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MAINZ: DER BARBIER VON SEVILLA

30.10.2014 | Oper

Mainz: „DER BARBIER VON SEVILLA“28.10.2014

 Zuschauerraum und Bühne sind getrennt durch einen gestickten Vorhang, oder ist es ein Fischernetz? Die sehr große Öffnung erlaubt den Blick in eine Grotte. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, wie in anderen Rezensionen zu lesen ist, dass wir es entweder mit einer Unterwasserwelt oder sogar mit einem riesigen Aquarium zu tun haben. Von Wasser habe ich nichts gesehen, wohl aber von Fabelwesen, die durch ihre Kostüme darauf hinweisen. So wird Bartolo als vielarmiger Tintenfisch präsentiert Der Männerchor ist mit Krebszangen bestückt an Stelle der Hände usw. Bis auf eine Ausnahme (Basilio) wird den Akteuren eine schnelle Bewegung abverlangt, die durch die Gestik häufig paraphrasiert wird. Erinnerungen an die Commedia dell’arte, an Fantasy-Filme und Märchen werden wach. Auch für Kinder ist die Aufführung geeignet. Die Regie liegt in den Händen von Ronny Jakubaschk. Matthias Koch besorgt die Ausstattung. Für angenehme Farben sorgen auch die Herren vom Licht: Alexander Dölling und Alexander Fleischer. Die vorliegende Produktion ist übrigens vom neuen Mainzer Intendant Markus Müller aus Oldenburg mitgebracht worden. Kommen wir nun zu den Protagonisten. Die in Frankreich geborene Geneviève King, die immerhin schon die „Grimgerde“ 2013 in Bayreuth gesungen hat, überzeugt als Rosina mit ihrem Mezzosopran, der eine satte Altlage aufzuweisen hat. Die Tessitur der Sängerin geht bis in die höchsten Lagen. Lediglich zwei Spitzentöne wurden mit viel Kraft gestemmt. Einmal ging es sogar mit ungewolltem Portamento abwärts. Das ändert aber nichts an dem hervorragenden Gesang der Künstlerin, die meiner Meinung nach einen Schmetterling dargestellt hat. Oder war es doch ein Zierfisch? Ihre wohldurchdachte Gestik mit den Händen unterstützt diese Eindrücke. Man hat ihr ein wunderbares, elegantes Kleid ausgesucht, das auch ihre vorzeigbaren Beine stilvoll präsentiert. Kratzbürstig kann sie aber auch sein, besonders bei Bartolo. Die Bühnenausstrahlung dieser Sängerin ist enorm. Ein Gewinn für Mainz! Der koreanische Tenor Youn-Seong Shim/Graf Almaviva hat eine sehr angenehme, unverbrauchte Stimme aufzuweisen und bewegt sich auch im Sauseschritt über die Bühne. Eine sehr sympathische Erscheinung. Das trifft nicht auf Bartolo zu, der verkörpert wird von Peter Felix Bauer. Dieser uralte Widerling mit weißem Gesicht hört, was er hören will auch im Schlaf, und saugt sehr oft an seinen vielen Armen. Auch andere Anwesende dürfen da mal ran. Pfui! Seine Bass-Stimme wurde bis an die Grenzen durch hohe Tempi gefordert. Dazu noch mehr, etwas später in diesem Bericht. Zum Brüllen komisch: seine Rockversion eines alten Liedes. Herr Bauer hat auch schon den „Gunther“ in der Frankfurter „Götterdämmerung“ gesungen. Der Musikmeister Basilio/Georg Lickleder bewegt sich nach Vorgabe der Regie sehr langsam, wie eine Schildkröte, deren Panzer man auf seinem Rücken erkennen kann. All dies passt eigentlich nicht zum vorgesehenen Charakter dieser Rolle. Mit Rasta-Frisur, farbiger Rock-Kleidung und Gitarre erscheint als Figaro äußerst beweglich, sympathisch und mit immenser Ausstrahlung der australische Bariton Brett Carter. Er hat alle Akteure im Griff und jongliert mit den vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten seiner Stimme. Ein großer Erfolg für „Everybody‘s Darling“. Liebenswürdig, schelmisch, spielfreudig zelebriert mit großem Erfolg die Griechin Alexandra Samouiliduo vom „Jungen Ensemble“ in der eigentlich kleinen Alt-Rolle der Berta. Weiterhin gefallen Stefan Keylwerth/Fiorello, Till Toth/Ambrogio und Milen Stradalski/Un Ufficiale. Der Herrenchor des Staatstheaters Mainz unter der Leitung von Sebastian Hernandez-Laverny ist bestens vorbereitet, kann aber seiner Spielfreude nicht nachkommen. Schuld daran ist aus meiner Sicht die Kostümausstattung: z. B. Imkermasken, Sackleinen, umgehängte Netze, lange Stöcke in den Händen, Grubenlampen. Schade! Größere Probleme gibt es im Kontakt zwischen Bühne und dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz unter der Leitung des Kapellmeisters Paul-Johannes Kirschner. Es „klappert“ an allen Ecken und Enden nach dem Motto: Wer ist zuerst am Ziel? Oder: Welches Tempo gilt? Bei den Parlando-Stellen und den Rossini-Walzen fehlt die italienische, federnde Leichtigkeit, welche die Musik von Gioachino Rossini doch ausmacht. Was war da los? Gab es zu wenig Proben? Fragen über Fragen.

Langer Beifall für die Sängerschar, das Orchester und auch den Dirigenten. Na ja!

Volker Funk

 

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