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MEININGEN: ABAI – Kasachische Oper von Achmet Schubanow und Latif Hamidi

21.10.2012 | KRITIKEN, Oper

Kasachische Oper in Meiningen: „Abai“ von Achmet Schubanow und Latif Hamidi (Vorstellung: 20. 10. 2012)


Foto: Theater Meiningen

 Kasachstan – mit diesem bei uns eher unbekannten Land kamen zuletzt Österreichs Fußballer durch die beiden Qualifikationsspiele zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Berührung und die Tennisspieler müssen demnächst in der ersten Runde des Davis-Cups gegen Vertreter dieses Landes spielen, aber wer kennt schon kasachische Musik oder Opern? Nun jedoch hat man seit September die Möglichkeit, in Meiningen im schmucken, vor zwei Jahren renovierten Südthüringischen Staatstheater die Deutsche Erstaufführung der Oper „Abai“ von Achmet Schubanow und Latif Hamidi kennenzulernen, die als kasachische Nationaloper gilt. Mit ihr wird seit der Uraufführung des Werks im Jahr 1944 jede Saison des Opernhauses in Almaty, dem früheren Alma-Ata, eröffnet.

 Achmet Schubanow (1906 – 1968), der ab 1929 im damaligen Leningrad am Konservatorium und an der Kunstgeschichtlichen Akademie studierte, gilt als Pionier der Institutionalisierung musikalischer Ausbildung und Volksmusikforschung seines Heimatlandes und war ein Sammler von Volksliedern. Er war Dirigent und Komponist, schuf die beiden Opern Abai und Tolegen Tochtarow (beide mit Latif Hamidi), sein letztes Projekt Kurmangasy blieb unvollendet und wurde später von seiner Tochter Gaziza fertig komponiert. Seine musiktheoretischen Werke Das musikalische Alphabet und Die Saiten der Jahrhunderte sind in Kasachstan sehr populär.

 Latif Hamidi (1906 – 1983) gilt als einer der Gründer der tatarischen und kasachischen professionellen Musik. Er entstammt einer tatarischen Familie und wurde in der Nähe von Kasan geboren, wanderte zuerst nach Usbekistan aus und zog, nachdem er seine musikalische Ausbildung in Moskau absolviert hatte, nach Kasachstan um, wo im Jahr 1943 die fruchtbare Zusammenarbeit mit Achmet Schubanow begann. 1945 war er an der Komposition der Nationalhymne Kasachstans beteiligt, ein Jahr später erschien seine Oper Dshambul und Ajkumys, 1948 seine Operette Balbulak (Die Honigquelle). Seine Lehrbücher über Instrumentierung gelten als wegweisend, seine Musik erklingt noch heute in Konzerten und Theatern sowie im Rundfunk und Fernsehen Kasachstans.

 Die Oper Abai, deren Libretto Muchtar Auesow verfasste, schildert die Geschichte des jungen kasachischen Liebespaares Ajdár und Ažar, das unter den rigiden muslimischen Moralvorstellungen seiner Heimat zu leiden hat, und die Geschichte des berühmten kasachischen Dichters Abai, der die beiden zu schützen versucht. Ajdár und Ažar werden wegen ihrer „verbotenen“ Liebe – Ajdár wird wegen seiner freigeistigen Ideen angefeindet, Ažar darf nach den strengen Regeln der Gesellschaft ihren Mann nicht selbst wählen – an den Pranger gestellt. Abai kann in letzter Sekunde eine Lynchjustiz verhindern und fordert einen fairen Prozess für das Paar, das schließlich freigesprochen wird und heiraten darf. Abai hat sich mit seinen Bemühungen um eine moderne und aufgeklärte Weltsicht allerdings viele Feinde gemacht – und bei der Hochzeitsfeier verüben Verschwörer auf ihn einen Anschlag, dem allerdings Ajdár zum Opfer fällt. Während des ausgelassenen Festes entreißt er aus Übermut Abai das Glas mit dem vergifteten Wein und trinkt ihn. Während er eine Hymne auf die Zukunft singt, bricht er zusammen und stirbt. Wegen seiner hasserfüllten Tiraden gegen das Paar kommt Žirensché als Drahtzieher des Anschlags in Verdacht. Da er den heiligen Eid auf seine Unschuld nicht schwört, wird er abgeführt. Das Volk stimmt ein Klagelied an, Abai blickt sorgenvoll der Zukunft seines Heimatlandes entgegen.

 Ansgar Haag schuf eine packende Inszenierung von dichter Atmosphäre, in der auch das kasachische Kolorit nicht zu kurz kommt, wobei er die Drehbühne des Hauses für die fünf Bilder der Aufführung exzellent zu nutzen verstand. Bühnenbildner Dieter Richter ließ einen vielseitig verwendbaren Kulturpalast bauen, wie er in den früheren Staaten der Sowjetunion überall zu finden ist. Die einzelnen Szenen spielen in einem Kino, im Gerichtssaal und im Hochzeitsraum. Die passenden, teils farbenprächtigen Kostüme – muslimische Gewänder, Uniformen und kasachische Trachten überwogen – entwarf Kerstin Jacobssen.

 Die beachtliche Wortdeutlichkeit des internationalen Sängerensembles – es wurde deutsch gesungen (die Übersetzung nahm Alwina Meissner vor) – war eine der erfreulichen Überraschungen für das Publikum, das nur selten auf die Übertitel blicken musste.

 In der Titelrolle des Dichters Abai bot der koreanische Bariton Dae-Hee Shin stimmlich wie darstellerisch eine beeindruckende Leistung. Mit seiner starken Ausstrahlung beherrschte er die Bühne von der ersten bis zur letzten Szene. Sehr sympathisch wirkte das Liebespaar Ajdár und Ažar. Er wurde vom feschen mexikanischen Tenor Rodrigo Porras Garulo mit Schmelz und Kraft, sie von der hübschen brasilianischen Sopranistin Camila RiberoSouza mit hell leuchtender Stimme gesungen. Ažars Freundin Karlygásch wurde von der finnischen Mezzosopranistin Carolina Krogius gegeben, die vor allem schauspielerisch gefiel, hatte sie sich doch der dreisten Annäherungen von Ajdárs Dichterfreund Kokbaj zu erwehren, der – vom französischen Bariton Francis Bouyer überzeugend gespielt – sie während der Hochzeitsvorbereitungen fortwährend zu küssen versucht.

 Als Richter Syttan, der als hochdekorierter General in Uniform Recht sprach, konnte sich der österreichische Bass Ernst Garstenauer mit seiner strengen Diktion und militärischen Haltung Autorität beim Volk verschaffen. Die konservative, auf alte Moralvorstellungen beharrende muslimische Seite wurden vom griechisch-amerikanischen Bassbariton Stephanos Tsirakoglou in der Rolle des aufrührerischen Žirensché, vom chinesischen Tenor Xu Chang als Asím und vom polnischen Tenor Stan Meus als Stammesvater Narymbét sehr eloquent dargestellt.

 Zu nennen sind noch der Schauspieler Gerhard Goebel in der Rolle des eifersüchtigen Mes, Ažars Bräutigam, und die Tänzerin Lelia Fischer, die mit großer Virtuosität über die Bühne wirbelte. Eindrucksvoll der Chor des Meininger Theaters (Einstudierung: Sierd Quarré), der besonders am Schluss mit dem Klagelied des Volks (nach Goethes Wanderers Nachtlied) durch Stimmkraft und Ausdruck überzeugte.

 Die romantisch klingende Partitur der beiden Komponisten, die des Öfteren an Tschaikowsky und Rimski-Korsakov erinnert und folkloristische Bezüge aufweist, wurde von der Meininger Hofkapelle unter der Leitung des jungen Gregor Rot mit großem Impetus wiedergegeben. Das begeisterte Publikum im fast ausverkauften Haus reagierte nach Fallen des Vorhangs spontan mit zahlreichen Bravo-Rufen! Starker minutenlanger Applaus belohnte alle Mitwirkenden dieses musikalisch hochinteressanten Opernabends.

 Udo Pacolt, Wien – München

 PS: Regisseur Ansgar Haag und das Meininger Theater widmeten die Produktion dem Andenken an Operndirektor Dr. Klaus Rak, der kürzlich verstarb. Ein Nachruf auf ihn war in der Nr. 8 / 9 dieses Jahres in der Opernzeitschrift „Der neue Merker“ abgedruckt.

 

 

 

 

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