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MANNHEIM/ Nationaltheater: GÖTTERDÄMMERUNG – ein Clown, eingezwängt zwischen Spiegeln

29.07.2016 | Oper

Richard Wagners „Götterdämmerung“ im Nationaltheater Mannheim – EIN CLOWN – EINGEZWÄNGT ZWISCHEN SPIEGELN

Richard Wagners „Götterdämmerung“ am 28. Juli 2016 im Nationaltheater/MANNHEIM


Copyright: Nationaltheater Mannheim

Siegfried als Clown? Das kann man in Mannheim erleben. Eine ganz und gar ungewöhnliche Sichtweise bietet Achim Freyer in seiner surrealistischen Inszenierung von Richard Wagners „Götterdämmerung“. Und es ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch bei Wagner der zuweilen groteske Humor nicht zu kurz kommen darf. Sonst versteht man ihn nämlich eigentlich nicht. So sieht man Hagen, Gutrune oder Gunther nur mit Stelzen und Masken. Die ganze Bühne ist ein unheimlicher Spiegelsaal, der alle Figuren gnadenlos einklemmt. Mit dem Chor entsteht eine richtige Entwicklung zur Menschheit. Der mythologische  Prozess wird bei Freyer konsequent fortgesetzt. Man versteht, dass die „Götterdämmerung“ ein irdisches Stück ist, gleichzeitig werden die zahlreichen Motive in viele Einzelteile zerlegt. Im Hintergrund befindet sich immer wieder eine zweite Schicht des Unterbewusstseins – zum Beispiel beim geheimnisvollen Tarnhelm-Motiv. Die Szenen dringen bei dieser Aufführung tief in die Seele und das Herz des Zuschauers.

Dies gilt vor allem für den Clown Siegfried, als er von Hagen mit einem grellen Leuchtstab ermordet wird. Von der Bühnenhöhe tropft Blut herab, das sich auch auf dem Boden breit macht. Brünnhilde vergrößert sich mit Hilfe eines Gestänges, das immer weiter in die Höhe gezogen wird. Bei Achim Freyer ist Siegfried ganz vom Fortschrittsrausch dieser Welt beherrscht. Er wird von Hagen verführt, unterliegt den Lockungen der imaginären Lustwelt. Bei Freyer erhält das Tarnhelm-Motiv ganz besondere Bedeutung, es führt zu ergreifenden Harmoniewechseln, die sich auch szenisch äußern. Im zweiten Akt kommt es beim Racheschwur von Gunther, Brünnhilde und Hagen gegen Siegfried zu einem gewaltigen Konfetti-Regen, der die gesamte Bühne aufzulösen scheint. Der Zuschauer gerät mit den handelnden Figuren bei Achim Freyers Inszenierung zwangsläufig in einen gnadenlosen Entwicklungsprozess hinein, der nicht mehr aufzuhalten ist. Klar wird hier außerdem, dass Waltraute durch Brünnhilde das Wissen für die Schlussszene der „Götterdämmerung“ bekommt. Freyer möchte gerade diesen Wechsel und diese Entwicklung zeigen. Der erste Akt mit seinem Doppelvorspiel und den Ortswechseln an den Gibichungenhof ist dafür das beste Beispiel. Da entsteht bei Freyer dann ganz deutlich eine immaterielle Bühne mit starken Bildern. Die Spiegel heben hier die Wände im Grund auf und erweitern den Raum. Jede Behauptung einer Person lässt Wald, Felsen und Kosmos entstehen. Dabei ist diese Inszenierung trotz mancher Schwächen am überzeugendsten. Immer wieder begegnet man vielen tanzenden Paaren – und dies schon in der Eröffnungsszene mit den Nornen. Freyer entwickelt dabei ein Licht der Großstadt, des Alltags, der Werbung und der Verführung in tausend Schattierungen. Das fesselt den Zuschauer durchaus. So entsteht auch eine ganz neue Sichtweise auf dieses bedeutende Werk. Bei langen Strecken und Wegen erfolgt ein Umbau des Raumes in die Neuzeit. Die Figuren bringen gleichzeitig ihren Raum wieder mit. Das wird von Achim Freyer visuell in ungewöhnlicher Weise gelöst. Im Hintergrund sieht man sogar das Orchester mit dem Dirigenten – stark verkleinert. Eine unbekannte und ungewöhnliche Welt tut sich bei Brünnhildes Schlussgesang auf. Zwischendurch nimmt man immer wieder eine außergewöhnliche Flammenwelt wahr, die sich immer mehr zu verdichten scheint. Brünnhilde erscheint einmal sogar als zweite Figur in Gestalt einer leblosen Puppe, die von den Figuren einfach in die Luft geworfen wird. Man muss zuweilen sogar an Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ denken. Die bohrenden Fragen nach dem Sinn des Lebens werden hier nicht gelöst. Am Ende wird Siegfried von Hagen zwar erschlagen, er bleibt aber auch als Toter auf der drehbaren Bühne stehen. Das wirkt gespenstisch. Dabei ergeben sich nicht nur bei der Spiegelwelt Bezüge zu E.T.A. Hoffmann. Und die Rheintöchter weisen zuletzt sehr deutlich auf die Zukunft. Zudem belebt wiederholt eine imaginäre Tierwelt das Geschehen – zwischen Rabe und Eisbär sieht man sogar Hasen. Hier zeigt die szenische Lösung eher Schwächen, manches gerät in den Bereich des Slapstickhaften und verkommt zum Gag. An der Rampe sieht man eine weiße Hand, die ins Leere greift.

Musikalisch ist diese „Götterdämmerung“ noch plausibler und überzeugender wie szenisch. Dies liegt auch am einfühlsamen Dirigenten Dan Ettinger, der die philosophischen Dimensionen ebenso glutvoll auslotet wie die wuchtigen Tiefen. Das fulminante Orchester des Nationaltheaters Mannheim folgt ihm dabei bereitwillig. „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde“ wird dabei ganz im Sinne E.T.A. Hoffmanns in musikalisch eindringlicher Weise umgesetzt. Beim Tarnhelm-Motiv entdeckt Ettinger ein deutliches Misterioso-Motiv. Vor allem begreift man bei seiner Interpretation die sinfonischen Dimensionen dieser Musik. Die Sängerinnen und Sänger treten bei ihm nicht hinter das Orchester zurück – sondern geraten nach und nach in den Vordergrund. Die Stimmen werden also glücklicherweise nie zugedeckt. Sänger und Orchester sind eigenständig und finden trotzdem gut zusammen. Das ist ein weiterer Vorzug dieser Wiedergabe. Auf die Waltrautenszene legt Dan Ettinger sogar ganz besonderen Wert. Sie kommt aus einer anderen Welt wie Brünnhilde, die Szene ist hier aber auch zukunftsbestimmend. Es wird deutlich, welch ungeheure Welten zwischen diesen Schwestern stehen. Ettinger kehrt bei „Götterdämmerung“ wieder zum „Rheingold“ zurück. Auch die Motive aus „Walküre“ und „Siegfried“ bleiben spürbar. In der „Götterdämmerung“ haben Ettingers Motive ein anderes Tempo wie beispielsweise im „Siegfried“. Das Werdemotiv der Nornen wirkt ausgesprochen mystisch – dies gilt auch für die plastisch betonten Walhall-Harmonien sowie das auf- und abschreitende Speermotiv. Die Cello-Kantilenen des heraufziehenden Tages eröffnen ein breit strömendes Melos, in das der vorzügliche Siegfried von Jürgen Müller und die mit großer voluminöser Leuchtkraft agierende Brünnhilde von Rebecca Teem in geradezu magischer Weise hineingezogen werden. Hier entsteht der große gesangliche Atem, der dann im weiteren Verlauf dieses gelungenen Abends deutlich wird: „Vereint fasst er uns Zwei!“ Dan Ettinger erfasst hierbei den machtvollen Gedanken der Untrennbarkeit der Liebe in ausgezeichneter Weise. Auch „Siegfrieds Rheinfahrt“ beweist in der Interpretation Dan Ettingers großes Format, das sich klanglich immer weiter ausweitet. Das Werdemotiv in A-Dur zeigt deutlich Kontur. Sebastian Pilgrim besitzt als Hagen dämonische Größe, was sich nicht nur beim Abwärtssprung der Oberstimme in Terz und Septime zeigt. Seine Stimme beeindruckt mit rabenschwarzer Fülle und zubeissender Tatkraft. Jürgen Müller kann als Siegfried das leidenschaftliche Entbrennen beim Abwärtsschritt des Gutrunen-Motivs glühend verdeutlichen. Hagen kontert mit dem Absprung Ces zu F. Jedes Detail besitzt bei Dan Ettinger und dem Orchester des Nationaltheaters Mannheim Gewicht. Dabei gerät das Zuhören oftmals zum Genuss. Sebastian Pilgrim kann mit mächtigen über die Oktavweite springenden Bassschritten als Hagen auch deutlich machen, wie sehr Siegfried in seinem Bann steht. Das wirkt sich außerdem präzis auf das Bühnengeschehen aus. Die Intervalle Hagens sind bei Ettingers Wiedergabe überdeutlich. Dies zeigt sich ebenso im zweiten Aufzug mit Alberich, dem Karsten Mewes nicht ganz so imposant wie sein Gegenüber seine profunde Stimme leiht. Der b-Moll-Akkord bohrt sich jedoch messerscharf ins Ohr des gefesselten Zuhörers. Der Marschrhythmus der versammelten Mannen mit Hagen gerät im Mannheimer Nationaltheater zu einem rauschhaften Taumel, der das Publikum mitreisst. Cornelia Ptassek wird als glaubwürdige Gutrune von dieser Masse gleichsam mundtont gemacht. Dabei nimmt man im Orchestergraben wirklich aufregende Zwischentöne wahr. Die Spannung steigert sich noch, als Brünnhilde Gunther von sich weist.
Wildes dramatisches Leben beflügelt auch die anderen Sängerinnen und Sänger – zum Beispiel den von gewaltigen Emotionen erschütterten Gunther von Thomas Berau und die bewegende Waltraute von Edna Prochnik. Bei den drei hervorragenden Nornen von Edna Prochnik, Julia Faylenbogen und Astrid Kessler entsteht gleich zu Beginn eine Szene von eigenständiger Größe, die sich dann bei den drei exzellenten Rheintöchtern von Ina Schlingensiepen (Woglinde), Maria Markina (Wellgunde) und Julia Faylenbogen (Floßhilde) fortsetzt.

Bemerkenswert gelingt Dan Ettinger zusammen mit dem kompakt musizierenden Orchester des Nationaltheaters Mannheim zudem „Siegfrieds Trauermarsch“, der allerdings erst allmählich nach anfänglich schwammigem Beginn deutliche, grandiose Größe erhält. Wälsungenklage, Sterbe- und Siegmund-Motiv vereinigen sich hier mit dem abschließenden Minne-Motiv zu einem betörenden Klangkosmos. Die Gutrune von Cornelia Ptassek wird dabei wirklich von schlimmen Ahnungen gefoltert. Gewaltig fährt die Harmonik dann über dem Scheiterhaufen-Motiv in den Keller. Rebecca Teem gelingen beim Motiv des Sehnens angesichts von Brünnhildes Schlussgesang wirklich höchst glaubwürdige Kantilenen, die sich sets verdichten und an voluminöser Ausdruckskraft gewinnen. Die Gesangsstimme wird dabei vom Riesenorchester nicht zugedeckt. Die Loge-Motive blitzen in grellen Dissonanzen auf, das Götterdämmerungs-Motiv behauptet sich kraftvoll. Und das Motiv der Liebesallgewalt durchpulst den harmonischen Fluss bis zu den monumentalen Schlussakkorden. Dabei wird die chromatische Gegenbewegung von Sext-Akkorden minuziös herausgearbeitet. Kleine Septimen-Akkorde dringen nach unten – der Nibelungensohn versinkt ergreifend in der Rheintiefe. Im zusammenbrechenden Spiegelsaal reflektiert sich das Orchester nochmals selbst mit unzähligen Themen und Motiven. Gigantisch sind die Ausbrüche, die Dan Ettinger mit dem Orchester des Nationaltheaters Mannheim in logischer Weise bündelt. Zuletzt gab es große Ovationen für das gesamte Team (konzeptionelle Mitarbeit: Tilman Hecker; Mitarbeit Regie: Sebastian Bauer;  Mitarbeit Bühne, Kostüme: Petra Weikert). Francesco Damiani hat den Chor vorzüglich einstudiert. Es war ein glanzvoller Saisonabschluss.

Alexander Walther   

 

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