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MAINZ: THE FAIRY QUEEN – Premiere

04.11.2014 | Allgemein, Oper

Mainz: „THE FAIRY QUEEN“Premiere am 2.10.2014

 Für die erste Opern-Premiere der Saison 2014/15 hat der neue Mainzer Intendant Markus Müller ein Mehrspartenwerk ausgesucht: die 1692 komponierte Semi-Opera bzw. Masque „The Fairy Queen“ (auf Deutsch: Die Elfenkönigin) von Henry Purcell, die100 Jahre nach William Shakespeares „Sommernachtstraum“ entstand. „Semi-Opera“ bzw. „Masque“ vereinen Tanz, Schauspiel und Musik. Die von Jo Strømgren (Inszenierung und Choreographie) und Lars Gebhardt (Dramaturgie) aktualisierte Textfassung der deutsch gesprochenen Abschnitte basiert auf der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel. Um eine erträgliche Dauer dieses Werks zu erreichen, wurde etwa ein Drittel weggestrichen. U. a. entfallen die Handwerkerszenen und eine Reihe von Musikstücken. Alle drei Sparten haben gleichgroßen Anteil am Bühnengeschehen. Die Kostümbildnerin Bregje van Balen erleichtert den Zuschauern das Einordnen der einzelnen Rollen. So erkennt man das Herrscherpaar an knallroten, kunstvoll gestylten Haaren, die, etwas einheitlicher toupiert, mit in die Höhe drapierten flammenartigen Frisuren, auch die Angst verbreitende, schwarz gekleidete Elfengesellschaft vorzuweisen hat. Die griechische High Society, welche auch im Bedarfsfall bei Führungen auf die Säulensockel von starken Tänzern positioniert wird, ist durch weiße Tuniken und gelegentlich auch mit einem dazu gehörenden Chiton-Umhang sowie den unverzichtbaren Sandalen erkennbar. Außerdem trägt man gekräuselte Haare. Hermia (die Tochter von Egeus) und Lysander sind grün gewandet, Helena in noblem Blau. Sie ist eigentlich stärker fokussiert als Titania. Egeus/Zettel, Demetrius und Puck fallen aus dem Raster. Die romantisch angelegte Bühne hat sich Stefan Østensen ausgedacht. Hier ist genügend Platz für die vielen Darsteller. Hauptspielort ist der Zauberwald. Man sieht weiß übersprühte Bäume, zerbrochene Säulen und Stümpfe, sowie Bänke und zwei übergroße Pferde, natürlich keine echten. Im Hintergrund findet sich eine Projektionsfläche, die wohltuende und passende Farben sowie Stimmungsuntermalungen, z. B. Wellen, vermittelt. Dazu tragen auch die sinnvollen Lichteinstellungen von Stefan Bauer bei. Dies alles unterstützt die Handlung und lenkt nicht von ihr ab. Eine ruhige, sehr poetische, stimmungsvolle Szene hat mich sehr beeindruckt, obwohl ich sie nicht ganz verstanden habe: ein beleuchteter Globus, umgeben von diversen meditierenden Personen. Kommen wir zu den Solisten des Abends. Zunächst die Schauspieler. Klaus Köhler als Theseus, Herzog von Athen und Elfenkönig Oberon zeigt einen Herrscher, der kein Rückgrat hat und häufig völlig hilflos erscheint. Er ist kein Vorbild und hat keine Autorität. Seine Amazonenkönigin Hippolyta bzw. Elfenkönigin Titania (Andrea Quirbach) liebt ihn nicht mehr. Sie hat es wohl auf den indischen Knaben (Ruben Albelda Giner/Tanz) abgesehen und „missbraucht“ in der Sommernacht heftig und lautstark den armen Zettel. In der Doppelrolle Egeus/Zettel tauchen zwei unterschiedliche Charaktere auf. Der bärtige Zettel ist seinem Herren Theseus ein gehorsamer Diener. Außerdem ist Zettel noch im Zweitberuf der mit einem Schirm „bewaffnete“ Fremdenführer im Bereich des Säulen-Viertels im Zauberwald. Egeus, der Vater von Hermia, ist wenig erfolgreich. Er erreicht nicht, dass Demetrius ihr Mann wird. Zunehmend ist er auf dem besten Weg, ein Fall für den Psychiater zu werden. Am Schluss findet Egeus auch noch einen Partner: Hymen, den Gott der Ehe. Clemens Dönicke überzeugt in dieser kontrastreichen Doppelrolle. Der „Frauenheld“ Demetrius/David Schellenberg im neckischen kurzen Kleidchen wirkt äußerst feminin. Hermia/Lilith Häßle ist vom Gesamteindruck her eine temperamentvolle Frau und einigermaßen normal. Es gibt nur fünf Gesangssolisten: Der Countertenor Alin-Ionut Deleanu, Hermias liebevoller Partner Lysander, ist ein sehr guter Singschauspieler. Als vornehme Helena, mit kostbarem blauen Kleid ausgestattet, erscheint Vida Mikneviciute. Ihre wunderbare, voluminöser gewordene Stimme, die voll aufblüht, fasziniert. Ist vielleicht ein Stimmfach-Wechsel geplant? Warum sich Helena ausgerechnet am Schluss Demetrius als Partner aussucht, bleibt allerdings rätselhaft. In wechselnden zum Teil allegorischen Darstellungen überzeugen Alexandra Samouilidou/Sopran 2, Michael Pegher/Tenor und Georg Lickleder/Bass. Alle TänzerInnen von tanzmainz unter der Leitung von Jo Strømgren sind im sicherlich äußerst anstrengenden, fantasievollen Dauereinsatz und verstärken die inhaltlichen Aussagen, entweder als Puls zur Musik oder auch als bildhafte Momente (z. B. Wellen) des Geschehens. Ein choreografischer Höhepunkt aus meiner Sicht ist eine sich bewegende „Spiralfeder“. Herauszuheben aus der Tanzgruppe sind Alessandra Corti und Gili Govermann als Säulen-Figuren. Mit wohl dem stärksten Applaus des Abends bedacht wird der Tänzer und Darsteller des Pucks Mattia de Salve. Ihn prägen als biologisch nicht hundertprozentig einzuordnendes Fabelwesen eine Glatze, Bart, nackter Oberkörper, ein Fell als Lendenschurz und ein Teufelsschwanz! Seine vielfältigen, akrobatischen, ungewöhnlichen Bewegungsabläufe imponieren. Er verteilt mit einem übergroßen Zerstäuber den Duft einer Zauberpflanze an mehrere, z.T. unwissentlich falsch ausgewählte, Personen. Das führt natürlich zu massiven Irrungen und Wirrungen: Viele Arten der „Liebe“ werden vorgeführt. Zusätzlich ist das Hantieren mit der Spritze allein schon eine komödiantische Angelegenheit. Sehr engagiert, einfühlsam und von hoher Klangqualität zeigt sich wie immer der von Sebastian Hernandez-Laverny geleitete Chor des Staatstheaters Mainz, der sich auch äußerst synchron zu den Tänzern gesellt. Bravo! Das vom Barockspezialisten Andreas Spering geleitete Philharmonische Staatsorchester Mainz erfüllt in hohem Maße das gewünschte Klangbild und nimmt Rücksicht auf die Gesangsdarbietungen. Das Orchester hat folgende Besetzung: zwei Blockflöten, zwei Oboen, zwei Trompeten, Pauke, „Rührtrommel“, Streicher und Basso continuo. Die Musik von Purcell ist erfüllt von vielen Tänzen, die auch früher u. a. zum „Einzug des Publikums“ dienten. Entsprechend war zu Beginn der Mainzer Premiere das Saallicht noch an. Dies hat sich bis heute als Entreakt im Musical erhalten. Ansonsten werden die reinen Instrumentalstücke verstärkend zur Handlung eingesetzt. Aus der Vielzahl der äußerst abwechslungsreichen Vokalstücke möchte ich drei ganz besonders hervorheben: Aria and Chorus, „Hush no more, be silent all“. Das Stück ist geprägt durch Spannungspausen. Purcell setzt bewusst und äußerst wirkungsvoll die Affekten- bzw. die Figurenlehre ein. Dann gibt es einen Zyklus für die vier Jahreszeiten, der von „Fanfarenklängen“ eingeleitet wird. Bass, Sopran 2, Alt und Tenor besingen in der Reihenfolge Winter, Frühling, Sommer, Herbst und dann noch einmal den Winter den Jahresablauf. Schließlich eine berührende Aria der Helena: „O let me weep“ mit ergreifender Solo-Violine. Dazu kommt die passende Tonart d-moll und ein (fallender) „Lamento-Bass“.

 Zum Schluss meines Berichts noch eine Frage, frei nach dem Fazit der Marschallin aus dem „Rosenkavalier“: „…war das Ganze eine Farce und weiter nichts?“. Es wird an diesem Abend zwar zu Recht viel gelacht und geschmunzelt, aber wenn man die Charakterisierung der einzelnen Hauptrollen noch einmal Revue passieren lässt, findet man diese in unserer Gesellschaft wieder. Und das ist dann nicht mehr zum Lachen!

Langanhaltender, verdienter und einstimmiger Applaus!                                                    

Volker Funk

 

 

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