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MAINZ/ Staatstheater: BALKANOPHONIA (Konzert für junge Leute)

01.02.2020 | Konzert/Liederabende

Mainz: „BALKANOPHONIA“ (Konzert für junge Leute) – 30.1.2020

„Balkanophonia“, also etwa „Balkan-Klänge“, lautet das Motto des 1. Konzerts für junge Leute in der laufenden Saison 2019/20. Ungewöhnlich ist die Arbeitsteilung zwischen Taktstock und Mikrofon. Nikolai Petersen, Kapellmeister an der Oper Frankfurt, leitet als Gastdirigent das Philharmonische Staatsorchester Mainz, und GMD Hermann Bäumer begnügt sich mit der Moderation. Die Zusammenarbeit klappt problemlos. Petersen hat das Orchester gut im Griff, und die Musiker demonstrieren flink und gerne alle gewünschten Musikbeispiele. Bäumer setzt an diesem Abend am im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters einmal mehr auf das mit den Jahren herangewachsene Stammpublikum aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, das ein tieferes Interesse an der klassischen Tradition hat und auch praktische Übungen bereitwillig mitmacht. Zwei Leitfragen stehen schon in der Konzertankündigung: „Klingt der Südosten anders als Mitteleuropa? Wie und woher kommt das Schlagzeug in das Sinfonieorchester?“ Wohl mit Recht vermutet der GMD, dass die geographische Vorstellungskraft des Mainzer Publikums in puncto Balkan etwas unterentwickelt ist, und so hat er extra für diesen Abend eine große Karte mit Staatsgrenzen zeichnen lassen, in die er im Laufe des Abends auf Zuruf Nationalstaaten und Hauptstädte einträgt. Das sorgt später immer wieder für ein wenig Heiterkeit, zumal die Eintragungen aus zunehmender Entfernung schlecht zu sehen sind.

Als erstes aber gibt Petersen den Einsatz für Wolfgang A. Mozarts Ouvertüre zur „Entführung aus dem Serail“. Er bricht mit dem 1. Teil ab; dann kommt Bäumer auf die Bühne, absolviert die Begrüßung und fragt: „Wie kann Mozart vermitteln, dass diese Musik in der Türkei spielt?“ Der Frage schließt sich ein mit Einzelbeispielen garnierter Exkurs zu Besetzung, Spielweise und Klang der osmanischen Janitscharenmusik an, bevor noch einmal die gesamte Ouvertüre erklingt. Große Trommel, Becken, Triangel und Piccoloflöte behalten wir als typische Instrumente in Erinnerung. Auf mögliche kulturgeschichtliche Exkurse zur Balkanophobie als Kehrseite der Balkanophonie, zur Türkenfurcht und zur Orientbegeisterung verzichtet der GMD. Stattdessen geht es weiter zu „Balkonophonia“, einer Komposition des in Deutschland so gut wie unbekannten Josip Slavenski (1896 – 1955). Ein Programmheft gibt es diesmal nicht, nur einen Aushang. Bäumer konzentriert sich als Moderator auf die Musik und spart biographische Informationen völlig aus. Deshalb seien sie hier nachgetragen, zumal ja das Motto des Abends auf den  Komponisten zurückgeht: Obwohl im Norden des heutigen Kroatien geboren, verstand sich Slavenski, der in Budapest und Prag Musik studiert hatte, zu Lebzeiten als jugoslawischer Komponist mit internationalem Horizont. Er ließ sich im heute serbischen Belgrad nieder. Seine folkloristische Suite „Balkanophonia“ von 1927 wurde in Europa häufiger gespielt, u.a. 1928 in Berlin unter Erich Kleiber und 1930 in Mainz unter Paul Breisach. Viele seiner Werke kamen beim Mainzer Musikverlag B. Schott‘s Söhne heraus, bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Der Verlag wagte es 1934 nicht mehr, Slavenskis „Religiophonia“, ein großes sinfonisches Werk religionsphilosophischen Inhalts, herauszubringen. (Eine Auswahl und Zusammenfassung des interessanten Briefwechsels zwischen dem Komponisten und seinem Verleger Ludwig Strecker hat die Arbeitsgemeinschaft Musikerbriefe am Musikwissenschaftlichen Instititut der Universität Leipzig ins Internet gestellt.)

Jeweils eingeleitet von einer Moderation, spielt das Orchester 5 von 7 Sätzen der „Balkanophonia“. Vor dem „Serbischen Tanz“ lässt Bäumer das Publikum einen charakteristischen Rhythmus klatschen und ein Fagott- und ein Englischhornsolo vorführen. Das Mitsingen einer Melodie bereitet auf den „Albanischen Tanz“ vor. Zum „Türkischen Derwischtanz“ gibt es ein wenig Kulturgeschichte und die Wiederbegegnung mit den typisch türkischen Instrumenten. Beim „Griechischen Lied“ liegt Bäumers Augenmerk auf der charakteristischen Flötenmelodie mit der übermäßigen Sekunde. Für den „Bulgarischen Tanz“ gibt es eine arbeitsteilige Rhythmus-Aufgabe fürs Parkett, den 1. Rang und – besonders schwierig – für den 2. Rang. („Das können nur Leute, die richtig schnell sind.“) Wem hier die unregelmäßigen Akzente schon zu schaffen machen, kommt beim nächsten Stück erst richtig ins Schwitzen. Béla Bartóks „Tanzsuite“ führt nach Ungarn, und mit der zunehmenden Komplexität der Sätze 1  bis 3 werden auch die Anforderungen ans Publikum höher. Ganze Rhythmusfolgen werden nun textiert; und es kommt sogar zur Geschlechtertrennung zwischen Buben und Mädchen. (Er habe die Rhythmen selbst im Zug „echt viel geübt“, gesteht der GMD.) Bei der konzertanten Darbietung ist der Wiedererkennungsfaktor dann eher gering; Bartók präsentiert einfach zu viel musikalische Überraschungen.

Den Abschluss bildet eine weitere Rarität: Das „Concert romanesc“ von György Ligeti aus dem Jahr 1951– ein Ergebnis der Volkmusik-Forschungen des Komponisten in Rumänien und zugleich des politischen Drucks, den die Doktrin des Sozialistischen Realismus auch in Ungarn ausübte. Das Stück wurde wegen vieler Dissonanzen trotzdem verboten und erst 20 Jahre später uraufgeführt. Bäumer erzählt als Anekdote dazu, bei der letzten Mainzer Aufführung (im Dezember 2010 unter Peter Rundel) habe ein Kritiker Unsauberkeiten der Hörner im 3. Satz bemängelt; dabei verwende Ligeti dort doch mit Absicht den 7. Ton der Naturtonreihe, der nicht ganz in die Naturtonreihe passt! Natürlich wird die besagte Stelle vorgeführt, und dann auch gleich die Echowirkung mit einem zweiten Horn hinter der Bühne. Für den temperamentvollen 4. Satz hat der GMD wieder einen Sprechrhythmus parat. Schließlich hat aber Ligetis Musik unter Nikolai Petersens packender Führung das letzte Wort. Das allerletzte Wort aber hat im Finale der Konzertmeister (an diesem Abend Naoya Nishimura), der sich am Ende mit einem langen virtuosen Violinsolo völlig aus der Orchesterdisziplin verabschiedet und erst nach einem Zwischenruf des Horns hinter der Bühne durch einen gewaltigen Tutti-Schlag zur Ruhe gebracht wird.

Andreas Hauff

 

 

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