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MANNHEIM/ Nationaltheater: „IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO“

17.01.2022 | Oper international

Mannheim / Nationaltheater: „IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO“ – 16.01.2022

shachar lavi (piacere) amelia scicolone (bellezza) copyright christian kleiner
Shachar Lavi (Piacere), Amelia Scicolone (Bellezza). Copyright: Christian Kleiner.

Während seiner vierjährigen Studienreise durch Italien komponierte der 22-jährige Georg Friedrich Händel in Rom sein erstes Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“, nimmt in der Geschichte des Händel-Oratoriums, das heute als eine Gattung für sich betrachtet wird, eine Sonderstellung ein: Das Werk ist Alpha und Omega, Anfang und Ende dieser Art. Nachdem Papst Clemens XI. dem allgemeinen Sittenverfall Einhalt gebot, alle öffentlichen Theater- und Opern-Aufführungen untersagte, wusste man sich mit pompös ausgestatteten, geistlich erbaulichen Oratorien und Werken zu helfen, das Verbot zu umgehen. Vier allegorische Figuren: Bellezza (Schönheit), Piacere (Vergnügen), Disinganno (Erkenntnis) und Tempo (Zeit) tragen einen dramatischen Konflikt aus um Wahrheit und Trug, um ewige Seligkeit und flüchtiges Glück. Die plastischen Diskussionen beinhalten eine musikalische höchst bewegende Aussage gleich den späteren Opern. Arien, Duette, Terzette, Quartette bilden eine szenische Handlung. Ein konzertant eingeschobenes Solo bildet in seiner orchestralen Begleitung das wohl erste Orgelkonzert der Musikgeschichte.

Ursprünglich war das Werk als szenische Aufführung geplant nun wurde es der neuen Pandemie-Vorschriften wegen heute am Nationaltheater halbszenisch-konzertant aufgeführt. Vor Bühnenbild-Elementen (Robert Schweer) sorgten drei Damen Victoria Stevens, Anna-Sofia Kirsch, Cordula Demattio für szenisches Arrangement, Bühneneinrichtung und Dramaturgie auf optisch-dezente Weise.

Unter der fachlich qualifizierten Leitung von Bernhard Forck spielte das reduzierte, mit barocktypischen Instrumenten angereicherte Nationaltheater Orchester Händels Partitur authentisch und akkurat. Detailliert formte der in Alter Musik erfahrene Dirigent sowie als Konzertmeister mit Solovioline die herrlichen Instrumentierungen der Partitur in begleitender Funktion zu wunderschönen Arien und Ensembles in hingebungsvoller Präzision. Satt, weich erklangen die Streicher, volltönend nie dominant die Holzbläser, ausgezeichnet an Cembalo und Orgel sorgte Flóra Fábri für aparte Soli und Intermezzi.

Amelia Scicolone (Bellezza) brachte ihren mädchenhaft, herrlich timbrierten Sopran engelhaft über dem Orchester schwebend zum klingen, brillierte mit halsbrecherischen Koloraturen, faszinierte mit gewagten Höhenkaskaden in Vollendung.

Stilsicher in runder Tongebung, in warmen Mezzotönen ließ Shachar Lavi (Piacere) ihr feines Timbre einfließen, meisterte die kadenzierten Übergänge mit geschmeidigem Schönklang und glänzte zudem mit der bravourösen Arie Lascia ch´io pianga welche Händel später in Rinaldo und Almira variiert erneut verwendete.

Die Partie (Disinganno) wurde statt einer Altistin mit Benno Schachtner besetzt, der Countertenor schenkte seiner Rolle ausgezeichnete Formationen. Voll Wärme erklang die Stimme in dunklen Farben und eindrucksvoll schwang sich sein sehr schön geführtes Material in klangvolle Höhenbereiche.

Bruchlos führte Christopher Diffey seinen herben Tenor durch die Register, meisterte souverän die Anforderungen der Partie (Tempo). Der smarte Sänger verstand es bestens vokal zu nuancieren, ließ jedoch zuweilen tenoralen Schmelz vermissen.

Nach Bellezzas traumhaft intonierter Finalarie herrschte sekundär atemlose Stille, sodann entlud sich die überschäumende Begeisterung des Publikums und feierte alle Mitwirkenden langanhaltend mit Bravochören.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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