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MANNHEIM: AIDA – Premiere

30.10.2016 | Oper

Mannheim: „AIDA“ 29.10.2016 . Premiere

Amneris-Heike Wessels Aida-Miriam Clark (c) HJ Michel
Heike Wessels (Amneris), Miriam Clark (Aida). Copyright: Hans Jörg Michel

Spektakulär mit finalem Eklat erwies sich die erste Opernpremiere der Saison und läutete zudem die neue Intendanten-Aera ein. Im Vorfeld der lokalen Pressemitteilungen war zu vernehmen: die Bilder und Ideen zu „Aida“ (Giuseppe Verdi) sprudeln regelrecht aus dem Regisseur Roger Vontobel heraus, Szene für Szene entsteht das Regiekonzept. Ping Pong-Bällen gleich spielte sich das Team die Ideen zur umgesetzten Parabel zu, verpackt in eine transparente sich ständig im Kreise bewegende Treppen- und Bühnenkonstruktion (Palle Stehen Christensen).  Man war bestrebt Macht und Ohnmacht des Individuums im Verhältnis zur Gesellschaft auszuloten, verlor jedoch im Getümmel des Kampfes politischer und kapitalistischer Interessen zunehmend den Überblick. Die Ideen sprudelten über und über, auf dem Bühnenkarussell wimmelte es wie auf einem Ameisenhaufen, es versammelte sich eine bunte multikulturelle Gesellschaft entsprechend kostümiert vom Turnschuh bis Nahkampfanzug war alles vertreten (Nina von Mechow).

Individuelle personenbezogene Dramaturgie ging im allgemeinen Gewusel unter oder endete in unfreiwilliger Komik. Die Ideen vormals oft erlebter Klischees wie Publikumsblendungen etc. sprudeln und sprudeln: Amneris schwenkt die Weinflasche, räkelt sich auf der Ikea-Couch, die Dienerinnen mobben albern kichernd Aida, Radames unterzieht sich vor der Schwertweihe (?) einer peinlichen Fußwaschung. Ach ja, zur Vielfalt der Opernliteratur  kann es schon mal passieren, dass ein unkundiger Regie-Banause etwas durcheinander bringt! Zum Triumphmarsch wird exerziert, zum lauten Kommando formieren Choristen plakativ Konterfeis skurriler Persönlichkeiten. Klappe auf, Klappe zu hinab mit dem verurteilten  Landesverräter  in den Untergrund. Jetzt aber merkt wohl auf die Mär, Wunder muss ich euch melden: wohl aus Platzgründen der übervölkerten Bühne fanden sich Aida und Radames in der Intendantenloge wieder und hauchten vom Blatt gesungen ihr Leben aus.

Nun war´s dem Premierenpublikum doch zu viel des „Guten“ und strafte das Produktionsteam lautstark nach Strich und Faden ab, die wenigen Bravorufer hatten keine Chance! Unweigerlich stellt sich dem Betrachter die Frage: muss man auf der Opernbühne ständig auf tagespolitische Ereignisse reagieren? Mit gutem Musiktheater hat dies herzlich wenig zu tun! Vor lauter gucken vergaß man fast Verdis herrliche Musik und die konnte sich wahrhaft hören lassen.

Eindeutig auf der Habenseite zu verbuchen waren jedoch die Leistungen des NT Orchesters unter dem beeindruckenden Dirigat seines neuen GMD Alexander Soddy. Vom zart-filigranen Violinenton über kantilenenselige Lyrismen bis zur steigernden auftrumpfenden Dramatik hatte der versierte Dirigent sein prächtig aufspielendes Orchester voll im Griff. Minimale Schwankungen im Drahtseilakt Bühne und Graben dürften sich nach den Premieren-Nervositäten legen, bewundernswert meisterte Soddy mit richtigem Gespür die Balance der Tempi. Bravo – ein gelungener vielversprechender Einstand!

Als Aida stellte sich Miriam Clark im Sängerensemble vor und somit möchte ich zuerst mit den Stärken der Sopranistin beginnen. Es sind die sanften lyrischen Phrasen und schwebenden Piani die bezaubern, ebenso das mädchenhafte Timbre. Momente des Andantino im Duett des dritten Aufzugs La tra foreste vergine singt Clark wie von Verdi gefordert „estremamente p“, dass es einen bebenden seelischen Nachhall auslöst. Flexibel, homogen leuchteten die ausladenden Höhen ihres schönen Spintosoprans. Fehlte es der Stimme noch an Substanz dramatischen Nachdrucks, einem noch etwas unsicheren hohen C zur Nilarie,  gleicht es die aparte Sängerin mit ergreifenden Seelentönen im Finalduett aus. Auf ihre vermutlich interessante Ballo-Amelia darf man sich bereits freuen.

Einem Naturereignis, einem lodernden Vulkan gleicht die Amneris von Heike Wessels. Vom ersten Takt an schlug sie die Hörer mit ihrer klangvollen ausdrucksstarken Mezzostimme in ihren Bann. Ob in heiklen Piani, dem fulminanten Aida-Duett, der markanten Begegnung mit Radames sowie der furios gestalteten Gerichtsszene, dem nuancierten Reichtum dieser faszinierenden Stimme konnte man sich nicht entziehen. Zu guttural klangvollen Mitteltönen präsentierte Wessels sicher angesteuerte Höhenpräsenz – einfach umwerfend. Kein Wunder das Haus tobte vor Begeisterung.

Mehr lyrisch denn heldisch sang der Gasttenor Rafael Rojas den ägyptischen Feldherrn, wartete mit weichem Timbre und glanzvollem Höhenstrahl auf. Sicher geführt, schönstimmig erklang Celeste Aida, doch offenbarte der Sänger seine tenoralen Qualitäten besonders während der Duette im dritten Akt sowie dem Finale zu klangvollem Ausdruck.

Impulsiv, detailliert formt Jorge Lagunes die Verdi-Kantilenen, er hatte sie wohl mit der Muttermilch aufgesogen? Mühelos formt der Bariton die wunderbaren Legatobögen und gar selbst während der zornigen Ausbrüchen Amonasros büßt die Stimme nichts an Wohlklang ein.

Markant artikulierte Sung Ha den Oberpriester Ramphis, in sonorem Wohlklang umriss der Bass in bester vokaler Farbgebung, die offensichtliche Gefährlichkeit der Partie.

Mit leicht näselndem Bass umriss John in Eichen den senilen Pharao. Schönstimmig präsentierten  Nikola Hillebrand (Tempelsängerin) sowie Pascal Herrington den seltsam kostümierten Kriegsboten.

Die großen Chorszenen entfalteten Chor und Extrachor des NT (Dani Juris) in gewohnt präziser Tonqualität und trotzten den ungewöhnlichen hohen körperlichen Anforderungen.

Die musikalische Komponente feierte das begeisterte Publikum in zehnminütigen Ovationen und lautstarken Bravochören.

Gerhard Hoffmann

 

 

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