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Martin Geck: MATTHIAS CLAUDIUS

14.10.2014 | buch

BuchCover Geck, M. Claudius

Martin Geck: 
MATTHIAS CLAUDIUS
Biographie eines Unzeitgemäßen
320 Seiten, Siedler Verlag, 2014 

Autor Martin Geck ist für seine Musiker-Biographien von Bach bis Wagner bekannt. Dass er erstmals einen Dichter „aufs Korn“ nahm, erklärt er in dem – durchwegs sehr persönlich gehaltenen – Buch schon im Vorwort: Als Kind sei er mit den Claudius-Gedichten aufgewachsen, die ihm auch im Liederbuch begegneten, ist doch gerade dieser Dichter immer wieder vertont worden.

Der Leser dieser Claudius-Biographie wird auch bald einsehen, warum er von diesem Dichter fast ausschließlich seine Lyrik kennt (dankenswerterweise werden die wichtigen Gedichte stets dort eingefügt, wo sie biographisch oder thematisch im Kontext der Beschreibung stehen) – wobei für unsere Zeit wahrscheinlich weniger „Der Mond ist aufgegangen“ mit seinen „goldenen Sternlein“ relevant ist, sondern das packende Kriegslied (das vor allem im 20. Jahrhundert hoch geschätzt wurde, von Karl Kraus über Thomas Mann bis Kurt Tucholsky).

Geboren 1740, war Claudius ein Zeitgenosse aller großer deutschen Dichter dieser Epoche (Goethe selbst begegnete er allerdings nur einmal persönlich). Der Pastorensohn brauchte lange Zeit, bis er zu seiner „Berufung“ fand: Im Grunde seines Herzens war er Journalist, und tatsächlich wird die Lebensbeschreibung erst spannend, als er sich 1770 nach Wandsbek (damals noch ein Vorort von Hamburg) wandte und seinen Namen untrennbar mit dem „Wandsbecker Bothen“ verband. Der war gewissermaßen die Privatzeitung eines reichen Herren (Heinrich Carl von Schimmelmann), der wohl nicht ahnte, dass er mit dem Engagement dieses Redakteurs in die deutsche Literaturgeschichte eingehen würde.

Claudius war gänzlich für das Blatt verantwortlich, fand erstaunliche Mitarbeiter, schrieb selbst vieles, vor allem auf dem Gebiet der Kultur. Die Kunstfigur „Asmus“, die er erfand, wurde sein allgemein bekanntes Pseudonym, in dem er sich so witzig satirisch wie zeitkritisch äußerte. Interessant angesichts der im Buch angebotenen Zitate ist die Tatsache, dass man sich mit einigen der Texte durchaus schwer tut – knapp zweieinhalb Jahrhunderte, und trotz derselben Sprache sind Veränderung nicht nur in der Syntax, auch in der Denkweise evident.

Was vielleicht ein Grund dafür sein mag, dass von den gesammelten Artikeln des Matthias Claudius, den „Asmus“-Bänden (er hat nie ein Werk wie einen Roman verfasst), kaum etwas im Bewusstsein der Nachwelt lebt. Die Gedichte – ob Sinngedichte, ob Stimmungslyrik, ob teilweise  gewissermaßen lächelnde Belehrung – erreichen uns großteils umweglos.

Autor Martin Geck erzählt von Claudius ganz eng an seinem Leben entlang. Das beinhaltet die äußeren Umstände, erst in Wandsbek, später in Darmstadt (ein Intermezzo von zwei Jahren, als der „Bothe“ eingestellt worden war), dann wieder nach Wandsbek zurückgekehrt: Man erfährt, wie er denkt, wie er ist, lernt sein kritisches politisches Bewusstsein kennen (mit einer starken Anteilnahme am Schicksal der Bauern, die sich bei keinem seiner dichtenden Zeitgenossen findet), ohne dass er an blutige Revolution dächte.

Man erfährt viel Privates, seine glückliche Ehe mit der um 14 Jahre jüngeren Anna Rebecca, geborene Behn (die er auch „mein liebes Bauernmädchen“ nannte), mit der er zahlreiche Kinder hatte, von denen elf (!) überlebten – deren Geschichte verwebt sich im Lauf der Jahre mit dem Leben des Vaters, der seinerseits nichts Aufregendes „erlebt“ hat und sich als „freier Schriftsteller“ (mit vielen Übersetzungen) durchaus schwer durchs Leben brachte.

Es ist faszinierend, in die Lebensumstände des 18. Jahrhunderts einzusteigen, wo „Coffee und Tabak“ die Luxusgüter für einen Mann sind, der oft schwer das Nötige für seine immer wachsende Familie herbeischafft. Er muss zeitweise als Buchprüfer tätig sein, um Geld zu verdienen. Aber ein Haus voll von Kindern ist bei ihm auch ein Haus voll Hausmusik…

Man begegnet Claudius zuerst als aufgeschlossenem Geist und Freimaurer-Logenbruder, trotz seiner „theologischen“ Herkunft an kein religiöses Bekenntnis gebunden. Aber  im Lauf seines Lebens begann er zunehmend, zu konservativeren Haltungen zu neigen, zeigte auch immer mehr Skepsis der Aufklärung gegenüber. Zeitgenossen, die vom Autor immer wieder als (oft widersprüchliche) Zeugen herangezogen werden, wissen mit zunehmenden Jahren von seinem schrulligen Benehmen zu berichten.

Claudius lebte bis in die Epoche der Napoleonischen Kriege. Sie waren es auch, die ihn aus Wandsbek vertrieben, so dass er 1815 dann in Hamburg im Haus einer seiner Töchter starb – alle hatten gut geheiratet, die überlebenden Söhne hatten es zu etwas gebracht. Der Familienmensch war ein ganz wichtiger Teil dieses Matthias Claudius.  

Der Verlag Siedler schickt dieses Buch schon 2014 in die Buchhandlung, der 200. Todestag des Dichters wird sich erst im Jänner 2015 jähren. Aber man kennt es ja – wenn große Jahrestage anstehen, können andere unter den Tisch fallen (so wie Gluck im Jahr von Richard Strauss untergegangen ist). Diese Gefahr hat man nun umfahren: Man kann Matthias Claudius zwischen Buchseiten biographisch begegnen und ihn ungemein gründlich kennen lernen.

Renate Wagner

 

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