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MAINZ/ „Halle 45“: 1. SINFONIEKONZERT (Beethoven, Berg, Schumann) – Staatsorchester

16.09.2020 | Konzert/Liederabende

Mainz (Halle 45): 1. Sinfoniekonzert 15.9.2020

„Neue Normalität“ heißt ein in den letzten Monaten viel benutztes politisches Schlagwort, das an die Sehnsucht der Menschen appelliert, ein normales Leben zu führen, und zugleich die fortwährenden Einschränkungen durch die Corona-Pandemie freundlich zu bemänteln versucht. Diese treffen aber besonders den Konzert- und Theaterbetrieb. Selbst wenn er mit der neuen Saison wieder anläuft, stellt sich die Frage: Kann man sich an die neue Lage gewöhnen? Und soll man das überhaupt?

Das Philharmonische Staatsorchester Mainz hat das 1. Sinfoniekonzert der Saison in die Halle 45 im Stadtteil Mombach verlegt. Die ehemalige Fertigungshalle einer Waggonfabrik diente schon vor 20 Jahren unter dem Namen „Phönixhalle“ dem Staatstheater als Ausweichquartier. Dank ihrer Größe und ihres flexiblen Raumkonzepts kann sie etwa 350 Konzertbesucher aufnehmen, ohne die Hygiene-Bestimmungen des Bundeslandes Rheinland-Pfalz zu verletzen, und sie verfügt über eine kräftige Lüftungsanlage. Erfreut stellt der Konzertbesucher fest: Garderobe und Pausenverpflegung können wieder angeboten werden, es herrscht kein Gedränge und braucht kein strenges Wege-Reglemen,; und die Mund-Nasenmaske darf am Platz abgenommen werden. Im hergerichteten Konzertsaal stehen in 23 Sitzreihen jeweils 9 Paar Stühle zu ebener Erde exakt hintereinander; je weiter hinten, desto schlechter also die Sicht. Das Orchester ist mit gut 50 Personen vertreten, die auf Abstand sitzend die gesamte Breite der Stirnseite einnehmen.

Zu Beginn des Abends erklingt Ludwig van Beethovens „Leonoren-Ouvertüre“ Nr. 3 – natürlich eine Reverenz an das von der monatelangen Schließung schwer getroffene Beethoven-Jahr, aber vielleicht auch symbolischer Ausdruck der Befreiung der Künste aus der monatelangen Gefangenschaft am heimischen Bildschirm. Endlich wieder miteinander und vor Publikum musizieren dürfen! So wie das Orchester unter GMD Hermann Bäumer die Musik präsentiert, vergessen wir ganz, dass wir das Stück schon zigmal gehört haben, und fiebern wieder bei dem sich abspielenden Drama mit – selbst dann noch, als endlich das rettende Trompetensignal aus dem seitlichen Foyer erklungen ist. Ein verheißungsvoller Auftakt!

Es folgen Alban Bergs „Sieben frühe Lieder“. Sie erklingen nicht in der großen Orchesterbesetzung, die Berg 1927 der einstigen Klavierfassung angedeihen ließ, sondern in einer Version für hohe Stimme und Kammerorchester, die der deutsche Komponist und Dirigent Paul Leonard Schäffer (Jg. 1967) schon im Jahr 2014 angefertigt hat. Derzeit schlägt ja allenthalben die große Stunde derartiger Arrangements, da das große spätromantische Orchester dank der Abstandsregeln nicht mehr auf die Bühnen zu bringen ist. Selbst wenn eine Bühne groß genug wäre, säßen doch die Musiker so weit auseinander, dass von der beabsichtigten Ensemblewirkung nicht viel übrigbliebe. Die Vorstellung, dass es womöglich sehr lange dauern wird, bis wir wieder die musikalische Opulenz der Jahrhundertwende spüren dürfen, finde ich schon beunruhigend. (Im Oktober wird in Trier sogar Mahlers 6. Sinfonie in einer Kammerfassung gespielt. Wird da der große Hammer des Schicksals durchs kleine Hämmerchen des Heimwerkers ersetzt?)

Von Schäfers Fassung der Berg-Lieder bin ich dann doch angenehm überrascht. Der überbordende, schwärmerische, sich am Text entzündende Geist der Musik ist nicht verlorenen gegangen. Leider aber der Text. Linda Sommerhage, Mezzosopranistin am Mainzer Staatstheater, bewältigt die schwierige Gesangspartie zwischen ekstatischem Überschwang und empfindsamer Zartheit durchaus überzeugend und bemüht sich spürbar um deutliche Artikulation. Leider ist aber ein dichterischer Text, dessen Fortgang man nicht erahnen kann und dessen Gesangslinie zwischen musikalischen Extremen schwankt, hörend kaum zu erfassen. Da wäre es nun das Mindeste gewesen, den Text der sieben Lieder im Programmheft abzudrucken. Kann es wirklich Sinn einer solchen Aufführung sein, dass sich bloß die Ausführenden am Ende auf die Schultern klopfen und das Publikum eine rein artistische Leistung bewundert? Ist Textausdeutung durch Musik nicht ein zentrales Erbe des 19. Jahrhunderts und ein zentrales Anliegen Alban Bergs? Und sollte ein Programmheft bei seltenen Werken nicht eigentlich die Einladung und Anleitung zum Zuhören bieten – statt bloßer Hintergrundinformation? – Die beteiligten Orchestermusiker übrigens sind nach der „Leonoren“-Ouvertüre auf ihrem Platz geblieben und gemäß Corona-Regeln nicht zusammengerückt, so dass einige Lücken entstehen. Das kammermusikalische Zusammenspiel gelingt trotzdem erstaunlich gut, auch wenn man manchmal leichte Synchronisationsschwierigkeiten bei parallel eingesetzten Instrumenten spürt.

Robert Schumann schreibt in seinen Sinfonien einen deutlich komplexeren Tonsatz als Beethoven; an Bach geschult, lässt er unter der Hauptstimme immer wieder wichtige Nebenstimmen aufscheinen und herausbrechen, die sorgfältig herausgearbeitet werden wollen. Leider bleibt die Interpretation der „Rheinischen Sinfonie“ durch das Philharmonische Staatsorchester durchweg an der Oberfläche. Schon dem bekannten Hauptthema des Eingangssatzes fehlt es an Profilierung des Ausdrucks: Überzeugend gestaltet GMD Bäumer den breiten Aufschwung zum Höhepunkt der Melodielinie, doch der zart tänzelnde Abschwung danach bleibt erstaunlich blass im Ausdruck. Vergleichbare Schwächen ziehen sich durch alle 5 Sätze, und auch forcierte Akzente des Dirigenten können den Mangel an innerer Spannung nicht wettmachen. Der Kritiker registriert das mit einiger Bestürzung, denn er kennt das Orchester und seinen Leiter ganz anders. Ist es die Akustik im Saal und die Sitzordnung, die die Streicher gegenüber den Bläsern und die hohen Stimmen gegenüber den tiefen ibevorzugen? Sind es die Abstände, die das Aufeinander-Hören erschweren? Ist es mangelnde Probenzeit? Oder sitzen die Corona-Pause und die Corona-Furcht den Musikerinnen und Musikern doch stärker im Nacken als vermutet? Bis zu „neuer Normalität“ scheint es ein weiterer Weg zu sein als gedacht und behauptet …

Andreas Hauff

 

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