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MAINZ/Staatstheater: 3. SINFONIEKONZERT – über Beethoven hinweg

11.12.2021 | Konzert/Liederabende

Mainz: 3. Sinfoniekonzert über Beethoven hinweg… – 10.12.2021

 Wieder einmal ein vielversprechendes Programm des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz: Eines, das neugierig macht auf die Begegnung von Bekanntem und Unbekanntem, Klassischem und Modernem, Alter und Neuer Welt. Gastdirigentin ist Shiyeon Sung, gebürtige Südkoreanerin, lange in den USA und ihrem Heimatland aktiv; mittlerweile lebt sie wieder in Berlin, wo sie schon in den 2000er Jahren studiert hat.

Am Anfang des Konzerts im Großen Haus des Staatstheaters steht ein frühes Werk von Samuel Barber (1910-1981), von dem außer seinem populären „Adagio for Strings“ leider hierzulande wenig gespielt wird. Seine kurze Konzertouvertüre „The School for Scandal“ op. 5, die er mit 21 Jahren schrieb, bezieht sich auf die gleichnamige Komödie des englische Dichters Richard Brinsley Sheridan aus dem Jahr 1777,  die als die erfolgreichste Sittenkomödie des 18. Jahrhunderts gilt. Es geht in diesem Theaterstück um eine Gruppe von Menschen, die erfolgreich Gerüchte und Lügen über andere verbreitet und damit Einfluss auf laufende Liebesgeschichten und -intrigen nimmt. Barber zielt in seiner Ouvertüre darauf ab, den Geist des Schauspiels zu erfassen. Er findet dafür eine klangliche Entsprechung in einer Sekund-Reibung, die im Anfangsakkord erklingt, sich durch das gesamte Stück zieht und selbst den Schluss noch prägt. So wie es in der Handlung auf den ersten Blick zwei Wahrheiten gibt, gibt es in der Musik anscheinend zwei Grundtöne. Den einzelnen lyrischen Phasen, sozusagen Momenten echter Liebe, steht ein einfallsreiches Sammelsurium munterer, wirkungsvoller und auch geschwätziger Melodien und Motive gegenüber, in denen sich das Verwirrende der Komödiensituationen spiegelt. Shiyeon Sung gelingt mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz eine brillante Interpretation, die eher auf Stringenz als auf Brüchigkeit der musikalischen Erzählung setzt.

„Absolute Jest“ heißt das Folgestück von John Adams (Jg. 1947) aus dem Jahr 2012, und es ist programmatisch ein Nachtrag zum weitgehend ausgefallenen Beethoven-Jubiläumsjahr 2020. Es ist konzipiert für die seltene Besetzung von Sinfonieorchester und Streichquartett. Als Solisten empfangen die Mainzer das britische Doric String Quartet mit Alex Redington und  Ying Xue (Violine 1 und 2), Hélène Clément (Viola) und John Myerscough (Violoncello). Adams hat verschiedene Zitate aus Scherzi Ludwig van Beethovens zur Grundlage einer eigenen, 25-minütigen Komposition im gemäßigt minimalistischen Stil genommen, allen voran das Scherzo der 9. Sinfonie mit seinem punktierten Oktavsprung, das von Anfang an als strukturbildend wahrnehmbar ist. Weitere Zitate aus Sinfonien und Streichquartette huschen zumeist in schnellem Tempo vorbei. Mir wird bei der Interpretation nicht so recht klar, wie das Stück aufzufassen ist. „Absolute jest“ kann man übersetzen mit „vollkommener Spaß“, aber ein Zitat des Komponisten legt nahe, dass damit eher eine ungehemmte geistreiche Erkundung der kompositorischen Möglichkeiten gemeint ist. Im einen Fall ginge es mehr um Humor, im anderen um Esprit. So wie die Gastdirigentin das Stück anlegt, scheint es ihr aber weder um das eine noch um das andere zu gehen. Sie setzt vor allem auf Klangentfaltung und orchestralen Drive  – was mich an Adams bekannte Komposition „Short Ride in a Fast Machine“ erinnert; nur das in diesem Fall Beethoven ein wenig unter die Räder gekommen zu sein scheint. Das Streichquartett gliedert sich bereitwillig in den raschen sinfonischen Fluss ein; auch hier könnte man sich ein stärkeres Herausarbeiten konzertierender Momente denken.

So wie Adams „Absolute Jest“ als „Musik über Musik“ verstanden werden kann, lässt sich auch Beethovens 8. Sinfonie verstehen – als eine geistreich-ironische Auseinandersetzung mit den kompositorischen Modellen seiner Vorgänger Haydn und Mozart. Leider bleibt die Interpretation völlig an der Oberfläche des Notentextes. Während Beethoven mit Lautstärke-Kontrasten arbeitet, scheint die Dirigentin auf bloße Lautstärke zu setzen. Während Beethoven mit rhythmisch-metrischen Verschiebungen überrascht, forciert sie roboterhafte Gleichförmigkeit der Artikulation.  Wo Beethoven Spannungspausen setzt, fährt sie darüber hinweg. Und wo er – wie im Trio des Scherzos – mit dem Grotesken spielt, führt sie die ohnehin gut hörbaren Bläserkantilenen, während sie das in wilden Triolen durch den Tonraum turnende Solocello unbeachtet lässt. Indem sie auf akkurates Spiel und möglichst kultivierten Klang setzen, holen die Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Staatsorchester noch das Beste aus der Situation heraus. Doch die jahrhundertelange Erfahrung, dass Musik zu Menschen und von Menschen „sprechen“ kann – sie erscheint hier wie achtlos beiseite gewischt.

Andreas Hauff

 

 

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