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MAUREEN FORRESTER singt Lieder – Aufnahmen des RIAS Berlin 1955-1963

11.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

4022143214379 MAUREEN FORRESTER singt Lieder – Aufnahmen des RIAS Berlin 1955-1963, AUDITE 3 CDsLuxuriöse Altstimme verströmt sich in Brahms, Mahler, Schubert, Schumann Wagner, Britten und Poulenc

VÖ: 12.8.2016

Das Singen war dieser wohl klang- und obertonreichsten Altistin aus Kanada nicht in die Wiege gelegt. Als viertes Kind einer in prekären Verhältnissen lebenden Einwandererfamilie in Montreal geboren, musst sie sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten als Verkäuferin, Telefonistin und Sekretärin durchschlagen. Das erinnert an den Beginn der Karriere von Martha Mödl, die ja auch mit Büroarbeiten überlebte, bevor sie nach 2 Jahren Gesangsunterricht den prädestinierten Weg zur Bühne fand. Maureen Forrester aber wendete sich schon früh einer Konzertkarriere zu, unterstützt vom Bariton Bernard Diamant und dem Pianisten John Newmark. Den entscheidenden Anstoß zur Weltkarriere, die immer mit dem Namen Gustav Mahler verbunden sein wird, war Forresters Begegnung mit Bruno Walter, der diese herrliche Stimme entdeckte und sie für die Auferstehungssymphonie 1957 in der Carnegie Hall engagierte. Verlässlichkeit, Robustheit und eine somnambule Musikalität sicherten ihr Auftritte unter Dirigenten wie Abbado, Karajan, Bernstein, Klemperer, Maazel, Levine, Mehta, Muti, Markevitch, Stokowski, Barbirolli oder Szell, die 100 Abende pro Jahr absolvierte. Auf der Opernbühne fand man sie seltener, immerhin gab es Auftritte als Orfeo, Giulio Cesare, Fricka, Quickly , Ulirica oder Erda.

Die technisch für die Aufnahmezeit hervorragenden auf Originalbändern des RIAS Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor) basierenden Publikationen zeigen Forrester auf dem Zenit ihres Könnens. Perfekte Intonation, ein Vortrag sul fiato, ein ebenmäßig über alle Lagen ausgewogen fließender Goldton und ein introspektiver klangbetonter Ausdruck machen Forrester zu einer der profiliertesten Liedsängerinnen nicht  nur der fünfziger und sechziger Jahre, sondern des 20. Jahrhunderts überhaupt. Vom Stil her einer Lotte Lehman nicht unähnlich, liegen Eleganz im Ausdruck und eine ebenmäßig kultivierte Stimme vor entäußerter und zur Schau gestellter Expressivität. Das liegt nicht an einem Limit der Ausdruckspalette wie bei anderen Sängerinnen, sondern ist in einem bewussten künstlerischen Akt des Vortrags begründet, einer Interpretation allein aus dem Wort und seinen klanglich-semantischen  Räumen heraus. Begleitet von hervorragenden PianistInnen wie Hertha Klust, Michael Raucheisen oder Felix Schröder können auf den drei CDs das wohl programmatisch breite und glanzvolle Können dieser Sängerin nachvollzogen werden. Dabei stehen selbstverständlich Gustav Mahlers Rückert Lieder, die Wesendock Lieder Wagners, die Zigeunerlieder Op. 103 von Johannes Brahms oder Loewes vier Lieder Op. 9 im Mittelpunkt. Freilich bringt es die tiefe Stimmlage mit sich, dass die dynamische Streuung vielleicht nicht so differenziert gelingt wie bei einem Sopran, ein gewisser steter Orgelton erlaubt zwar ein breites Spektrum an Farben und Phrasierung, die eher instrumental geführte Stimme verharrt aber meist im messa di voce. Extreme auch in der Deklamation werden trotz untadeliger Textverständlichkeit weitgehend vermieden.

Die musikhistorische und stilistische Bandbreite von Maureen Forrester zeigt sich schon daran, dass neben den erwähnten Komponisten  auch Lieder vonCarl Philipp Emanuel Bach, Johann Wolfgang Franck (17. Jahrhundert), Joseph Haydn, Franz Schubert, Robert Schumann, Benjamin Britten, Samuel Barber und Francis Poulenc präsentiert werden. Ein reines und intensives Hörerlebnis wie aus einer anderen Welt – diese Art des höchst kunstvollen Liedgesangs ist wohl vollends verlustig gegangen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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