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Michael Niavarani: DER FRÜHE WURM HAT EINEN VOGEL

04.01.2012 | buch

Michael Niavarani: 
DER FRÜHE WURM HAT EINEN VOGEL
Vermischte Schriften, Band I
352 Seiten, Amalthea Verlag 2011 

Wer je „Vater Morgana“ gelesen hat, ist Michael Niavarani  hoffnungslos und bedingungslos verfallen. Das zeigt sich auch an seinem neuen Buch – man erhält es wenige Tage nach dem Erscheinen, und schon ist die dritte Auflage (!) eingedruckt. Der Titel lautet „Der frühe Wurm hat einen Vogel“ (man merkt die umgedrehte Absicht und lächelt), die Bezeichnung ist nicht ohne Hintersinn „Vermischte Schriften, Band I“. Daraus ermisst man zweierlei – dass der Verlag a priori auf die Option von Folgebänden bestanden hat, und dass Niavarani schmunzelnd auf jene Werke hinweist, in denen die „vermischten“ Schriften von Wissenschaftlern zusammen sammeln, was im Lauf ihrer Editions- und Zeitschriften-Tätigkeiten an Kleinerem angefallen (und als solches schwer zu finden) ist. Nun manchmal hat es auch Niavarani mit der Wissenschaft. Wie viel von dem, was man liest, schon einmal im Kabarett sein Publikum fand, weiß man nicht. Man liest’s wie neu.

Allerdings muss man sich umstellen. Das ist nicht ganz so einfach und süffig wie „Vater Morgana“, das ein Thema hatte: „So sind die Perser, gesehen von persisch-österreichischem Nachwuchs“. Man stieg mit Wonne in diese gemischt-orientalische Familie, in der Kürze waren die Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen des Autors die des Lesers, man lachte sich mit ihm schief. Und bekam noch am Rande ein Ideechen vom “Kampf der Kulturen“ mit.

Ganz so leicht macht es Niavarani dem Leser diesmal nicht, er hat nicht eine Geschichte, in die man hineinhüpfen und sich wohlfühlen kann, er hat mehrere, und die muss er erst suchen. Zumindest besteht die erste Story („Die erste Geschichte“) darin, dass er sich mit seinem imaginären Leser (bzw. der Leserin) darüber unterhält, dass ihm absolut nichts einfällt, aber er doch dem Verlag versprochen hat, ein Buch zu schreiben… Niavarani ist ein Charmeur, er schäkert und flirtet, gurrt und schnurrt, plaudert und blödelt mit dem Leser, bis er mit ihm ganz intim ist. Das heißt, er kann ihn auch zwischendurch immer wieder ansprechen und die ganze letzte Geschichte („Abschlussparty“) wieder ganz als Privatgespräch halten…

Dazwischen wird es dann ernst, das heißt, ernst mit heiteren Kurzgeschichten: Zwei davon sind gewissermaßen klassische Geschichten, wobei er sich in der „Menage à Cinqu“ ausdenkt, wie ein Ehepaar und Sohn sowie Vater und Tochter kreuz- und querschlafen können, dass einem nur so die Haare zu Berg stehen. Schließlich glaubt Niavarani an den Zufall, der die unmöglichsten Konstellationen zustande bringt…

Die Geschichte eines 47jährigen Managers mit Burnout, das es angeblich nicht gibt, ist dann besser als der Titel „Die Leiter in der Hüpfburg“ vermuten lässt, denn die Mischung aus Satire (etwa auf die superteuren Kliniken, wo man für sein Seelenheil auszieht, Bäume zu umarmen) und bitterem Ernst (denn so lustig die Internet-Abhängigkeit sein mag, so tödlich für Seele und Geist ist sie auch) ist wirklich überzeugend.

Niavarani lässt sich noch ein Riesentreffen der Märchenfiguren einfallen, die vor einem Oger aus dem Märchenland in die Menschenrealität geflohen sind und dort teils verloren herumirren, sowie anderes, wobei er immer wieder seine Themen umkreist: Sex und Partnerschaft ist ihm wichtig, wenn er es à la Woody Allen angeht, ist er brillant, wenn er à la Gabriel Barylli schwafelt, ein bisschen weniger. Dann geht es ihm immer wieder um die Schöpfung, den freien Willen und natürlich Gott, zu dem sagt (und einwendet), was dem nüchternen Menschenverstand so einfällt (und was keinesfalls dumm ist). Und als dialektischer Denker hält er natürlich auch für möglich, dass die anderen Recht haben könnten:

„Aber das Gesicht von Papst Benedikt möchte ich sehen. Er freut sich schon auf einen kleinen Plausch von Kollege zu Kollege, da begrüßt ihn anstelle von Petrus ein arabischer Türsteher mit dunkler Brille und fragt nach seinem Ausweis.“

Ja, natürlich ist Niavarani auch als Autor zwischen Buchdeckeln Kabarettist. Und als solcher ist er – auch als Autor zwischen Buchdeckeln – Zeitkritiker. Und nicht von schlechten Eltern. Bei einem Brunch mit wohl betuchten Freunden, wo alle von der Krise reden, wettert er los – und das mit Power:

„Was redet ihr denn für eine Scheiße, bitte? Was für eine Krise? Wer ist denn in der Krise? Jeder hat einen Laptop, ein iPhone oder sonst irgendein Handy und zahlt für seine monatlichen Rechnungen mehr als ein Familienvater in Afrika das ganze Jahr verdient. Alle haben mindestens einen riesigen FlatScreen. Ihr fahrt Autos um Tausende von Euros. Wo ist denn da die Krise? Wir lassen uns einreden, wir steuerten einer Katastrophe entgegen, während wir ein Drittel mehr Lebensmittel produzieren, als wir fressen können. Lebensmittel, die wir wegschmeißen. Wir produzieren fünfzig Prozent mehr Waren, als wir nötig haben. Handys, Fernseher, Schuhe, Gewand, elektronische Produkte, sinnlose Dinge wie Fritteusen, die ohne Fett frittieren, iPod-Boxen, Computerzubehörschas. Alles so gebaut, dass es rechtzeitig kaputt geht und wir neues Zeugs kaufen. Wir leben nicht in der Krise, wir leben im Überschuss!“

Das muss doch auch einmal gesagt werden. Mittendrin im heiteren Niavarani.

Renate Wagner  

 

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