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MANNHEIM: DER IDIOT von Mieczyslaw Weinberg

17.05.2013 | KRITIKEN, Oper

Mannheim: Der Idiot (Mieczyslaw Weinberg) 16.5.2013

 Das Nationaltheater Mannheim bringt jetzt als UA die 4-aktige Oper Der Idiot nach dem Roman von Dostojewski von M.Weinberg (1919-1996) heraus. Sie war bereits in reduzierter Fassung für Kammerorchester in der Moskauer Kammeroper 1991 gespielt worden. Weinberg ist polnischer Abstammung, floh aber bereits 1939 nach Rußland, wo er in Minsk Komposition studierte, dann über Tasckent nach Moskau kam. Seine eigentliche Sozialisation, die in der Spätromantik (Mahler!) fußt, ereignet sich also in der Sowjetunion, wo er, eng mit Schostakowitsch zusammen, ein ähnlich umfangreiches Werk kreiert hat, das zahlreiche Symphonien und Streichquartette umfaßt. Aber ‚Der Idiot‘ von 1985/86 ist bei weitem nicht seine einzige Oper. Der Librettist seines ‚Idioten‘, der Musikwissenschaftler A.Medwedjew, lieferte ihm auch Libretti zu ‚Die Passagierin‘ (1967/68), ‚Die Madonna und der Soldat‘ (70/71) und ‚Das Portrait‘ (1980).

 ‚Der Idiot‘ dreht sich um den 26jährigen Fürsten Lew N.Myschkin, der in seine Heimatstadt St.Petersburg zurückkehrt, nachdem er sich einige Jahre in der Schweiz gegen seine Epilepsie hat behandeln lassen. Wegen dieser Krankeheit und wegen seines schlichten unbefangenen Wesens wird er allgemein nur „der Idiot“ genannnt. In einer intrigant-intrikaten Handlung geht es darum, wie die bekannte Petersburger Prostituierte und Mätresse Nastassja Filippowna, die sich zu ihm hingezogen fühlt, und der er einen Heiratsantrag macht, wenngleich sie noch mit anderen Männern verbunden ist, es schafft, ihn ganz für sich zu gewinnen, da Myschkin sich auch in die Generalstochter Aglaja Jepantschina, eine blonde Schönheit, invagiert. Als er sich letztendlich doch für Nastassja entschieden hat und die Trauung bereits angesetzt ist, ermordet sie ihr Liebhaber und ‚Beschützer‘ Parfjon Rogoschin, der auch ein guter Freund Myschkins selber ist, wie in Dostojewski-Romanen ja häufig Tötungen, wie hier mit einem Messer, vorkommen. Es kommen auch delikate Nebenhandlungen vor, besonders von ‚Ablösungen‘ bereits bestehender Beziehungen mit Prostituierten, wobei die Summe der ‚Goldrubel‘ eine wichtige Rolle spielt. Sie erscheinen aber gut ins Libretto integriert.

 Bei der Komposition von M.Weinbergs Oper spielen 16 Leitmotive eine beherrschende Rolle. Diese Leitmotiv-basierte Oper ist damit durchkomponiert und bringt den epischen, nicht so sehr den dramatischen Verlauf gut zum Ausdruck. Schönheiten der Instrumentation einzelner Klanggebilde fallen immer wieder beglückend auf. Alle Orchestergruppen scheinen daran ebenmäßig beteiligt. Das Nationaltheater-Orchester spielt die Partitur mit solcher Emphase, als sei es seit langem mit dieser Musik vertraut. Sicher hat sie ihr der Dirigent Thomas Sanderling, der ein ganzes Leben lang international dirigiert, ihm Weinbergs Musik, mit der er sich seit langem beschäftigt hat und die nie auf äußerlichen Effekt abstellt, sehr gut vermittelt.

Fast befreiend, daß für ein so großes Werk in der Inszenierung (Regula Gerber) einmal die ganze Bühnenbreite und -tiefe des Theaters genutzt wird (Bb Stefan Mayer). Zentral ist ein Klavier postiert, wo am Anfang eine quasi Vergewaltigung Filippownas durch Affanasi Tozkij, der sie aushält, gezeigt wird. Mittels großer Drehbühne kommen schnelle Übergänge zwischen den Szenen zustande, die sich auf der großen Fläche oft wie kleine Inseln ausnehmen. Auch die im Freien spielenden Auseinandersetzungen werden durch stilisierte weiße Bäumchen ins Bühnenkonzept eingebunden.Video-Projektionen und im Rücken der Szene sich öffnende Portale schaffen zusätzlich Atmosphäre. Die sehr elegantanten, teils ingeniösen Kostüme stammen von Falk Bauer.

In Kurzrollen reussieren Robert Schwarts/Messerschleifer, Katharina Göres/Warwa, Helga Arnold/Iwolgina, Gunter Möckel/Iwolgin, Tamara Banjesevic und Diana Matthess/ Alexandra und Adelaida Jepantschina. Ihre Mutter Prokofjewna wird von Elzbieta Ardam mit großem durchdringend akzentuiertem Mezzosopran gegeben. Ihr Mann Iwan, Alexander Vassiliev, ist ein echter russischer Baß mit prägnanter szenischer Präsenz. Uwe Eikötter steigert sich in die undurchsichtig gangsterhafte Rolle des Ganja mit seinem starken Tenor mit brachialer Kraft hinein. Lukjan Lebedjew schafft sich als eine Art Chronist und Botengänger ein gewisses Renomee, und Lars Möller macht in ihr mit einem schön diskursiven Bariton auf sich aufmerksam. Den Tozkij gibt mit markantem Baßbariton Bryan Boyce. Mit interessantem, gut geführtem Stimmmaterial singt Steven Scheschareg den zwischen Genie und Wahnsinn changierenden Baßbariton Parfjon Rogoschins. Und mit ganz edlem, immer bestens disponiertem lyrischem Tenor mit dramatischen Anklängen gestaltet Dimitry Golovnin die souveräne Zentralgestalt des ‚Idioten‘ Myschkin. Seine Frauen wären einmal Cornelia Ptassek /Aglaja Jepantschina mit ihrem so klar markierendem und schönstimmig fließemdem Sopran (Weinberg hat sie mit einer edlen Leitlinie bedacht), und Ludmila Slepneva, eine wirklich russisch anmutende, ganz jung wirkende dunkle Schönheit, die mit ihrem runden volumenreichen Stimmklang und teils magischen Aufschwüngen die Figur der Natassja Filippowna ausschmückt. Ein großer daramatischer Verdi-Sopran!

Friedeon Rosén

 

 

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