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MENDELSSOHN/BERLIOZ: Berliner Philharmoniker; Claudio Abbado „The Last Concert“

31.01.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

maxresdefault (1) MENDELSSOHN/BERLIOZ: Berliner Philharmoniker; Claudio Abbado „The Last Concert“ – Hommage an einen großen Musiker – 2 CD, 1 Pure Audio Blu-ray Disc. inkl. HD-Konzert-Video, Berliner Philharmoniker Recordings

Dieses im Mai 2013 in der Berliner Philharmonie aufgenommenen Programm mit dem Sommernachtstraum von Felix Mendelssohn-Bartholdy und der Symphonie fantastique von Hector Berlioz sollte Abbados letztes gemeinsames Konzert mit seinen Berlinern gewesen sein. Dieser Mitschnitt, der in seiner federnden Leichtigkeit und tänzerisch-feinen Magie alles andere als nach Abschied klingt, wird nun vom hauseigenen Label der Berliner Philharmoniker in einer ansprechenden Hardcover-Leinenedition veröffentlicht. Wie man es von diesem innovativen Label gewohnt ist, wird der Musikfreund mit einer wohl einzigartigen Multimedia-Auswahl verwöhnt. Die rote Box mit Goldschrift und der geprägten Signatur des Maestro enthält zwei CDs und eine Blu-ray Disc mit der Einspielung im Pure-Audio sowie im Full HD Video Format. Ergänzt wird die Edition durch den Dokumentarfilm „Abbado in Berlin – Das erste Jahr“, Erinnerungen von Mitgliedern der Berliner Philharmoniker an Claudio Abbado sowie ein umfangreiches Booklet mit zahlreichen Fotos. 

Claudio Abbdo, der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker von 1990 bis 2002, hatte ein ebenso geniales Händchen für die deutsche (Früh)Romantik, die italienische Oper (vor allem Rossini und Verdi) als auch für die Moderne. Seine Mendelssohn Aufnahmen sind wahrscheinlich unerreicht. So zaubert Abbado auch bei diesem Sommernachtstraum des 17-jährigen Mendelssohn im Mai 2013 in Berlin Stimmungsbilder zwischen „klassischer Antike und duftiger Feenwelt.“ Der Hörer kann so plastisch in die Shakespearsche Geschichte rund um das Athener Herrscherpaar Theseus und Hippolyta, den Elfenkönig Oberon, seinen Hofnarren Puck und anderen Geisterwesen des Waldes eintauchen. Den berühmte Hochzeitsmarsch habe ich noch nie schöner gespielt gehört. Es sangen Deborah York (Sopran), die wunderbare jüngst viel zu früh verstorbene Stella Doufexis (Mezzosopran) und die Damen des Chors des Bayerischen Rundfunks. 

Als Kontrapunkt dazu hatte Abbado Berlioz Symphonie fantastique gewählt. Im Booklet wird im Aufsatz „Ungleiche Brüder“ köstlich erzählt, dass die beiden Komponisten so gar nichts von Seelenverwandten an sich hatten. Mendelssohn mochte Berlioz eigentlich gar nicht.  „Ich mag diesen nach außen gekehrten Enthusiasmus, diese den Damen präsentierte Verzweiflung und die Genialität in Fraktur, schwarz auf weiß, ein für allemal nicht ausstehen.“ Diese Abneigung war aber durchaus gegenseitig, wenngleich sie bei ihrem letzten Zusammentreffen ihre Dirigentenstäbe tauschten.  

Für den heutigen Hörer stellt sich die Sache natürlich anders dar und es ist mehr als spannend, nach dem klassischeren Mendelssohn einzutauchen in die Opiumfantasie mit grelleren, harmonisch kühneren Klangwelten eines Berlioz. Die manchmal etwas pubertär anmutenden Traumbilder und Visionen rund um die Idée fixe einer imaginären Geliebten werden von den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado passioniert und mit Hingabe an das Detail musiziert. Ob “wahnsinnjge Herzensangst“, Pastorale, Hinrichtung, Walpurgisnacht, Dies Irae, Abbado formt daraus eine symphonische Oper der Extreme, aber mit jener analytisch angehauchten Italianità, die ästhetisch zum Markenzeichen Abbados geworden ist: „Wenn ich ein Werk erarbeite, bin ich immer ganz verliebt darin. Ich kann das nicht anders nennen. Vielleicht überträgt sich diese Emphase, diese Intimität auf das Orchester, und nach einer Weile verlieben die sich auch.“ Vielleicht ist dieser schöne Satz der Schlüssel dafür, dass ein Abbado-Abend immer etwas ganz besonders war. Mir sind seine wunderbaren Operndirigate an der Wiener Staatsoper (u.a. Il Viaggio à Reims, Italiana in Algeri, Don Carlo, Simone Boccanegra, Pelleas et Melisande, Chowanchtchina, Boris Godunow, Elektra) in bester und dankbarer Erinnerung. Daran knüpft auch diese rundum gelungene Edition als würdiger akustischer Gedächtnisakt auf das Beste an.

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

 

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