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MANNHEIM: LA WALLY von Alfredo Catalani. Premiere

25.10.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Mannheim: La Wally von A.Catalani  Premiere  24.10.2014

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Ludmilla Slepneva und Roy Cornelius Smith. Foto: Nationaltheater Mannheim

Die leider viel zu selten gespielte Oper (Dramma lirico) von Alfredo Catalani ist ein wirklich veristischer Knaller. Nach dem Roman ‚Geier-Wally‘  von Wilhelmine von Hillern um eine ungewöhnliche Frau aus den Tiroler Alpen schufen Catalani und sein Librettist Luigi Illica diese Oper, indem sie die Vorlage aber entscheidend änderten und dramatisch zuspitzten. Nach einem Dorffest wird Wally von ihrem Vater an Gellner, der in Wally verliebt ist, versprochen, den sie aber nicht liebt, sondern Hagenbach, der bei der Familie in Mißkredit steht. Nach einem Heiratsultimatum seitens ihres Vaters verlässt sie zusammen mit ihrem Jugendfreund Walter das Elternhaus und bricht in die Berge auf. Erst nach dem Tod des Vaters kehrt sie zurück und wird reich, da sie das ganze Vermögen erbt und in der Version des Regisseurs Tilman Knabe damit eine eigene Firme gründet. Auf einem Firmenfest verspricht sie demjenigen ihre Hand, dem es gelingt, sie, die sich als bisher keusch bezeichnet, beim Tanzen zu küssen. Hierbei demütigt sie auch den als Hausmeister eingestellten Gellner, der ihr einen erneuten Antrag macht, sowie Afra, die als Kellnerin beim Fest wirkende Geliebte Hagenbachs. Dieser will Afra rächen, und es gelingt ihm, Wally beim Tanz zu küssen. Wally fühlt sich selbst gedemütigt, als die Menge schadenfroh klatscht, wenn Hagenbach sich wieder Afra zuwendet. Sie fordert von Gellner Hagenbachs Tod als Liebesbeweis. Dieser Auftragsmord quält Wally aber dann und sie leidet unter Wahnvorstellungen, in denen sie Gellner Hagenbach einen Abhang hinunterstürzen sieht. Als Gellner ihr die Ausführung des Mordes meldet, stürzt sie sich aus dem Fenster, um Hagenbach womöglich noch zu retten in dem Glauben, seine Stimme zu hören. Die herbeigeeilte Mange feiert sie als Retterin Hagenbachs. Daraufhin vermacht sie ihren ganzen Besitz an Afra und nimmt Abschied, lebt einsam in den Bergen. Nur Walter versucht sie zur Rückkehr zu bewegen, doch sie schickt ihn fort. Wieder hört sie die Stimme Hagenbachs, der ihr seine Liebe gesteht, auch nach ihrer Beichte des Auftragsmordes. Als Hagenbach durch eine Lawine ‚zum Schweigen‘ gebracht wird, folgt sie ihm in den Tod nach.

Catalani gelingt es, daraus eine gewaltig anmutende, den brachialen und von stürmischer Liebe diktierten Wandlungen des Librettos angepaßte adäquate Musik zu schöpfen. Der eigentliche Romantiker, der sich den Stoff klug nach dem Durchbruch des Verismo in Italien gewäht hat, verleugnet dabei seine Wurzeln bei C.M. v.Weber und Wagner nicht, kann aber in entscheidenden Momenten seine motivisch durchsetzte Musik ganz drastisch-dramatisch, innovativ zuspitzen, womit La Wally sicherlich unter den großen veristischen Opern eines Giordano oder Cileas einzuordnen ist. Das  NTM-Orchester meistert das Werk mit Hingabe und starkem Zugriff und kommt aber unter der sehr geschickten Leitung von Alois Seidlmeier in den Blechen manchmal etwas plakativ herüber, was aber auch gewollt sein kann.

Die Regie Tilman Knabes legt besonderen Wert auf die Episodenhaftigkeit des Werks und beleuchtet damit die Lebensabschnitte der Protagonistin Wally. Es wird betont, dass zwischen den den ersten drei Akten jeweils 15 Jahre liegen und zwischen dem 3.und 4.Akt nochmal neun Jahre, was im Publikum Heiterkeit hervorruft. Knabe will damit aber auch die große Wandelbarkeit eines Menschen im Lauf seines Lebens darstellen, von der jungen Politrebellin der Studentenbewegung der 68er zu der Geschäftsfrau im „New deal“, die er im Programmheft geradezu mit Margaret Thatcher vergleicht, bis hin zu einer Altruistin, die im Stil einer Leonore/Isolde den Geliebten rettet, aber letztlich in der Resignation ihr Leiden enden will. Dieses Konzept geht schlüssig auf, und Johann Jörg baut dazu die für die Protagonisten und Chöre gut bespielbaren Ambienten, die auch der Breite der NMT-Bühne, darin vergleichbar nur der des  Großen Festspielhauses in Salzburg, Rechnung tragen. Da wären die bürgerlich-älplerische Stube Strommigers, Wallys Vater, links daneben deren Revoluzzer -Zimmer (Diesmal werden neben den vielen Knabe-Zigaretten auch einige Joints konsumiert). im 2.Akt besteht die Gesamtbreite aus der Firmen-Lounge der Wally-AG, äußerst neureich designt. Später sieht man ihren eigenen hochgezogenen Wohntempel, alles aus Glas und Stahl. Im Finalakt dagegen ganz leere, durch ‚eiskalte‘ grauglitzernde Vorhänge begrenzte Bühne, auf der sich Wally als Sandlerin mit Rollator eingerichtet hat. Die Kostüme dazu von Kathi Maurer sind intelligent und stimmig.

Die Chöre sind von Anton Tremmel, dem neuen Chordirektor des NTM mit Verve einstudiert und greifen immer wieder markant ins Geschehen ein. Il Pedone, der auf dem Firmenfest eine Art Showmaster gibt und Gellner später den Aufenthaltsort Hagenbachs verrät, wird von den Baßbariton Bartosz Urbanowicz ausdruckskräftig gegeben. Den Stromminger singt ‚gnadenlos‘  Sun Ha mit rundem fokussiertem Baß. Ein echter Verdi-Beriton ist Jorge Lagunes als Vincenzo Gellner, der seine Liebe erst verhalten, dann glaubwürdig emphatisch beteuert. Die Afra der Evelyn Krahe hat zwar in der Alt-Rolle nicht viel zu singen und ist im perfekten Kellnerinnen-Dress auch als dienendes Personal gezeichnet. Die zu Beginn als Koloratursopranistin reussierende Tamara Banjesevic übernimmt die Hosenrolle des Zitherspielers Walter und kann in den Duetten mit Ludmila Slepneva viele einfühlsame Phasen schön gestalten. Roy Cornelius Smith ist ein exzellenter Verismo-Tenor. Manchmal scheint seine Stimme zwar nicht ganz schlackenlos, entwickelt sich aber ‚von Jahzehnt zu Jahrzehnt‘ immer besser. Dabei verfügt sie auch über schönen Schmelz und für den beim Verismo und Puccini genehmen Schluchz-Faktor. Ludmila Slepneva bringt für die Titelrolle die nötige Resolutheit ein und hat gute stimmliche Reserven. Ihr angenehm gerundestes hinreißendes Timbre kommt der darstellerischen Präsenz noch entgegen. Dabei ist ihre  Mittellage noch als besonders ausdrucksreich hervorzuheben. In ihren einzelnen Lebenphasen, die sie auch ganz veristisch ausspielt, steckt sie auch, immer schußbereit, wie von Knabe vorgegeben, in den passenden Gewändern.                                

Friedeon Rosén

 

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