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MANNHEIM/ Nationaltheater: TRISTAN UND ISOLDE

15.11.2021 | Oper international

NT Mannheim: Tristan und Isolde  13.11.2021  Premiere

Diese Tristan Premiere sollte, wie so viele Opern, zu Beginn von Corona stattfinden und konnte jetzt endlich nachgeholt werden.

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Allison Oakes, Frank van Aken. Foto: Christian Kleiner

Das Neuartige an der Inszenierung von Luise Kautz scheint zu sein, daß sie keine Neuinterpretation des Wagnerschen Stoffes oder eine Komplettverlegung in eine andere Epoche vornimmt, sondern die ‚Handlung‘ „werkgetreu“ auf die Bühne des Nationaltheaters stellt, abgesehen von der Schiffsepisode des 1.Aktes, die etwa Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt sein könnte. Soweit geht Kautz aber nicht, daß das Vorspiel bei geschlossenem Vorhang stattfindet. Hier stellt sie gleich klar, daß für sie das Drama, wie von Wagner vorgedacht, universal ist, und in ihm eigentlich der ganze Weltenkosmos assoziiert ist: aus kleinen Zellteilchen, die auf den Gazè herumhüpfen, entwickelt sich der riesen Sternenkosmos  und zieht mit heftiger Bewegung der Sterne, analog zur Musik, in ihren Bann.

Diese wird aus dem Graben, mit ganzer Hingabe des wieder großen Orchesters aus am Anfang wie abgehackt stockend wirkenden Motiven ineinandergesetzt und baut sich nach und nach zum wie unbezähmbaren Strom auf. Alexander Soddy hat sein Orchester optimal instruiert und balanciert besonders Holzbläser und Sreicherapparat gekonnt miteinander aus. Dadurch ergeben sich natürlich, bis zum abrupten  Einsatz der Wagnertuben im 3.Aufzug und danach, sehr beglückende Klänge.

Das ist ein schroffer Gegensatz zum Vorspiel: Ein kleines Segelschiff setzt sich aus seinen Einzelteilen zusammen (Bühne: Lani Tan-Duc). Im später als Schiffsbauch  erkenntlichen Teil sehen wir Brangäne und Isolde in einem Salon mit Bettstatt und kleinem Sekretär, an dem Isolde auch schon mal rauchend sitzt, aber mit weißer Filterspitze, daß man es von weiter weg kaum erkennt, da sie sie ein weißes langes Fin des siecle-Kleid trägt (auch Brangäne trägt ein solches schlichtes, aber mit Schürze, Kostüme: Hannah Barbara Bachmann). Nun, das wäre selbst für Wagner schon einigermaßen emanzipiert, daß sie raucht. Bei der aufgeregten Rede Isoldes, in der  ihre widersprüchliche Vorgeschichte mit Tristan abgehandelt wird, bemüht sich Kautz auf engem Raum  um eine lebhafte Personenregie für die Damen, was gelingt. Auf einer hinteren Salontreppe geht es auf das nun angedockte Deck hinauf, wo Tristan, Kurwenal und die Matrosen sich sehen lassen. Ein Segel ist ist durch einen großen Schleier an einem Mast angedeutet, kann aber auf- und abgezogen werden. Es ist im 1.Akt besonders gelungen, daß die enorm wendige, dann wieder symbolträchtige und die Naturkräfte verkörpernde Musik sehr strukturiert wiedergegeben wird. Gerade im 1.Akt gelingt es Allison Oakes (Isolde), in dieser Rachegelüste für Tristan und gleichzeitige  Liebesandeutungen ihm gegenüber andeutenden Suada mit einer klar prononcierten Stimme nie pure Chaotik aufkommen zu lassen. Es wird wunderbar ersichtlich, daß sie nur der Todestrank ‚retten‘ kann, den sie zur Sühne von Tristans und ihrer eigenen Schuld zusammen mit dem in Wahrheit Geliebten konsumieren will. Gerade diese Szene kann aber wegen der Beengtheit des Schiffsdecks nicht mit dem nötigen choreographischen Nachdruck ausgespielt werden. 

Tristan und Isolde am Nationaltheater Mannheim - SWR2
Allison Oakes, Julia Faylenbogen, Frank van Aken. Foto: Christian Kleiner

Im 2.Aufzug fühlt man sich unwillkürlich an romantische Ausdeutungen erinnert wie einen etwas glitzernden Wald, inmitten eine symbolische Jugendstilpforte. Dafür aber keine Lichtsymbolik, das nicht vorhandene Licht wird von Brangäne, die nur im Wald verschwindet, nicht gelöscht, wenn die Hörner der Jagdgesellschaft verhallt sind. (Licht: Nicole Berry, Florian Arnholdt) Dann die große Distanz von Tristen und Isolde, nur einmal sitzen sie auf einer Binsencoutch nebeneinander. Dafür wird ihr ‚philosophischer Disput‘ nett arrangiert. Letztlich muß aber bei ihrer ‚Nacht der Liebe‘ wieder Sternenhimmel und Weltraum, den sie durchschreiten, herhalten. Der Einfall der Marke-Gesellschaft geschieht dann auf freiem Feld. Melot will Marke immer wieder zu resoluterem Vorgehen Tristan gegenüber anschubsen, wird aber zurückgewiesen. Tristan stürzt sich in das Messer des offensichtlichen Judas.

Der 3.Akt ein kleiner Berg aus Gras und Steinen und daneben ein See, alles auf der Drehbühne. Auch hier sind besonders Tristan und Kurwenal sehr naturalistisch dargestellt. Isolde erscheint dann wieder sehr auf Distanz, stellt in Ferndiagnose den Tod Tristans fest. Als Zwischenepisode die Ankunft Markes und Gefolge, wo Schwert- und Speerduelle inszeniert werden.Isolde hat sich inzwischen ein Rechteck mit weißen Blumen in dem See neben Tristans Platz  abgesteckt und legt sich nach ihrem ‚Liebestod‘ da hinein, quasi ertrinkend. Eine sinnreiche naturalistische Ausdeutung.

Tristan wird, wie auch Isolde als Gast, von Frank van Aken gegeben. Wenn sein Heldentenor auch nicht mehr so optimal timbriert  erscheint, kann er doch lange Phrasen in ihrer Bedeutung mehr als adäquat konturiert und mit schöner Laut-leise-Intensität herüber bringen. Die  Wahnsinns-Ausbrüche  in Careol schafft er gut dosiert. Figürlich scheint er mit weißem heraushängendem Hemd und schwarzer Hose, Wagner-Frisur aber ohne Bart, die traurige Heldengestalt bestens zu treffen. Auch ohne Kuß und Umarmung wird seine große Liebe zu Isolde und ihre eminente Einbindung in sein letztlich tragisch verlaufendes Leben höchst evident.

Die Isolde der Allison Oakes erscheint mir als tatsächlicher Glücksgriff. Stimmlich reussiert sie optimal in allen Akten, nur einmal mißlingt ihr eine hohe Phrase im Liebesakt. Ihr Sopran ist anrührend timbriert und jugendlich dramatisch, mit vielleicht eher Betonung auf Jugendlich. Am besten ist sie im 1.Akt, wo sie ihre sprunghaften Gesangslinien auskostet. In ‚Sink hernieder Nacht‘ paßt sie sich optimal dem Partner an, der ja oft die Strophen ansingt. Ihr ‚Liebestod‘ war bestens bis in die hinteren Reihen, über das Orchester hinweg, zu hören, jede Note saß, jeder Gesangbogen bis zum finalen Aufschwung enthusiasmierte.

Julia Faylenbogen kann ihren sehr für sich einnehmenden Mezzo für die Brangäne einbringen. Vielleicht in den Dialogen etwas zu ähnlich im Timbre mit Isolde, konnte sie gute Akzente in den langgezogenen eher einlullenden Wachtgesängen setzen. Leider waren beim Marke des Patrick Zielke Abstriche zu machen. Die finale „‚Dröhnung“ bei seinem Monolog baut sich nicht schon stufenweise auf, sondern wirkt etwas flatterhaft. Sein Baß erscheint etwas hohl und flach im Timbre, was aber auch auf Tagesform oder Premieren- Nervosität zurückzuführen sein kann.

Thomas Berau legt im Rollendebüt mit Kappe einen ganz flotten baritonalen Kurwenal hin. Fast überschwänglich sind seine Gesänge oft gestaltet und seine Tristan-Repliken im Finalakt wohl durchdacht. Ilya Lapich nimmt die kurze Szene des Melot hinterhältig und baritonal fast diskret. Einen Hirten gibt Uwe Eikötter tenoral auch fast als naturalistische Märchenfigur, und Marcel Brunner komplettiert als Steuermann. Den jungen Seemann singt Joshua Whitener etwas verhalten aus dem Off.                                                                         

 Friedeon Rosén

Zu einem Kurzvideo                                     

 

 

 

 

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