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MAINZ/Staatstheater: 5. SINFONIEKONZERT / Bartok, Schostakowitsch und die neurale Resonanz

26.03.2022 | Konzert/Liederabende

Mainz: 5. Sinfoniekonzert – Bartók, Schostakowitsch und die neuronale Resonanz – 25.3.2022

Verhalten und formstreng, so wirkt Béla Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ beim 5. Sinfoniekonzert im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters. Am Pult steht Daniel Montané, seit 2020 Erster Dirigent des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz. Exakt, sauber und gut nachvollziehbar arbeitet er mit dem Ensemble die kompositorischen Strukturen heraus, wie Bartók sie gegenüber seinem Verlag in bemerkenswerter Nüchternheit beschrieben hat. Es ist interessant, dem zu folgen, aber es liegt doch eine Art Grauschleier über der Musik – sogar über dem Finale mit seinen folkloristischen Anklängen und überraschenden Wendungen. Man fragt sich als Hörer: Hat der Komponist sich 1936 bei der Arbeit an diesem Werk angesichts der wenig erfreulichen Zeitumstände in die Welt der reinen Konstruktion geflüchtet? Oder klingt das an diesem Abend nur so – angesichts der wenig erfreulichen Zeitumstände im Jahr 2022, die auf die Stimmung drücken?

Nach der Pause steht Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 1 auf dem Programm – die bestgelaunte, unbefangenste, frechste, die er geschrieben hat – frei noch von ideologischen Bekenntnissen und Untertönen geistigen Widerstands. „Wenn das Publikum während der Aufführung meiner Werke lächelt oder direkt lacht, bereitet mir das eine große Befriedigung.“ Dieses Zitat des Komponisten hat die Dramaturgie als „letztes Wort“ vor der Aufführung auf die Rückseite des Programmhefts gedruckt. Im Mainzer Auditorium herrscht konzentrierte Stille, während das Orchester ein beeindruckendes Kaleidoskop gegensätzlicher Farben und Stimmungen entfaltet. Eindeutiger und ernsthafter wird die Musik im langsamen Satz, bei dem vor allem ein langes melancholisches Solo einer gestopften Solotrompete über einem getragenen Streichersatz auffällt. (Ähnliche Passagen finden sich interessanterweise um 1932/33 bei Kurt Weill.) Aber selbst im gut gelaunten Finale lacht oder lächelt niemand im Publikum. Auch die Orchestermitglieder, soweit sie keine Maske tragen müssen, verziehen keine Miene. Warum?

In seinem kürzlich erschienen Buch „Das empathische Gen“ beschreibt der Freiburger Neurologe und Psychotherapeut Joachim Bauer das Phänomen der „neuronalen Resonanz“: „Aktivitätszustände eines Menschen können sich auf einen anderen übertragen. (…) Mehr noch als die Sprache geben körperliche Signale wie die Mimik, Blicke, die Körperhaltung oder die Art, sich zu bewegen, Auskunft darüber, wie sich jemand fühlt.“ Wenn es jemand gibt, der das gesamte Orchester im Blick hat, ist es der Dirigent. Daniel Montané hat beide Werke zweifellos gut einstudiert. Auf dem Podium konzentriert er sich nun aufs energische Taktieren – selbst dort, wo es gar nicht nötig wäre, wie bei den Soloakkorden des Klaviers am Ende des zweiten Satzes. Wichtiger wäre eigentlich, dass er stellvertretend und für alle sichtbar die innere Spannung hielte und den musikalischen Ausdruck formte. Eben dies gelingt ihm gerade im Finale nicht, als ein Teil des Publikums mit verfrühtem Applaus in die Spannungspause vor der Schlusssteigerung hineinfällt. Vielleicht ist Montané in erster Linie ein Mann des Theaters? Er hat erst kürzlich in Mainz einen musikalisch und szenisch höchst spannenden, unvergesslichen „Nabucco“ dirigiert, mit großer Einfühlung in die Szene! Da könnte es ihm doch auch liegen, die innermusikalische Dramatik eines Sinfoniekonzertes herauszuarbeiten, bei dem er nicht nur Dirigent, sondern auch Regisseur des Geschehens ist. Wie hat Gustav Mahler gesagt? „Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.“ Unbeeindruckt ist das Publikum an diesem Abend dennoch nicht. Es gibt langen, anerkennenden Applaus.

Andreas Hauff

 

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