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Martin Geck: BEETHOVEN

BuchCover Geck, Beethoven

Martin Geck:
BEETHOVEN
Der Schöpfer und sein Universum
510 Seiten, Siedler Verlag, 2017

Es mag Tausende und Abertausende Bücher über Ludwig van Beethoven geben, für die Nachwelt ist das Thema „Beethoven“ nie ausverhandelt. Die Herausforderung für Autoren besteht nun darin, ihm neue Aspekte abzugewinnen. Erzählende Biographien haben kaum Neues zu bieten, also wird oft querschnittartig verfahren – die Schauplätze eines Lebens, die Personen eines Lebens, was immer sich anbietet. Autor Martin Geck, der in einem langen Autorenleben viele Musiker (aber auch einen Dichter wie Matthias Claudius) biographisch abgehandelt hat und auch schon zu Beethoven Spezialbetrachtungen lieferte, nennt sein neues Buch nun „Der Schöpfer und sein Universum“.

Es ist ein „Beethoven und…“-Buch, aber ein ungewöhnliches. Nach Themenschwerpunkte, die er selbst konstruiert hat und die teils allgemein klingen („Natur“), teils Beethoven-spezifisch („Titanismus“), teils ein wenig weit hergeholt („Beethoven en France“), stellt Geck nun jeweils drei Persönlichkeiten in den Mittelpunkt – die Beethoven, er selbst, in den allermeisten Fällen nicht gekannt hat. Aber sie haben ihn gekannt, auch wenn sie keine Zeitgenossen waren – Bernstein etwa oder Thomas Mann und zahllose mehr.

Manchmal freilich fragt man sich, ob es nicht ein bisschen gewaltsam ist, wie etwa Beethoven und Tintoretto hier zusammen gebracht werden, wenn der Autor ein Gemälde („El Paraiso“) aus dem Prado und Beethovens „Pastorale“ (der Artikel fällt in den „Natur“-Bereich) zusammenklittert. Das erscheint doch etwas weit hergeholt und in der Assoziation sehr „privat“ von Seiten des Autors, wie man in dem Buch von einzelnen Kapiteln überhaupt unterschiedlich überzeugt ist (was dann möglicherweise auch am Leser und seiner Betrachtungsweise liegt). Andererseits kann man es niemandem  verdenken oder verbieten, einfach zu assoziieren, was ihm in den Sinn kommt.

Und gerade der Tintoretto ist ein typisches Beispiel für dieses Buch (das laut Autor, und er hat Recht, den Vorteil hat, dass man es nicht chronologisch lesen muss, sondern sich kreuz und quer darin bewegen kann): Es scheint fast willkürlich, an welchen Figuren Geck seine Überlegungen aufhängt, wenn es ihm nur gelingt, mit seinem enormen Wissen solcherart vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten. Ein „Nachdenken über Beethoven“, an dem man gewissermaßen alle Lebensfragen behandeln kann – und wo der Autor Dinge entdeckt, an die man selbst nie im Leben gedacht hätte.

So ist real Biographisches nur selten zu finden (etwa anhand des Neffen Karl, wo der Autor zu ungewöhnlichen Schlüssen gelangt – der Onkel mehr als „Täter“ denn als Opfer; oder anhand der unvermeidlichen „unsterblichen Geliebten“). Geck, der – wie erwähnt – auch viel über andere Komponisten geschrieben hat, verschränkt sein reiches Wissen bei jeder Gelegenheit: Richard Wagner kommt dann auch im Kapitel über Shakespeare (den er mit Beethoven vergleicht) vor, während er in dem ihm (Wagner) gewidmeten Kapitel dann vor allem als der Mann erscheint, der sich selbst als Wiedergeburt Beethovens begreift…

So erstreckt Geck fast krakenhaft sein Beethoven-Wissen über mannigfaltige Persönlichkeiten, und man kommt nicht umhin, sein Buch zu einem jener „Nachkastenbücher“ zu erklären, zu denen man immer wieder greifen wird – und manches auch mehrfach lesen, weil es im Zusammenhang mit anderen Kapiteln wieder Neues offenbart, auch wenn die einzelnen Überlegungen unterschiedlich überzeugen mögen. Jedenfalls ist es ein Buch, dessen Herausforderung mit Gewinn anzunehmen ist und mit dem jeder Beethoven- Aficionado in einen ganz eigenen Dialog treten wird.

Renate Wagner