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MANNHEIM/ Nationaltheater: GENOVEVA von Robert Schumann. Premiere

01.05.2017 | Oper

Mannheim: GENOVEVA von Robert Schumann  29.4. 2017  Premiere

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Astrid Kessler, Andreas Hermann, Maria Markina, (c)  Hans-Jörg Michel

Robert Schumanns Genoveva, seine einzige Oper, stellt auf eine Art auch einen Höhepunkt in seinem Schaffen dar. In seiner mittleren Lebensphase, in Dresden komponiert, wurde sie 1850 in Leipzig uraufgeführt und führte danach im Opernrepertoire nur ein Randdasein.  Obwohl im Genoveva-Stoff einige Dramatik enthalten ist, wählte Schumann mehr eine ästhetische Herangehensweise, und die Musik bekommt quasi eine Eigendynamik. Sie scheint tatsächlich mehr von seiner Kammermusik auszugehen, auch wenn sie dramatisch sensitiv auf seinen z.T.eigenen Text hört. Die musikalischen Verläufe konkretisieren sich oft in den Oberstimmen und erzeugen dabei ungeahnte harmonische Brechungen, die die Satzverläufe auch ins Stocken führen können. Dirigent Alexander Soddy hat sich gut in die Musik hineingehört, geht ihren Verläufen mit großer Geschmeidigkeit nach und versucht mit Erfolg, seine Intentionen auf das Orchesterspiel zu übertragen. So gelingt eine oft hinreißende Wiedergabe in allen Instrumentengruppen, wobei die erzromantischen Instrumente Hörner und Harfe vielleicht noch leicht hervorzuheben wären. Auch die die moderate Tempiwahl Soddys erscheint überzeugend, und NTM Orchester reagiert ganz akkurat auf seine Zeichengebung.

Yona Kim stellt in ihrer Inszenierung die individuelle Seele und ihre Reaktion auf die Umwelt in den Mittelpunkt, und das in erster Linie in bezug auf die Titelfigur. Das eigene Heim, die Burg, ist für die vielfältigen Widersprüche des Lebens und seine Wahnbilder der Ruhe- und Zufluchtspunkt, aber selbst bis an diesen Rückzugsort verfolgen einen die ‚Nachtgespenster‘. Deshalb hat sich Kim im 1.Akt einen ganz aseptisch weißen Innenraum als Heimstätte der vom Pfalzgrafen Siegfried verlassenen Genoveva von Herbert Murauer (auch Kostüme) bauen lassen, der aber nicht abgeschlossen ist, sondern nach allen Seiten offen erscheint. Auch Gegenspieler Golo ist stark psychisch gefährdet, und zur Erreichung seiner Ziele, die er allein nicht durchsetzen kann, kann er sich seiner früheren Amme  Margaretha versichern. Golo „entschwebt“  am Ende quasi in eine weiße Zwangsjackek gehüllt und erinnert damit an Schumann selber, der sich in die Heilanstalt Endenich einweisen ließ. Aber grausam hat sich Schumann ja wohl nie geäußert (höchstens gegen die Juden), also erscheint diese Parallele überzogen.- Die ganz zerbrechlich wirkende Genoveva trägt pastellfarbene Kostüme, die Margaretha dagegen ein scharlachrotes. Golo wirkt im weißen Hemd und beigem Anzug wie ein Intellektueller, auch bei der plumpen Intrige braucht er sich nicht mal die Hände schmutzig zu machen. Vielleicht hätte man aus der Episode mit dem Zauberspiegel Margarethas noch mehr machen können, er dient hier eher zur Verzögerung der Rückkunft des Siegfried.

Die Chöre sind vielgestaltig und flexibel eingesetzt und bilden dabei gute Klangtrauben. Bartosz Urbanowicz gibt den Hidulfus von Trier mit samtenen Baßbariton. Den Siegfried, der als Vertreter der mittelalterlichen Ordnung von Genoveva, aber nicht (nur) deshalb von Genoveva geliebt wird, wird eher derb von Evez Adulla gezeichnet, der dazu auch einen etwas ungeschliffenen Bariton einbringt. Seine Bühnengattin Astrid Kessler überzeugt durch sanften lieblichen Soprangesang und bringt ihren zerbrechlich wirkenden Körper voll dabei ein. Andreas Hermann singt den Lehnsknecht Golo ganz versponnen mit einem ins Lyrische strebenden Tenor, dabei plastisch markant in den Phrasen. Die Margaretha wird von Maria Markina mit angenehm tmbrierten kräfig jugendlich dramatischem Sopran fast lässig hingelegt, da sie auf ihre fehlgeleitete Intuition vertraut. Letztlich wird sie aber von der traurigen Story um ihr eigenes Kind und vom Scheitern Golos eingeholt. Die Kurzrolle des Drago gibt Thomas Berau. Den Angelo und und das Golo-Double gibt Leonard Schneider-Strehl, den Balthasar Philipp Alexander Mehr. Ein zu Beginn auf der Bühne präsenter Flügel wird später genutzt, um Schumanns Geistervariationen 4 & 5 vorzutragen, von Elias Corrinth wirkungsvoll zwischen 4. und 5. Akt gespielt. Um die Szene semantisch- psychoanalytisch zusätzlich aufzuladen, werden zusammen mit der Bindung Genovevas an ein Seil durch die Lehnsknechte deren sowie Siegfried- und Golo-Doubles und auch Margarethas Tochter (Alexandra Pronin) gezeigt.                               

Friedeon Rosén

 

 

 

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