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MAN OF STEEL

18.06.2013 | FILM/TV

 

Ab 21. Juni 2013 in den österreichischen Kinos
MAN OF STEEL
USA  /  2013 
Regie: Zack Snyder
Mit: Henry Cavill, Amy Adams, Russell Crowe, Kevin Costner, Michael Shannon u.a.

Der Film ist etwa zwei Stunden alt (im ganzen läuft er zweieinhalb), als erstmals das Wort “Superman” fällt. Das Verhältnis des titelgebenden „Man of Steel“ zu der Klassiker-Figur, die er verkörpert, ist etwas zwiespältig ausgefallen. Einerseits erzählt man die Geschichte von Clark Kent, der „Superman“ ist, andererseits unterscheidet sich dieser Film von allen vorangehenden.

Man erinnert sich – viermal, von 1980 bis 1987, erschien Superman, der Comic-Held vom Planeten Krypton, auf der Filmleinwand und damit auf der Erde. Die Rolle wurde von Christopher Reeve verkörperte, der später bei einem Unfall querschnittgelähmt wurde und bis zu seinem Tod 2004 geradezu modellhaft zu beweisen suchte, dass Leben sich trotzdem lohnt – ein Superman auch in der Realität.

Gewissermaßen schien man gewartet zu haben, bis es Reeve nicht mehr gibt, um sich nicht der Pietätlosigkeit schuldig zu machen. Doch als 2006 „Superman Returns“ auf der Leinwand erschien, diesmal mit Brandon Routh (wer ist Brandon Routh?) in der Hauptrolle, war es gar kein Erfolg mehr. Nicht nur, dass dieser Darsteller, statt einer strahlenden Karriere entgegen zu gehen, seither vergessen ist, es gab auch keine Fortsetzung. Das dürfte dem nunmehrigen Superman, der sich im Titel nicht so nennt, zwar nicht passieren: Aber es scheint nicht, als hätte man mit Henry Cavill für den Krypton-Mensch-Zwitter ideal gegriffen. Dennoch – dass „Fortsetzung folgt“, das macht das Ende von „Man of Steel“ unmissverständlich klar…

Man erinnert sich: Im allerersten „Superman“-Teil, damals 1980, hielt kein Geringerer als Marlon Brando als „Papa“ Jor-El am Planeten Krypton sein Söhnchen in die Kamera. Diesmal ist es Russell Crowe in dieser Rolle, man hat also wieder mit A-Klasse besetzt. Aber sonst gleicht nichts an dem neuen Film dem alten. Dort begegnet man dem Jungen als Ken Clark, wo er in „Metropolis“ als scheinbar schüchterner Jüngling für die Zeitung arbeitet und sich nur in Notzeiten in sein „Superman“-Gewand wirft, durch die Lüfte segelt und für den Sieg des Guten sorgt (wobei der Superbösewicht Lex Luthor heißt). Der „Man of Steel“ hingegen stellt die Machtkämpfe auf Krypton in den Mittelpunkt, General Zod kommt (u.a. begleitet von der kämpferischen Faora) auch auf die Erde, um hier Zoff zu machen, und so sieht man zweieinhalb Stunden lang einerseits einen Science-Fiction-Film, andererseits wirkt es (durch die entsetzlichen Zerstörungen, denen man die Erde aussetzt) wie einer der guten, alten Katastrophenfilme  – nur dass es damals meist die Natur war, die Schlimmes anrichtete, diesmal sind es die Kryptonen…

Was also bietet dieses Film, dessen Drehbuch (David S. Goyer und „Batman“-Regisseur Christopher Nolan) voll von aufgeblasenem Blödsinn ist und mit dem Regisseur Zack Snyder offenbar versuchte, alle bisherigen Materialschlachten zu übertreffen? Man meint geradezu, die 225 Millionen US-Dollar zu sehen, die in das Budget dieses Films gebuttert wurden… Und der Österreicher Hans Zimmer goß jene Musikmassen darüber, die alles, was man sieht, noch dramatischer erscheinen lässt.

Die Handlung: Papa stirbt eigentlich auf Krypton (kommt aber dennoch wieder – ein so glänzender Schauspieler wie Russell Crowe, der wirklich agiert, als nähme er alles ernst, darf nicht unter seinem Wert verheizt werden), das Baby kommt auf die Erde. Einst war Glenn Ford der neue Vater, diesmal ist es Kevin Costner, der das Kind aufgenommen hat – und er spielt in kurzer Rolle den Jonathan Kent mit der Ruhe des besonnenen Amerikaners (gibt es den?), der ohne heroische Geste und doch tapfer den Tod wählt, um den Sohn nicht bloßzustellen – denn der kleine Junge hat schon Superkräfte. Wie gut, dass auch Erdenmama Martha (Diane Lane hat keine Hemmungen, ihr Alter auszustellen) für den problembeladenen Jungen (viele Rückblenden in die Kindheit!) die denkbar verständnisvollste Bezugsperson ist.

Man lebt also in Kansas, aber Ken, nun erwachsen in Gestalt von Henry Cavill, musste ja doch immer wieder seine Kräfte zeigen, etwa um Mitschüler zu retten, wenn der Bus in den Fluß stürzt, und dergleichen. Und Journalistin Lois Lane setzt sich auf seine Spuren und findet ihn schließlich auch. Aber da ist schon die Hölle los…

Denn mittlerweile hat man Krypton-Reste im Eis gefunden, was dem Film Gelegenheit gibt, unendlich viel US-Militär ins Geschehen zu schicken (fühlen sich die Zuseher dann wohl und sicher?). Sie werden auch gebraucht, erweisen sich aber angesichts der Bedrohung als ziemlich unfähig: Denn nun kommen General Zod mit Faora und den anderen Bösen, um Clark heimzuholen, und von da an (und das zieht sich gefühlsmäßig nicht nur über Stunden, sondern endlos) herrscht in dem Film nur noch Kampf, Krawall und Zerstörungswut. Superman, der nicht mehr das signifikante „S“ auf der Brust trägt, sondern eine gewissermaßen modifizierte, weniger auffallende Form, wird zwar immer wieder gebeutelt, stürzt sich aber (fliegend, kämpfend) ins Geschehen. Dass dergleichen perfekt gemacht ist – das ist man gewöhnt. Dass es noch lauter, wilder und verrückter scheint als je, braucht man für die Einspielergebnisse. Was bringt’s?

Der Film hat, sagen wir das Positive, ein paar sehr gute Besetzungen über Russell Crowe hinaus. Das Sympathische an Amy Adams ist, dass sie wie eine ganz normale hübsche junge Frau daherkommt und nicht wie ein magersüchtiges Model. Bei ihr hat man auch nie Zweifel an ihrer Intelligenz – wenn so reale Anforderungen an Kunstfiguren wie in diesem Drehbuch überhaupt gestellt werden. Aber immerhin soll man Lois Lane glauben, dass sie sich als engagierte Journalistin an einer Sache festbeißt und ihre Recherche auch durchzieht. Und schließlich noch tapfer ist, wo die meisten davonlaufen würden (wenn man etwa in ein feindliches Raumschiff gehen soll!). Kurz, eine angenehme Besetzung. Laurence Fishburne als ihr Zeitungschef zeigt hingegen vor allem, wie fett er geworden ist. Nun ja, das kommt oft mit dem Alter…

Michael Shannon ist ein faszinierend zwielichtiger Typ, der allerdings nicht als „Held“ eine Geschichte tragen kann (man erinnert sich an „Taking Shelter“, wie quälend er da den Mann mit der Zwangsvorstellung gemacht hat, seine Familie per Bunker vor einem Atomschlag zu schützen) – aber als Bösewicht funktioniert er großartig. Und die Deutsche Antje Traue darf an seiner Seite in Alien-Krypton-Uniform und gewissenloser Unerschrockenheit agieren.

Und Henry Cavill? Er ist Brite, 30 (sieht aber jünger aus), war in den „Tudors“ in einer Nebenrolle zu sehen, durfte mit Woody Allen filmen und in einer der zahlreichen „Antike Götter“-Filme den Theseus spielen, war auch schon der Sohn von Bruce Willis, hat aber noch nie dermaßen hervorgestochen, dass man ihm eine Rolle wie „Superman“ zutrauen würde (zumal er ja nun viele Filme lang funktionieren soll). Nein, hier darf er auch nichts anderes, als entweder bedrückt oder dramatisch dreinzusehen, und beides gelingt ihm nur mangelhaft. Immerhin – ganz am Ende, da erscheint er plötzlich (alle Zerstörungen und Katastrophen weggewischt, in der Redaktion geht alles weiter wie immer) als schüchterner Clark Kent mit Brille bei seiner Lois Lane und stellt sich als künftiger Mitarbeiter vor … also soll der nächste Film dann bieten, was einst „Superman I“ war (vielleicht gibt es dann auch Lex Luthor). Aber ob der nötige Persönlichkeitsaufschwung des Darstellers bis dahin zu schaffen ist?

Am Ende bleibt die Frage, die sich angesichts amerikanischer Filme neuerdings  immer öfter stellt: Hat es wirklich so enormen „Unterhaltungswert“ für ein amerikanisches Publikum, dabei zuzusehen, wie ihre Heimat – ob in Großstädten („Metropolis“ – und doch bildet man sich ein, New Yorks Grand Central Station zu erkennen!), ob in den Kleinstädten („Smallville“) des Midwest – mit unendlicher Brutalität in Stücke gelegt wird? Denkt man nach, dann sieht man dabei zu, wie vermutlich Hunderttausende von Menschen vernichtet werden. Was den Film nicht weiter stört – reflektiert denn  niemand über diese perverse Untergangs-Mythologie?

Renate Wagner

 

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