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MAINZ/ Staatstheater: 3. SINFONIEKONZERT (L. Boulanger, Ravel, Zemlinsky)

17.11.2019 | Konzert/Liederabende

Mainz: 3. Sinfoniekonzert (L. Boulanger, Ravel, Zemlinsky)  15.11.2020

Peter Hirsch (geb. 1956) , Experte für Musik des 20. Jahrhunderts, ist beim Philharmonischen Staatsorchester Mainz ein gerne gesehener Gastdirigent und der rechte Mann für das 3. Sinfoniekonzert dieser Saison. Im Großen Haus des Staatstheaters stehen drei sehr unterschiedliche Werke auf dem Programm, deren Entstehungszeit nahe beieinander liegt. Das älteste und bekannteste Stück ist Maurice Ravels Ballettmusik „Ma Mère l‘Oye“ nach einer  Märchensammlung von Charles Perrault; diese erweiterte Fassung stammt von 1911 und geht auf eine  Suite für vierhändiges Klavier aus dem Jahr 1908 zurück. Ravel gilt als Impressionist, aber er hat, um seinen Kollegen Igor Strawinsky zu zitieren, mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers komponiert. So darf die ursprünglich für Kinder komponierte Musik weder zu raffiniert noch zu schlicht klingen – eine Balance, die Orchester und Gastdirigent überzeugend meistern.

Eine ganz andere Facette des Impressionismus offenbart zu Beginn das kurze Orchesterstück “D‘un soir triste“ („An einem traurigen Abend“), das die junge französische Komponistin Lili Boulanger (1893-1918) wenige Wochen vor ihrem frühen Tod schrieb. Nach je einer Fassung für Violoncello und Klavier und für Klaviertrio machte sich die Schwerkranke noch an eine Version für Orchester, bei der ihr die ältere Schwester Nadia Boulanger (1887-1979) assistierte. Atmosphärisch klingt die Musik abgründiger und erwachsener als Ravels Ballett. Getragene Mixturklänge, gestopftes Blech, bedrohlich wirkende Harfenakzente, ein schneller, nüchterner Ausklang  – es fällt schwer, hier keine düsteren persönlichen Vorahnungen herauszuhören. Um so interessanter ist in diesem Zusammenhang ein Hinweis im Einführungsvortrag von Musikdramaturgin Elena Garcia Fernandez: Lili Boulanger hat nämlich 1918 zu dieser Musik auch ein Gegenstück geschrieben, „D‘un matin de printemps“ („An einem Frühlingsmorgen“), das mit ähnlichem musikalischen Material arbeitet, aber eine ganz andere Stimmung entfaltet. Es steht leider nicht auf dem Programm.

Stattdessen erwartet uns nach der Pause mit Alexander Zemlinskys (1871-1942) Lyrischer Sinfonie op. 18 für Sopran, Bariton und Orchester nach Gedichten des indischen Dichters Rabindranath Tagore ein Monumentalwerk, das zwar nicht in der Länge, aber in der Besetzung und im geistigen Gehalt stark an Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ erinnert und letzteres in der kompositorischen Dichte sogar noch übertrifft. Zemlinsky benutzt zwar auch impressionistische Klangwirkungen, verknüpft sie aber mit expressionistischem Ausdruckswillen und jugendstilhaften Aufwallungen. Vor allem Alban Berg hat das Stück sehr bewundert und an entscheidender Stelle in seiner „Lyrischen Suite“ zitiert. Peter Hirsch hat für das Mainzer Programmheft einen eigenen Text verfasst und ihn mit „Sehnsucht, Begegnung und Abschied“ überschrieben. Darin vergleicht er die „Lyrische Sinfonie“ mit einem „Briefroman in Träumen oder Erinnerungen“ und findet  die treffende Formulierung: „Der Lebenstraum von Zemlinskys Liebenden findet in einem irisierenden Unwirklichkeits-Raum statt.“ Dem Dirigenten, der Gast-Sopranistin Marlene Mild und dem Bariton Brett Carter aus dem Mainzer Ensemble gelingt eine beeindruckende und auch im  Detail immer wieder fesselnde Interpretation des siebensätzigen Stückes. Wohltuend wirkt, wie das musikalische Sich-Verströmen durch zwei scherzo-artige Sätze (Nr. 2 und Nr. 6) aufgelockert wird.

Doch insgesamt ist erstaunlich, wie fern dem nüchternen Empfinden unserer Gegenwart der symbolhafte Überschwang von Text und Musik inzwischen geworden ist. Beim Schlussapplaus sind die Anzeichen von Erschöpfung im Publikum nicht zu verkennen. Ich selbst habe das Werk schon einmal vor etwa 35 Jahren im Konzert erlebt und fand es damals leichter zugänglich. Was mir aber diesmal besonders auffällt, ist der eigenartig klingende Schlussakkord. Ich habe nachgesehen: Zemlinsky schließt mit einem D-dur-Akkord, fügt diesem aber nicht nur die deutliche vernehmbare  Sexte „h“ hinzu – ähnlich wie Mahler im „Lied von der Erde“ – , sondern auch noch die große Sekunde „e“, den Tritonus „fis“ und die große Septime „cis“ – allesamt dissonante Reibungen, die leise mitklingen und dem Schluss des Textes einen schmerzlichen Unterton geben: „Ich halte meine Lampe in die Höhe, um dir auf deinen Weg zu leuchten.“ Derlei Feinheiten gäbe es sicher noch mehr zu entdecken; nur müsste man sich Zeit nehmen, einiges erläutern und manches wiederholen. Leider bietet das Abonnementskonzert dafür nicht den  rechten Rahmen..

Andreas Hauff

 

 

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