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Maximilian Schell: ICH FLIEGE ÜBER DUNKLE TÄLER

10.09.2012 | buch

Maximilian Schell:
ICH FLIEGE ÜBER DUNKLE TÄLER
Erinnerungen
320 Seiten. Hoffmann und Campe, 2012 

In dem Holzhaus auf der Kärntner „Alm“, das sich seit Menschengedenken im Besitz der Familie befindet (Maria Schell hat dort ihre letzten Lebensjahre verbracht), stapeln sich an die 150 Kisten, die Maximilian Schell aus seinen verschiedenen Wohnsitzen (Los Angeles, Zürich, München) dorthin geschafft hat. Eine unglaublich kostbare Sammlung von Unterlagen eines Lebens – Bilder, Dokumente und vor allem Autographen: Wer kann schon einen Brief von Hermann Hesse an den eigenen Vater an den Beginn seiner Memoiren stellen? Schell kann. Es ist von allem Anfang an ein Leben, das sich in den Reihen der „Royalities“ der Künste bewegt hat.

Er erzählt locker, nicht unbedingt chronologisch, vor allem auf seine Arbeit konzentriert – Privates in Bezug auf die Frauen seines Lebens sucht man vergeblich. Nur ganz zu Beginn ist der 82jährige Autor (allerdings ohne nähere Bezeichnung) mit seiner derzeitigen blonden, sehr jungen Freundin zu sehen. Überreich wird derjenige beschenkt, der nicht schnüffeln („Wie war das mit Soraya?“), sondern vieles aus der Welt des Theaters und des Films wissen möchte.

Schön sind schon die Jugenderinnerungen (mit dem bezaubernden Gedicht, das der Vater, der Schweizer Dichter Hermann Schell, seinem „geliebten Sohn“ gewidmet hat): Hat die Familie, als man das Wien der Wiener Mutter in Richtung Schweiz verließ (1938 emigrierte man besser, wenn man konnte), doch in Zürich in der Villa Wesendonck gelebt. In einem Dienstbotentrakt zwar nur, aber doch im Dunstkreis von Richard Wagner – was Schell in der Erinnerung dann gleich nach Los Angeles führt, wo er (mit dem fatalen Premierendatum 9/11, ja, in diesem Jahr!) bei Placido Domingo an der Oper „Lohengrin“ inszenierte und dem Leser Einblicke in das Denken des Wagner-Regisseurs Schell gibt. Dass er kein klassischer Wagner-Fan war, hat ihm übrigens Marcel Prawy sehr übel genommen: Der konnte gar nicht verstehen, wie es jemand wagte, Wagner zu inszenieren, der nicht für den Komponisten glühte…

Es ist keine chronologische Biographie, wie sie jemand schreiben würde, der von außen kommt: Schell hat das Verfügungsrecht über seine Lebensgeschichte, erzählt also bunt durcheinander, etwa von Marlon Brando, mit dem er in „Die jungen Löwen“ spielte – und berichtet bei dieser Gelegenheit sehr eindrucksvoll, dass junge Schauspieler von Hollywood-Agenten behandelt wurden wie seelenloses Fleisch, das verkäuflich war oder nicht… (Später widmet er seiner deutschen Agentin Erna Baumbauer ein ganzes Kapitel des Lobes und der Würdigung ihrer eigentümlichen Persönlichkeit.)

Originell auch, wie Schell mit seiner europäischen „Selbstherrlichkeit“ bei den Amerikanern nur Kopfschütteln erntete – man sagte ihm, er bekäme die Rolle, und er wollte noch das Drehbuch lesen???

Zurück in das Deutschland der Nachkriegszeit, Schell als hoffnungsfroher Theaterschauspieler, Vorbild Josef Kainz (dessen Namen Lokalpolitiker in Wien nicht mehr kennen, so dass sie sie „Kainz-Medaille“ abgeschafft haben…). In der Folge schildert Schell im Laufe des Buches geradezu wundervoll Begegnungen mit ganz großen (oder weniger großen) Regisseuren: der so besondere Giorgio Strehler, der unendlich schwierige Rudolf Noelte (mit dem er sich bei der Verfilmung von „Das Schloß“ nicht über das Rollenkonzept des Josef K. einigen konnte – aber „da meiner Überzeugung nach ein Schauspieler nur das Instrument des Regisseurs ist, folgte ich seiner Auffassung“), der glatte Ernst Hauesserman, der sich in Salzburg auf nicht die geringste Diskussion über „Jedermann“ einließ, weil es ihm am einfachsten schien, einfach nachzumachen, was Max Reinhardt einst vorgegeben hatte, schließlich im Zusammenhang mit seinem (Schells) Hamlet Gustaf Gründgens, für den er gar nicht genügend Lanzen brechen kann, auch über dessen Verhalten im Dritten Reich.

Wir lernen mit Maximilian Schell Judy Garland kennen, die nicht wusste, wer Mozart war, aber Tränen weinte, als sie seine Musik hörte. Marlene Dietrich, die schon in Hollywood mit ihm ganz selbstverständlich nur Deutsch sprach und ihm später bei der Dokumentation, die er über sie drehte, alle Schwierigkeiten machte, so dass er am liebsten die Arbeit niedergelegt hätte (er tat es nicht). Orson Welles, den Schell für ein Genie hielt. Friedrich Dürrenmatt, der so Trinkfeste und Skurrile.

Er erzählt, wie er begann, Bilder zu sammeln (und sie dann verkaufte, um die Schulden seiner Schwester Maria zu bezahlen – die anderen Geschwister kommen in dem Buch übrigens so gut wie nicht vor).

Und am Ende erweist er sich als mit allen kulturellen Wassern gewaschener Europäer und liefert noch ein kleines Gustostück aus seiner Feder: Schell ist nämlich davon überzeugt, dass Napoleon Beethoven in Wien getroffen hat (Argument: Jemand, der so an deutscher Kultur interessiert war wie Napoleon – schließlich traf er auch Goethe! -, hätte es sich einfach nicht nehmen lassen, bei seinem „Besatzer“-Aufenthalt in Wien mit dem verehrten Komponisten zusammen zu treffen und ihn zu fragen, warum er die Widmung der „Eroica“ rückgängig gemacht hat.) Schell hat nun ein Drehbuch über die (fiktive) Begegnung der beiden geschrieben – wo Beethoven Napoleon glatt ins Gesicht sagt, er sei ein Massenmörder geworden. Dies als schönes Wiener Schmankerl zum Drüberstreuen.

Eine Bitte an den Verlag: Bei der nächsten Auflage dieses Buches und bei den Fortsetzungen, die sicherlich noch folgen können (und sollen!), wenn man an die vielen Kisten Material denkt, die Schell hoffentlich noch inspirieren, möge man bitte die Autographen und Bilder in weit höherem  Ausmaß mit „Übersetzungen“ (nicht jeder kann Handschriften lesen) und Beschriftungen versehen. Und ein Personenregister wäre auch schön.

Renate Wagner

 

 

 

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