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MANNHEIM: DON CARLO

03.02.2013 | KRITIKEN, Oper

Mannheim: „DON CARLO“ am 02.02.2013

 Da wollten Jens-Daniel Herzog und sein Bühnen- und Kostümausstatter Mathis Neidhardt mit Giuseppe Verdis „Don Carlo“ ein besonderes Sträußlein binden, hehre Worte im Vorfeld: Politische und gesellschaftliche Zwänge nagen an der persönlichen Integrität, bleiben die Ideale von Menschenwürde, Liebe, Freiheitsglaube etc. auf der Strecke – keine neuen Sichtweisen, keine neue Sicht(er)findung des Regisseurs, alles lief komplett aus dem Ruder.

Wiederkäuern gleich ahmen sich diese Jung-Dilettanten einander nach: zur klassizstischen Bühnenfassade steckte man die Königsfamilie in historische Gewänder, den Rest in alltags-taugliche Kostüme, Militäruniformen, der unentbehrliche Koffer durfte auch nicht fehlen, Liegestühle, einen Gummipool, die Hofdamen sitzen auf bunten Plastikeimern zum Auftritt der Eboli, welche sich zudem höchst vulgär bewegen muss, zum Autodafé zelebriert der König eine Abendmahlszene und lässt anschließend seine Offiziere per Gewehrsalven niedermähen, Posas Tod findet hinter der Bühne statt, seine Leiche wird ausgestellt und Carlo tritt in dessen früherem Outfit per Trenchcoat mit Koffer die Reise nach Flandern an? Dieser verzapfte Blödsinn wurde bereits vor der Pause mit kräftigen Buh´s abgestraft. Fazit: das ganze Spektakel wieder eine für Herzog typische Produktion, welche einen zweiten Besuch kaum lohnt.

Musikalisch haftete dieser Aufführung leider auch mehr oder weniger die Mittelmäßigkeit an.

Herausragende Sanges- Leistungen boten lediglich Sung-Heon Ha, dieser jugendliche Philipp strotzt vor Kraft, ausgezeichneter Stimmführung, herrlichem Timbre und ausdrucks-starkem Schönklang. In bester vokaler Manier gesellte sich dazu der Großinquisitor von Thomas Jesatko , geizte nicht mit kernigem Basswohlklang und somit geriet die Auseinandersetzung dieser Stimmgewalten, unweigerlich zum Höhepunkt des Abends.

Jorge Lagunes erreichte heute leider nicht das gewohnte Niveau und überzeugte lediglich in der „Sterbeszene“ mit seinem weichtimbrierten schönen Edelbariton. Dasselbe galt auch für Galina Shesterneva, sie begann zunächst verhalten, bewegte sich mehr in den mittleren Regionen ihres bewährt klangvollen Soprans und offenbarte erst bei „Tu che le vanitá“ und im Finalduett ihre gewohnte Klasse. Höchst eigenwillig mit wenig Akkuratesse absolvierte Heike Wessels das Schleierlied der Eboli und fand erst bei „don fatale“ zu dramatischem Aplomb und der vibrierenden Intensität ihrer voluminösen Mezzostimme. Zum Titelhelden – mein Gott, was soll ich sagen? Würde am liebsten Martin Luther zitieren, doch das wäre nicht druckreif. Roy Cornelius Smith verfügt zweifellos über immense tenorale Mittel, setzt sie allerdings recht gewöhnungsbedürftig ein, säuselt heiser in den unteren Regionen und stemmt die Höhen unvermittelt in recht eigenwilliger Intonation, eine sehr unbefriedigende Leistung.

Recht ordentlich präsentierten sich Bryan Boyce (Mönch), Tamara Banjesevic (Tebaldo), Cornelia Ptassek (Stimme), Kyung-Rak Jeong (Lerma/Herold), Allan Evans, Marcel Brunner, Il-Hoon Choung, Peter Maruhn, Magnus Piontek, Oliver Pürckhauer (Deputierte). Prächtig ausbalanciert und schönstimmig sangen Chor- und Extrachor des NT (Tilman Michael).

Beim Dirigat von Alois Seidlmeier konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass noch viele Proben nötig wären, Diskrepanzen zur Bühne waren nicht zu überhören. Lag es an der Überlastung des Kappellmeisters der letzten Tage (der GMD tourt in fernen Landen, obwohl in 6 Wochen die Götterdämmerung-Premiere starten soll!)? Erstaunlicherweise musizierte das Orchester des NT, entgegen aller Widerstände konzentiert und effektvoll. Leistungsgerechter Beifall und Bravos für die Solisten, auch Buh´s für Seidlmeier.

Gerhard Hoffmann

 

 

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