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MAINZ: EUGEN ONEGIN – „Lebensreise in Raum und Zeit“. Premiere

24.03.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Eugen Onegin in Mainz als Lebensreise in Raum und Zeit (Premiere am  23 3.2013)


Heikki Kilpeläinen, Thorsten Büttner, Tatjana Charalgina, Sanja Anastasia v.l.n.r. c: Staatstheater Mainz

 In der ‚Eugen Onegin‘-Premiere am Staatstheater Mainz kommt man auch musikalisch Tschaikowskys „Lyrischen Szenen“ näher, indem der Dirigent Florian Csizmadia das zuweilen etwas Knallige, das der Komponist in der 2.Fassung hinzugefügt hatte, um sie mehr in die Richtung einer Großen Oper zu lenken, aber noch nicht wissend, dass sie sein größter Opernerfolg werden würde, wieder konsequent herausnahm. Es handelt sich dabei um einige Tänze, die dem 3.Akt voran standen, vor allem die bekannte Polonaise wurde stark reduziert und ist in das Vorspiel des Aktes integriert. In der Substanz ist die Erstfassung aber gleich, die gewohnten Hörerlebnisse werden gar nicht tangiert – und Csizmadia gelingt es mit dem Philharmonischen Staatsorchester, einen z.T. aufregenden, immer schön gewebten Soundteppich auszubreiten. Die versponnenen Lyrismen im ersten Teil scheinen sich in den weiten russischen Ebenen bei den suggerierten Eisenbahnfahrten oft fast zu verflüchtigen, während die dramatischen Szenen wie die harte Zuspitzung auf dem ländlichen Tatjana-Fest und danach das Duell zwischen den Freunden hart und präzis herausgemeißelt werden, wobei die Blechbläser mehr und mehr – akustisch im Raumklang gut ausgelotet – die Führung übernehmen.

Auf der Szene sind die ProtagonistInnen durch bunte moderne Kleidung herausgehoben, während der gut präparierte Chor in ganz weißer Bekleidung auftritt, wie aus einer Geisterwelt hereinbricht und wieder verschwindet (Kostüme: Noelle Blancpain). Es ist eine komplexe, vielleicht eine Scheinwelt, die sich in der Inszenierung von Johannes Erath auftut. In einer später wieder aufgenommenen Szene wird eine Zeitreise suggeriert, in der Larinas Familie in Bankabteilen eines Zuges fährt, ab und zu fliegt auch eine projizierte schwarz-weiß Landschaft vorbei. Tatjana liest natürlich, später lösen sich die Abteile auf und die Sitzbänke fahren einzeln wie Boxautos durcheinander. An der Rück(-Lein)wand mit schwarz-weißen Quadraten ist in der Mitte ein Fotoautomat (wo sich die beiden Paare auch mal verewigen) samt Kabine, der auch als Auftritt für den Chor fungiert. In der Briefszene ohne Sitzbänke sitzt Tatjana allein schreibend in dieser Kabine, später erklimmt sie diese und vollendet stehend darauf mit ausgebreiteten Armen ihren Liebesgesang. Auf dem Fest mit heftigem Flirt bei allen Tänzen zwischen Olga und Onegin wirkt Tatjana dagegen verloren und abseits des Geschehens bei den jetzt an der Rampe unterhalb des Tanzbodens aufgereihten Bahnsitzen. Auf dieser Bankreihe findet die finale Zuspitzung zwischen Onegin und Lenskij statt, während ihr Duell auf einer Brücke aus Stahlelementen quer über der Bühne ausgeführt wird. Im 3.Akt tritt Lenski dann auch folgerichtig durch die Reihen der Ballgäste mit der roten Schußwunde auf der Stirn. Die am Ende wieder etwas konventionell ausklingende Regiearbeit erhält große Wirkung durch die eindrückliche Bühnengestaltung der Katrin Connan.

 Einen starken Triquet stellt, auch weiß gewandet, Jürgen Rust, der mit seinem Lied die Wende auf dem Fest einleitet. Den Gremin singt und charakterisiert mit Gänsehaut-Bariton und warmem gleichzeitig markantem Timbre José Gallisa. Den Lenskij gibt mit gut eingesetztem und teils deklamiertem Russisch der verhaltene lyrische Tenor Thorsten Büttner. Eine schöne, gar nicht ‚alt‘ wirkende Stimme läßt die Filipjewna der Katherine Marriott einfließen. Die Mutter Larina ist mit Patricia Roach ein szenischer Zugewinn. Tochter Olga wird von Sanja Anastasia mit dunklem Alt, die Tatjana von Tatjana Charalgina mit hellem und klangreichen,  aber in der Höhe leicht flackerdem Sopran gegeben. Als Titelfigur schlägt sich Heikki Kilpeläinen beachtlich. Von großer Statur, kann er sicher als Charmeur bei den Frauen ankommen, und in buntem feinen Tuch, bei der Gremin-Szene sogar in einer Art kunstvoll designtem Kimono, ist er auch stimmlich mit zupackendem Timbre auf baritonalen Höhenflügen.

Friedeon Rosén

 

 

 

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