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MARTINA FRANCA/Palazzo Ducale: CRISPINO E LA COMARE ( Luigi e Federico Ricci )

31.07.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

MARTINA FRANCA / FESTIVAL DELLA VALLE D‘ ITRIA / PALAZZO DUCALE : CRISPINO E LA COMARE ( Luigi e Federico Ricci ) am 29.7.2013


Crispino. Foto: Festival della valle d’Itria

 Einst ein Welterfolg im wahrsten Sinne des Wortes, denn nicht nur in Europa, sondern auch in den Vereinigten Staaten, Südamerika und Calcutta (!) auf und ab gespielt, seither in Vergessenheit geraten und nur noch Musikologen geläufig : die Oper “ Crispino e la Comare ( Crispino und die Taufpatin ) “ der Brüder Ricci.

Oper ? Die genaue Bezeichnung des Autors Francesco Maria Piave ( ja, der berühmte Verdi- Librettist, der ein Jahr später Rigoletto verfassen wird) lautet melodramma fantastico – giocoso. Was eigentlich auch nicht viel mehr aussagt…außer dass das Werk eben eines sui generis ist, irgendwie einzigartig und nirgends genau einordenbar.

 Das beginnt schon mit der Handlung:

Der einfältige Schuster Crispino will sich aus Armut umbringen. Da erscheint ihm die “ Comare ( Patin, Taufpatin, Fee) und rät ihm statt dessen sein Glück als Arzt zu versuchen. Wenn sie neben einem Kranken erschiene, würde dieser sterben, wenn nicht, dann nicht. Aufgrund dieses einfachen Zeichensystems mausert sich der ungebildete Schuster zum Wunderheiler, überflügelt alle Doktoren seines Dorfes, wird reich, berühmt und – präpotent. Er fängt an zu trinken und seine Frau und seine Kinder zu misshandeln. Darauf schreitet die “ Patin „, die sich als die “ Tödin “ entpuppt, ein und schleppt ihn in die Unterwelt. Aber wer kann schon dem innigen Flehen eines italienischen Familienvaters widerstehen ? Und so wird der reuige Sünder wieder mit den Seinen vereint…

Diese gelahrte Reflexion über Leben und Tod und über die Macht über Leben und Tod soll der Stoff für eine anständige opera buffa sein ?

Da kommen ja weit und breit keine Mündel, keine Kammmerzöfchen, keine Schäfer und keine bösen Onkels oder Grafen vor …!

 Und erst die Musik ! Da gibt es zwar entfernte Echi von Rossini und Donizetti, aber ansonsten ist sie originell und originär und überrascht vor allem mit einer Fülle von Walzern ( !!!! ).“ Crispino e la Comare “ ist ein Unikat, eine Proto- Operette, ein Offenbach avant-la-lettre.


La Comare. Foto: Festival della valle d’Itria

Und somit hat sich das Festival della Valle d‘ Itria im apulischen Martina Franca, das ja für solche Wiederbelebungs-Operationen berühmt ist ( und uns zB. auch schon den ebenso originellen “ Don Bucephalo “ Cagnonis wiedergeschenkt hat) völlig zu Recht dieses Findlings angenommen.

 Die Inszenierung des Südafrikaners Alessandro Talevi erschien zwar manchen als etwas zu trashig, verlegte aber geschickt das Geschehen in ein nach ewiger Jugend, Botox und Markennamen süchtiges Heute.

Grossartigst der verzweifelte, vulgäre, heimtückische, rachsüchtige, grössenwahnsinnig neureiche “ Doktor“ Crispino des Domenico Colaianni,der diese Rolle mit einer Souveränitat und einem Gestaltungsreichtum spielte und sang, als hätte er sie schon 100 mal „gegeben „.

Ihm in nichts nachstehend Stefania Bonfadelli als seine Gattin Ninnetta und Mattia Olivieri als gegnerischer Dottore, die ihre – für eine buffa ebenfalls völlig ungewöhnlich – ca. 15 Minuten langen halsbrecherischen Arien mit Leichtigkeit meistern. Sehr gut auch Romina Boscolo als – in dieser Produktion – transvestitenhafte “ Comare “ mit rauchigem Timbre.

Hervorragend das Orchestra Internazionale d’Italia unter Jader Bignamini.

 Zweieinhalb Stunden ungetrübten Vergnügens. Volksoper,vortreten !

 Robert Quitta, Martina Franca

 PS: Wer jetzt neugierig geworden ist, dem sei gesagt ,dass die heuer endlich wieder nach Martina Franca zurückgekehrte  Plattenfirma DYNAMIC das Werk im Spätherbst als CD und DVD veröffentlichen wird.

 

 

 

 

 

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