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MAINZ/ Staatstheater: 2. SINFONIEKONZERT / Philharmonisches Orchester. Michail Jurowski dirigiert russische Musik des 20. Jahrhunderts

24.10.2021 | Konzert/Liederabende

Mainz: 2. Sinfoniekonzert Unter dem Zeichen der Gewalt. Michail Jurowski dirigiert russische Musik des 20. Jahrhunderts – 23.10.2021

Das 2. Sinfoniekonzert des Philharmonisches Staatsorchesters Mainz ist das erste, das wieder annä­hernd unter Normalbedingungen stattfindet. Saßen die Hörer beim 1. Sinfoniekonzert im Ausweichquartier „Halle 45“ noch auf Abstand, so finden sie sich in Folge des „2G+“-Konzepts (mit Geimpften, Genesenen und einer begrenzten Anzahl von Getesten) im Großen Haus des Staatstheaters nun wieder dicht an dicht. Auch wenn nicht alle Plätze belegt sind, ist der Abend gut besucht – und das, obwohl sich das Programm, grob umrissen, auf selten gespielte russische Musik des 20. Jahrhunderts beschränkt. Sofia Gubaidulina (Jg. 1931), deren „Märchenpoem“ aus dem Jahr 1971 den Anfang macht, stammt zwar aus der Tatarischen Autonomen Republik, kam aber 1954 nach Moskau und musste sich dort mit der dominierenden sowjetrussischen Musikkultur auseinandersetzen. Ähnlich verhält es sich mit Aram Chatschaturjan (1903-1978), dessen Violin­konzert von 1940 als zweites Stück erklingt. Der gebürtige Armenier lebte seit 1922 in Moskau. Er brachte die folkloristische Tradition seiner Heimat ein. Obwohl er bald als einer der führenden Repräsentanten des Musiklebens galt, hatte auch er  unter den Repressalien des Diktators Stalin zu leiden. Letzteres gilt noch mehr für den ge­bürtigen Russen Dmitri Schostakowitsch (1906-1975), der jahrelang in Furcht vor Verhaftung, Schauprozess und Todesurteil lebte und nach Stalins Tod 1953 seine 10. Sinfonie in e-moll kompo­nierte. Michail Jurowski (Jg. 1945), der Gastdirigent des Abends, bürgt an diesem Abend für bio­graphische Authenzität. Der gebürtige Moskauer zog erst 1990 nach Deutschland; Schostakowitsch war in Moskau ein enger Freund der Familie. Mit 75 Jahren leidet Jurowski nun an einer starken Geh- und Stehbe­hinderung. Man muss ihm aufs Pult helfen, und er sitzt beim Dirigieren auf einem Drehstuhl. Seine Gesten sind kaum zu sehen, außer wenn er sich gelegentlich ein wenig zur Seite dreht. Der musika­lischen Intensität des Abends tut das indessen keinen Abbruch; die Probenarbeit muss überzeugend, effizient und durchdacht gewesen sein.

Gubaidulinas „Märchenpoem“ nach einer tschechischen Märchenerzählung „Die  kleine  Kreide“  entstand ursprünglich zu einer Rundfunksendung für Kinder. Kurz gefasst, geht es dabei um eine Schulkreide, die prosaische Unterrichtsinhalte an die Tafel zeichnen muss und, während sie täglich schrumpft, von poetischen Dingen träumt, bis sie für den Schulgebrauch zu klein geworden ist. „Danach“, so beschreibt es die Komponistin, „befindet sich die Kreide in völliger Dunkelheit und denkt, sie sei gestorben. Diese vermeintliche Todesdunkelheit entpuppt sich jedoch als Hosentasche eines kleinen Jungen.“ Dieser zieht sie dann eines Tages aus der Tasche und zeichnet tatsächlich Schlösser, Gärten mit Pavillons und das weite Meer. „Die Kreide ist so glücklich, dass sie nicht ein­mal merkt, wie sie sich in der Zeichnung dieser schönen Welt auflöst.“ Wenn man bedenkt, dass Gubaidulinas Werke in den 1960er und 1970er Jahren verboten waren, ist das eine doppelbödige Geschichte. Hinter der traurig-schönen Kindererzählung verbirgt sich eine Parabel über das Schick­sal des Künstlers und die Bedeutung der Kunst in schwierigen Zeiten. Musikalisch findet man in der Vertonung vieles, was die russische Musiktradition auszeichnet: Leidenschaft, Pathos und Eleganz wie bei Tschaikowski, Schroffheit wie bei Mussorgsky und Strawinsky, subtile Ironie wie bei Rim­ski-Korsakoff – aber all das ist verknappt in kurze Phrasen, Gesten und Einwürfe, die farbig und ausdrucksvoll, solistisch oder in Kombination, durchs Orchester wandern. „Man bedenke, welche Enthaltsamkeit dazu gehört, sich so kurz zu fassen. Jeder Blick lässt sich zu einem Gedicht, jeder Seufzer zu einem Roman ausdehnen.“ Das schreib einst Arnold Schönberg zu den Bagatellen für Streichquartett op. 9 von Anton Webern: Es würde auch hier passen, und tatsächlich bekennt sich die Komponistin selbst zum starken Einfluss Weberns auf ihr Schaffen. Nur wirkt ihre Musik trotz ihrer Knappheit nicht so abstrakt, sondern lädt den Hörer zu Assoziationen und Bildern ein.

Ähnliche Grundbausteine wie im „Märchenpoem“ findet man auch in Chatschaturjans Violinkon­zert. Dazu kommen aber die sinfonische Verdichtung, die geigerische Virtuosität, eine deutlich folkloristische und oft dissonanzenreiche Prägung und schließlich die Orientierung an der klassischen Großform nach Beethovenschem Modell. Letzteres scheint mir allerdings eher „pro forma“ realisiert zu sein, um den ideologischen Normen des Sozialistischen Realismus genüge zu tun. Stärker als die moti­visch-thematische Entwicklung ist auf alle Fälle die gewaltige spielerisch-improvisatorische Ener­gie des Solisten, die das Stück von Anfang bis Ende prägt. „Die Geige – ein Sturm – passend zum Wetter“, formuliert meine mir unbekannte Sitznachbarin im Nachhinein – und spielt dabei auf die Orkanböen an, die die Region an den Vortagen heimgesucht haben. Der Solist ist Mihail Katev, 1. Konzertmeister des Philharmonischen Staatsorchesters. Er spielt ohne jedes Anzeichen von Ermat­tung, mit nie nachlassendem Gestaltungswillen, intensivem Gespür auch für die lyrischen Phasen und in bester Abstimmung mit „seinem“ Orchester. Im Anschluss wird er vom Publikum regelgerecht bejubelt. Er revanchiert sich mit einer leichtgewichtig-augenzwinkernden Tango-Zugabe, pointiert vorgetragen im Duett mit dem Solokontrabassisten Tamás Frank-Dessauer. Die gestisch und mimisch angerei­cherte Miniatur löst geschickt eine Spannung, die dem aufmerksamen Hörer noch in den Knochen stecken dürfte. Der dritte Satz des Konzerts ist zwar im Prinzip ein froher  Kehraus, doch sein Beginn erin­nert geradezu an Alarmsignale und Gewehrsalven, und immer wieder schleicht sich ein bedrohli­cher Unterton ein. Chatschaturjans Ausssage, er habe diese Musik „auf einer Woge des Glücks und der Freude komponiert“, während er auf die Geburt seines Sohnes wartete, dürfte eine der typischen Halbwahrheiten im offizi­ellen Sprachgebrauch sein, hinter denen sowjetische Künstler die dunkle Seite ihrer Werke versteckten.

Dass das 20. Jahrhundert, zumal in Russland, eine gefährliche Zeit war, ist in Schostakowitschs 10. Sinfonie erst recht nicht zu überhören. Das Scherzo in seiner Brutalität und Sprunghaftigkeit gilt als verschlüsselte Karikatur des im Februar 1953 verstorbenen Diktators Stalin. Doch stärker als die unberechenbare Staatsmacht erweist sich in der Musik der Selbstbehauptungswille des Komponis­ten, den Schostakowitsch in seinem Namenskürzel „d-es-c-h“ verschlüsselt hat. Michail Jurowski arbeitet das Motiv mit dem Orchester immer wieder deutlich heraus, bis ganz ans Ende des kurzen Finaljubels. Das wirkt, als habe Schostakowitsch Bekenntnis und Zeugnis über das Vergangene ablegen wollen: „Gerade ich muss länger leben als die Gewalt.“ (So formuliert es der Herr Keuner in Bertolt Brechts Parabel „Maßnahmen gegen die Gewalt.“) Doch lange ist die Musik über weite Strecken geprägt von mühsamem Warten, vorsichtigem Tasten und sehnsuchtsvollem Suchen. Das Orchester, in das sich Mihail Katev als Konzertmeister wieder eingereiht hat, hält allen resignierten Abbrüchen und scheinbarem Leerlauf zum Trotz die Spannung und knüpft damit fast nahtlos an seine beeindruckende Interpretation von Anton Bruckners 9. Sinfonie im vori­gen Abonnementskonzert an. Am Ende eines hoch konzentrierten Abends von zweieinhalb Stunden Dauer (Wann gab es das zuletzt?) wirkt das Publikum überwältigt und ermattet zugleich. Den Gastdirigenten Michail Jurowski, der mühsam von seinem Pult geklettert ist, verabschiedet es aber dann doch mit langem, rhythmi­schem Applaus.

Andreas Hauff

 

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