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Marie-Theres Arnbom: DIE VILLEN VOM ATTERSEE

14.06.2018 | buch

Marie-Theres Arnbom:
DIE VILLEN VOM ATTERSEE
Wenn Häuser Geschichten erzählen
282 Seiten, Amalthea Verlag, 2018

Österreichs Ferienorte sind unerschöpfliche Fundgruben. Marie-Theres Arnbom ist ihnen auch unermüdlich auf der Spur. Nachdem sie bereits die Villen von Bad Ischl nach ihren Schicksalen und Bewohnern befragt hat, sind nun die Villen vom Attersee an der Reihe. Und da wird es noch üppiger, da es bekanntlich so viele Orte am See-Rand gibt – und jeder hat etwas zu bieten. Wenn man nicht vieles über mährische Großindustrielle erfährt, die sich offenbar besonders gern hier angesiedelt haben, fällt man in ein Paradies der Musik.

Gustav Mahler war zwar nur vier Jahre lang, von 1893 bis 1896, sommers in Steinbach am Attersee, aber sein „Komponierhäuschen“ ist ein Juwel für alle Musikfreunde. Er hatte es sich unweit des Gasthofs „Zum Höllengebirge“ errichten lassen, wo er mit seiner ganzen Entourage (Familie, Angeheiratet, Bewunderin) einzog. Man musste die Kinder der Region mit Süßigkeiten und Spielzeug bestechen, um ja fernzubleiben und Mahler die Ruhe zum Komponieren zu garantieren. Und wer weiß, was noch alles hier entstanden wäre, hätten neue Pächter des Gasthofs nicht zu unverschämte Forderungen gestellt. (Mahler zog ja dann später in den Sommern zum Wörthersee und danach in die Dolomiten.)

Auch Hugo Wolf war am Attersee (er wohnte bei den Damen Eckstein in Unterach), und im übrigen waren hier große Sängerinnen zu finden. Hier hauste die Jeritza (in Unterach) und hatte jeglichen Ärger mit den Schlüsselromanen, die Zeitgenossen über sie und ihr wildes Leben schrieben, desgleichen lebten hier in Sommern Selma Kurtz und Hilde Güden, und man begegnet auch Sängerinnen, die man heute weniger kennt, etwa Marie Renard, für die der Industrielle Eduard Springer eine Villa bauen ließ, oder der vergessenen Operetten-Soubrette Olga Bartos, deren Zement-Fabrik-Gatte ihr eine Villa in Unterach kaufte.

Es war auch eine Welt der Schauspieler, der Burg-Diven Charlotte Wolter (Weißenbach) oder Hedwig Bleibtreu (Steinbach), der Librettisten (Victor Leon), Dichter (Heimito von Doderer), der Frauenrechtlerinnen (die Damen Eckstein, deren Bruder jener legendäre Friedrich war, „in dem der Brockhaus blätterte“ – so berühmt war sein enzyklopädisches Wissen), der Erfinder (wie Viktor Kaplan), großer Physiker (wie Viktor Kolben – ein Nachfahre, Heinrich Kolben, schildert tagebuchartig, wie so ein Sommer am Attersee verlief)…

Die Autorin erzählt angesichts so vieler Villen auch vom Leben in der Sommerfrische, das in den äußerlich oft opulenten Gebäuden innen sogar karg ausfallen konnte – aber man hatte ja die Natur. Und sie erzählt von den Familien, von denen viele jüdische so untereinander versippt waren, dass manche Personen in vielen Kapiteln wiederholt vorkommen. Sie alle haben an der Wirtschaftsgeschichte der Monarchie mitgeschrieben. Darüber hinaus wirbeln auch dramatische Schicksale durcheinander (mitsamt Auffindung der Leiche einer der Magnatinnen). Nur eines erzählt die Autorin nicht: Wann und bei welcher Gelegenheit Klimt das Schloß Kammer (eines der Gemälde ist abgebildet) gemalt hat…

Mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Österreich endeten die glanzvollen Geschichten vieler Villen – und nicht immer konnten die Nachfolger der Besitzer ihr geraubtes Gut nach dem Krieg problemlos wieder bekommen. Da gibt es einige beschämende Dinge zu erzählen, von Lügen, verschleppten Prozessen, auch von Einrichtungen, die „vom Winde verweht“ waren.

Wieder einmal hat die Autorin bewiesen, dass man anhand von „Ferienhäusern“ ein bemerkenswertes Stück österreichischer Kulturgeschichte erzählen kann.

Renate Wagner

 

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