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MANNHEIM/ Rosengarten: „ANNA VINNITSKAYA-ORCHESTER DES NATIONALTHEATERS MANNHEIM- MAREK JANOWSKI“  –

17.12.2019 | Konzert/Liederabende

Mannheim / Rosengarten: „ANNA VINNITSKAYA-ORCHESTER DES NATIONALTHEATERS MANNHEIM- MAREK JANOWSKI“  –  16.12.2019

Am Vorabend hatte ich in der AOF das Vergnügen das 3. Klavierkonzert von Sergej Prokofjew zu erleben, wurde es mir heute erneut zuteil im Mozartsaal des Rosengarten beim 3. Abo-Konzert der Musikalischen Akademie ein weiteres Klavierwerk des russischen Komponisten zu erleben, es erklang das „Klavierkonzert Nr. 2“ unter dem Gastdirigenten Marek Janowski und dessen Wunsch-Solistin Anna Vinnitskaya.

Die farbige Behandlung des Soloparts, die verbindliche Melodik Prokofjews trat als liebenswürdige Mischung im „Zweiten g-moll-Konzert“ noch mehr in Erscheinung, hob die Eigenarten des kosmopolitischen Komponisten speziell hervor.  Über eine Londoner Aufführung schrieb Prokofjew selbst: … ich spielte das Konzert, der Maler Serte, welcher anwesend rief in französischer Sprache aus: Aber das ist doch ein wildes Tier!

Nun wie denn auch sei, überwältigend virtuos, expressionistisch, prachtvoll farbig, mal romantisch, mal avantgardistisch ist dieser „Zankapfel“ ohnedies und die international gefeierte Pianistin Anna Vinnitskaya interpretierte es genau so! Die Solistin spielt nach eigener Aussage nur Musik, zu der sie interpretatorisch etwas zu sagen hat, was sie auch an ihr Publikum weiter geben kann – sie malt Bilder auf dem Klavier! Für wahr, sie malte sehr experimentell in einer vortrefflichen bestens funktionierenden Mischung aus Tongestaltung und Timing. Der Solo-Kadenz im Andantino begegnete Vinnitskaya in beispielloser Bravour, in schier sportlichem virtuosem Gestus. Gilt gerade diese Kadenz in der pianistischen Fachwelt als vielleicht das Schwerste der Klavierliteratur? Das Scherzo-Vivace hat seinen besonderen Reiz in der schnurrigen, unaufhörlichen Motorik seines Ablaufs. Tonkaskaden, Tastenläufe in akkurat-technischer Brillanz dargeboten prasselten dem Hörer  in atemberaubender Präzision entgegen. In expressionistischer Rhythmik begleitete Marek Janowski mit dem bestens disponierten Nationaltheater Orchester seine Favoritin.

Stupende Akkordschläge, weiche Zwischentöne schenkte die versierte Pianistin dem Intermezzo und entfachte zum finalen Allegro tempestoso mit der zweiten prägnanten Kadenz ein klaviertechnisch atemberaubendes Brillant-Feuerwerk.

Große Begeisterung widerfuhr der sympathischen Künstlerin begleitet von lautstarken Bravorufen, für die herzliche Zustimmung bedankte sich Anna Vinnitskaya mit dem kurzen elegischen „Nocturne Nr. 3“ (Chopin) sowie dem sehr atmosphärisch gespielten März aus „Die Jahreszeiten“ (Tschaikowsky).

Als Kontrast folgte nach der Pause ganz im Sinne der Romantik die „Vierte Symphonie“ von Johannes Brahms. Nun konträrer hätte es nicht sein können, denn am Abend zuvor blieb das Folgewerk ebenso im kompositorischen Duktus des 20. Jahrhunderts und wirkte in meinen Ohren wahrhaftiger. Die letzte Symphonie von Brahms unterscheidet sich im Merkmal von ihren drei Vorgängerinnen durch die Diktion vergangener Jahrhunderte. Uralte Sakraltonarten leben in ihrer Melodik wieder auf: mittelalterliches Kolorit, barocke Formen etc.

Ohne Einleitung begann das Allegro non assai das Hauptthema des Satzes belebend, uns die klare transparente Instrumentationskunst des genialen Komponisten vor Augen bzw. vor Ohren führend. Kanonartig, echohaft im Konversationsspiel malten akkurate Holzbläser mit vortrefflich intonierenden Hörnern melodische Harmonien, Bässe und Streicher gesellten sich in fundamentaler rhythmischer Auflockerung hinzu. Marek Janowskis Brahms wirkte teils breit und zurückhaltend, das Werk erstrahlte in herbstlichen  Farben, zu leicht abgedunkeltem Bläsertimbre.

Wie eine Ballade erklang das Andante moderato, als das Horn das von altertümlichen Harmonien getragene Thema einleitete, ein Barden-Lied. Die Celli spannen es fort, die Violinen begleiteten mit geheimnisvollen Figuren, mächtig schwollen die Instrumente an, sanken wieder zurück und verhallten wie im Nebel der Zeit. In einem Scherzo ertönte das Presto giocoso, wie Brahms zuvor keines schrieb, enthüllte eine Seite seines Wesens, welche zuvor in keinem seiner Werke zum Durchbruch kam. Wilder Humor, sprunghafte Läufe voll leidenschaftlicher Spannungen wurden von den hellen Bläsern in grellen Farben gemalt. Der Dirigent animierte das Orchester zu Klangformationen, es schien zu jubeln und fuhr  im jagenden Presto wild auf. Ohne beckmesserisch zu erscheinen irritierten mich lediglich bei Forte-Dimensionen die merkwürdig grellen Violinen-Formationen und zuweilen der fehlende weiche Orchesterfluss zu Lasten des universellen Gesamtklangs. Sorry – ich kenne es anders!

Brahms krönte das  Allegro energico mit einer Chaconne, welche er in den Sonatensatz einarbeite. In handwerklichem Können webte Janowski mit dem gut disponierten Klangkörper die tonalen Variationen des Finalsatzes. Aus der Abgeklärtheit, aus dem Ernst, aus dem düsteren Pathos einiger Partien, vernahmen wir die Stimme eines Menschen, berührte unser Herz die Mahnung, dass alles auf Erden vergänglich ist. Dynamisch bewegt voll thematischer Kraft klang das Werk in klassischer Gestaltungsform aus.

Mit Bravos und langem Applaus bedankten sich das von vielen jugendlichen Zuhörern durchwachsene Publikum.

Gerhard Hoffmann

 

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