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MESSAGE FROM G. – Drei Konzerte von Friedrich Gulda; 6 LPs MPS Records

11.11.2016 | cd

Message from G. – Drei Konzerte von Friedrich Gulda; 6 LPs MPS Records

Musikalische Schätze liebevoll editiert

messa

Nach dem Wohltemperierten Klavier und den Diabelli Variationen hat das Label MPS nun die Bänder der drei Konzerte Friedrich Guldas vom 12., 13. und 15. Oktober 1978 aus dem Wiener Musikvereinssaal behutsam restauriert und die Musik auf CDs und LPs zugänglich gemacht. Der Produzent Christoph Stickel hat es sich dabei zur Aufgabe gemacht, die ganz spezielle Schönheit in musikalischer wie in klanglicher Sicht so herauszuarbeiten, damit er dem Sound der originalen Aufnahme so nahe wie möglich kommt. Das Ergebnis sind analoge Hörerlebnisse der ganz besonderen Art. Gulda ist dem Hörer mit diesen Konzerten, die er auch selbst knapp und launig kommentiert, so nahe wie noch nie.

Man könnte die drei Konzerte als persönliches Vermächtnis des großen Pianisten betrachten, enthalten sie doch neben Bach und Mozart (Fantasien KV 397, 475, Sonate KV 570), Stücken von Debussy (Les sons et les parfums tournent dans l‘air du soir, Ondine, La terrasse des audiences du clair du lune, Brouillard) jede Menge von Gulda selbst komponierter bzw. improvisierter Musik. Gulda nennt im Interview mit Jürgen Meyer-Josten als weitere Bezugsquellen seiner Eingebungen gewisse folkloristische Elemente arabischer Musik, aber auch aus Indien oder Spanien. Diese in der Manier des besten Jazz magisch hingepinselten impressionistischen oder durch Bach inspirierten Visionen gehören zum Besten der neuen Edition. Etwa die „Introduktion und Dance“, „For Paul“, „Variations“, „Prelude and Fuge“ oder die großartigen „Variations über dem Popsong Light my fire“. Nicht zufällig nennt Gulda die Abende Zusammenhänge I, Zusammenhänge II und „Darüber hinaus“. Die Bezüge, die Gulda zwischen klassischen Vorbildern und seinen groovig, herrlich poetisch und märchenhaft mäandernden Inventionen herstellt, sind ganz die seinen und höchste präzise formuliert. 

Im zweiten Konzert, der neben dem „Blues for Joe Venuti“ viel Mozart und Debussy enthält, gießt Gulda seine Vorstellung des Verbundenseins der musikalischen Welten über alle Zeiten hinweg in ruhigere, kontemplativere Töne. Gulda kämpfte stets gegen die „Langeweile“, dass „die eine Musik dieses Publikum hat und die andere ein anderes und die dritte ein drittes Publikum und die Sachen nicht zusammen kommen.“ Dabei macht Gulda nicht Crossover der simplen Art, sondern ist und bleibt der höchst anspruchsvolle Künstler mit vorurteilsfreiem und auch kaltem Blick. Bei Bach verwendet Gulda kein Klavier, sondern ein speziell verstärktes Clavichord, er hasst den unvollkommene Klang des Hammerklaviers. Bei manchen Variationen singt er mit, sein Mozart auf dem Bösendorfer ist – wie wieder einmal nachzuvollziehen ist – ohnedies zu recht legendär. Beim „Selbstgespräch im Kasgraben“ stimmen Gesänge zu Klavier und Flöte ganz auf Debussy ein, der besonders eindringlich gelingt. Gulda spielt hier die Flöte zu einem Playback-band, auf dem er Klavier spielt und einen Art „Qualtinger-Text“ singt.

Guldas Frau Ursula Anders, die ihn am Schlagzeug und weiteren Instrumenten bei der Aufnahme begleitete, erinnert sich: „Am Nachmittag des bevorstehenden Konzertes nahm mich Friedrich glücklich in seine Arme. Wir küssten uns und liebten uns innig aus ganzem Herzen und mit allen Sinnen. Goethe erklang in uns: ›Ist dies ein lebendig Wesen, das in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als Eines kennt?‹ Unser Liebesspiel entfaltete sich ganz spontan aus dem Gefühl heraus […] dieser improvisatorische Akt setzte sich am Abend in musikalischer Form fort.“ Am dritten Abend versucht Gulda auch die Erweiterung seiner Vorstellungen ins Poetisch oder Optische. „Der Besuch vom alten G.“ , der den letzten Teil ausmacht, wurde szenisch im Cuvilliés Theater aufgeführt. Gedichte sind für Gulda Worte, die eben sehr musikalisch sind und die fast eine Fortsetzung der Musik sind oder ein sanftes Überführen des Musikalischen in ein anderes Medium. In diesem Sinne spielt Gulda im „Poem“ Klavier, singt, pfeift, rezitiert und spielt Bassflöte. Ursula Anders trommelt, spielt auf dem Cymbal und singt.

Auf jeden Fall sind die Konzerte ein klangästhetisches Glaubensbekenntnis Guldas in audiophiler Qualität geworden. Guldas Universalismus, seine technische Meisterschaft gepaart mit atemberaubenden Solos, seine Selbstdarstellung und -inszenierung sind dank den Mikros so dicht am Ohr, dass der Hörer meinen könnte, als Mäuschen im Flügel zu sitzen. Vielleicht etwas aus der Zeit heraus, können Guldas Erklärungen zu den Konzerten und seine Ideen einer synkretistischen Kunst auch als extrem bildungsbürgerliche Sache aufgefasst werden. Gulda ist hier spießiger, als er denkt. Er verachtet bei seinem älteren Publikum die Vertiefung, gar das Schwärmen. Seine  Liebe gilt ausschließlich den jungen Leuten. Da hatte wohl einer selbst Schwierigkeiten, alt zu werden. Aber wenn er dies mit derart großartiger Kunst zu überwinden versucht, wie auf den drei Mitschnitten zelebriert, verziehen wir ihm auch diese juvenil-kindischen Publikumsbeschimpfungen. Was ein Musiker redet, ist am Ende nicht so wesentlich. Seine Musik ist es, die zählt.

Bemerkung zum Sound: Das Wunder an Aufnahmetechnik ist der Musik Produktion Schwarzwald MPS Studios und seinem Gründer Hans Georg Bunner-Schwer zu danken. Leute, staubt Eure Plattenspieler wieder ab, es ist Zeit, wieder mit analogem Hören die Ohren von so viel digitaler Entfremdung und MP3-Verkleinerung auszuputzen. Die LPs sind in schwerem 180 Gramm Virgin Vinyl gepresst. Zur rein haptischen Freude kommt die Freude am unmittelbar und unverstellten Wahrnehmen von Musik, am Teilhaben am vollen  Klang samt allen Obertönen. Dazu liefert Gulda noch Sternstunden an hoher Klavierkunst: Futter für die schönen Stunden des Lebens…

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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