanerin Hanako, erblindet nach dem Atomangriff auf Hiroshima, geheilt 12 Jahre später und wieder mit ihrem Liebsten Taro vereint. Die von Charakter und Anlage her höchst heterogenen Elemente des Balletts erinnern in der – direkt zugänglichen musikalischen Sprache an eine Mischung aus Orff, Bartok und Shostakovich (aber mit mehr Melodie), wiewohl Weinberg sich in den improvisatorischen Passagen in direkte Konkurrenz zu jüngeren sowjetischen Komponisten wie Alfred Schnittke oder Edisson Denissov stellte.

Es könnte, wie im Booklet vermutet, sogar sein, dass die Erarbeitung für diese CD die erste Aufführung des Werkes überhaupt darstellt. Da alle Symphonieorchester der Welt Shostakovich landauf und landab spielen und die Aufführungszahlen wahrscheinlich diejenigen der Mahler- Symphonien wenn nicht übertreffen so doch egalisieren, ist zu hoffen, dass auch Weinberg bald auf breitester Ebene entdeckt wird und seine Musik den Eingang in den Alltagskanon der Konzertsäle findet. Seine musikalische Sprache ist vielfältig in ihrer Aneignung, wartet mit überraschender Originalität auf und reflektiert die alte europäische musikhistorische Tradition inkl. jüdischer Folklore im besonderen Licht der russischen Nationalschule. Weinberg erfindet das kompositorische Rad nicht neu. Er hat aber eine eigenständige genuine und unmittelbar verständliche Art des künstlerischen Ausdrucks von klassizistisch bis vorsichtig romantisch mit Wiedererkennungswert geschaffen. Bereits beim ersten Anhören der CD fragt man sich, warum diese Musik noch nicht Allgemeingut geworden ist?

Das trifft auch auf die hier aufgenommene letzte Symphonie Weinbergs zu, die der schwerkranke Komponist seiner Frau Olga Rakhalskaya gewidmet hat. Das in Klavierfassung hinterlassene Abschiedswerk wurde von Kirill Umansky orchestriert und 2003 uraufgeführt. Dieses Opus summum besteht aus drei Sätzen mit den Bezeichnungen „Fantasie“, „Intermezzo“ und „Erinnerungen“. Im ersten Teil wird das thematische Material zweier Arien aus den Opern „Der Idiot“ und „Die Passagierin“ verarbeitet. Nach dem kontrapunktischen Allegretto im Intermezzo, endet das Werk in einer sehr persönlichen Form des Abschieds ohne Larmoyanz oder Zügellosigkeit.

Das Sibirische Symphonieorchester unter dem Dirigenten Dmitry Vasilyev spielt diese Werke klangschön packend und so selbstverständlich, als hätten die Musiker niemals etwas anders getan.

Das Label Toccata hält in seinem „Discovery Club“ ein breites Angebot an klassischer Musik, die von Mikrophonen bisher ignoriert worden sind, abseits des Mainstreams für Interessierte mit Entdeckerlaune bereit. Die im Studio sorgfältig aufgenommenen Werke sind als CD oder Downloads verfügbar. Da die Weinberg Edition von Toccata erst bei Vol. 2 angelangt ist, dürfen die Musikfreunde schon auf weitere Ausgrabungen gespannt sein.

Dr. Ingobert Waltenberger

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 0888751569829 FRANZ SCHUBERT: DIE SYMPHONIEN – Kammerakademie Potsdam unter Antonello Manacorda – SONY CDsEine maßstabsetzende Einspielung

Keine Wiener Gemütlichkeit, Schubert ganz abseits der Biedermeierecke. Antonello Manacorda misst seinen dramatisch, tief aufwühlenden Schubert-Zyklus, ähnlich wie Nikolaus Harnoncourt das getan hat, ganz am innersten Wahrheitsgehalt der Musik. Der Chefdirigent der Kammerakademie Potsdam  zeichnet so ein akustisches Bild eines ganz großen Symphonikers, der selbst in den früheren Symphonien in Weiterentwicklung der musikalischen Sprache eines Haydn, Mozart oder Beethoven schon ganz sein unverwechselbares Idiom fand. 

Der nun bei Sony erschienene, in den Jahren 2011 bis 2015 mit großer Akribie und Perfektion erarbeitete symphonische Reigen Schuberts ist die definitive Interpretation unserer Tage. Dabei stellen sich die intensivsten Hörerlebnisse bei der Unvollendeten und der Großen C-Dur Symphonie ein.  Vor allem das Allegro moderato der H-Moll Symphonie ist eine wahre Höllenfahrt, eine ungemütliche Konfrontation mit inneren und/oder äußeren Erlebnissen des Komponisten, an denen er uns in einer musikalischen Sprache teilhaben lässt, die schon schwärzeste fin-de-siècle-Farben eines Gustav Mahler antizipiert. Der zweite Satz stellt dann zwar das seelische Gleichgewicht einigermaßen wieder her, ohne jedoch in Selbstgefälligkeit oder Vergessen zu verfallen. 

Antonello Manacorda erreicht dieses intensive Eintauchen in den Schubertschen Kosmos mittels einer an der Originalklangschule gehörten Unmittelbarkeit der Phrasierung und Offenlegung der kompositorischen Strukturen, ohne das Fleisch von den Knochen der Partitur zu nagen. Weiters geht er mit einer ausdruckssatten Differenzierung der Stimmungen rein aus den Mitteln der den Motiven jeweils zugeordneten Instrumente heraus weit über das hinaus, was bislang sehr gute Schubert Interpretationen auszeichnete. Manchmal ist die Phrasierung schroff und man meint, die Tutti platzen aus allen Nähten. Dieses extreme Gefühl stellt sich auch beim Hören der Großen Symphonie in C-Dur ein, zumal die Kontraste zu den lyrischeren, in dieser Lesart aber nie spannungsarmen Teilen der Partitur umso stärker wirken. Visionäre klangliche Fenster gehen von dieser den Inbegriff der Romantik verkörpernden Symphonie in Sphären, an die sich bislang niemand vorwagte, auch Beethoven nicht.

Die eben beschriebenen Charakteristika zeichnen den gesamten Zyklus aus. 2015 ist das Orchester verdientermaßen für die Aufnahme der Symphonien Nr. 2 und 4 mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet worden. Wir wissen, wie unsachgemäß die Nachwelt mit Schuberts symphonischem Schaffen umging. Seine Große C-Dur hat Schubert Zeit seines Lebens nie hören können. Erst Felix Mendelssohn-Bartholdy machte sich 1839 in Leipzig an die verspätete Uraufführung. 

Die jetzt von der Kammerakademie Potsdam bei Sony erschienene Gesamtaufnahme, die auch das Andante (ergänzt und orchestriert von Brian Newbould) aus der 10. Symphonie enthält, lässt aber auch die  Menuette und Scherzi prachtvoll zu Geltung kommen. Der dynamische Grundduktus ist flott vorwärtsdrängend. Die mit Deutschlandradio Kultur koproduzierten Einspielungen profitieren zudem von einer plastischen, räumlich beeindruckenden Aufnahmetechnik, die die Tiefenstaffelung des Orchesters in jedes Wohnzimmer wie bei einem Live-Konzert projiziert. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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