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MAINZ: BERGTOUR MIT JUNGEN LEUTEN /Philharmonisches Orchester Mainz

23.04.2017 | Konzert/Liederabende

Mainz: Bergtour mit jungen Leuten – 22.4.2017

Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, nannte man das früher. Man kann aber auch vornehm von einer „Win-win-Situation“ sprechen. Hermann Bäumer, der Mainzer GMD, ist nicht nur Chef des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz, sondern auch ständiger Gastdirigent des Landesjugendorchesters Rheinland-Pfalz, das begabte junge Instrumentalisten im Alter von 12 bis ca. 20 Jahren ans Orchesterspiel heranführt und sich in den diesjährigen Osterferien wieder zu einer Arbeitsphase getroffen hat. Für das 7. Sinfoniekonzert der Saison im Großen Haus des Staatstheaters vereinte er beide Ensembles – und hatte dabei gleich die 130-köpfige Besetzung für Richard Strauss‘ „Alpensinfonie“ beisammen. Die Profis und der Nachwuchs teilten sich hier jeweils ein Pult. „Der eine profitiert von der Erfahrung, der andere von der Unbekümmertheit,“ beschrieb der GMD den Gewinn der gemeinsamen Arbeit in seiner Einführung. Das Konzert selbst war bis auf den letzten Platz ausverkauft; neben vielen älteren Hörern war auch die junge Generation gut vertreten, und über dem Beginn lag eine ungewöhnlich intensive Stimmung von gespannter Erwartung.

Diese löste sich mit der Ouvertüre zu Gioachino Rossinis Oper „Wilhelm Tell“, zu der noch eine kleinere Besetzung auf dem Podium saß; angefangen vom zarten Andante der 5 Solo-Celli zu Beginn, ließ Bäumer die Klänge sich sensibel entfalten – bis hin zum abschließenden Allegro Vivace, das er mit hohem Tempo eher als orchestrales Bravourstück denn als Schweizer Freiheitsgesang auffasste. Atmosphärisch war damit der Boden bereitet für das 2. Stück des Abends: Daniel Schnyders Konzert für Alphorn und Orchester aus dem Jahr 2004 stellt zwar ein alpines Instrument in dem Mittelpunkt, geht aber über das „Alpen-Klischee“ weit hinaus. Es wurde zwar schon das beinahe 4 m lange Instrument als Sensation empfunden, erstaunlicher aber war noch, was der Solist Arkady Shilkloper an Bewegung und klanglichen Nuancen aus einem Rohr herausholte, das nur über die Töne der Naturtonreihe verfügt. Eine interessante Detail-Beobachtung beim Spiel des russischen Horn- und Saxofonvirtuosen hatte schon der GMD verraten: Shilkloper bewegte in der hohen Lage intensiv die Finger – nicht weil es dort irgendwelche Töne zu greifen gäbe, sondern als Spielhilfe, um beim Anblasen die minimalen Unterschiede richtig zu erfassen. Das führt zum eigentlichen kompositorischen Clou: Der 1961 geborene Schweizer Komponist, ein Grenzgänger zwischen Jazz und Neuer Musik, setzt für den Solopart nicht auf die bequem liegenden Dreiklangstöne der mittleren Lage; diese werden nur als Anlauf oder zu vorübergehender Entspannung genutzt. Entscheidend ist die expressive hohe Lage, in der sich das Alphorn vom Klang her der Jazztrompete oder dem Saxofon annähert. Zusammen mit dem swingenden Orchesterpart ergibt sich eine Klangwelt, die wohl nicht von ungefähr an den sinfonischen Jazz eines George Gershwin erinnert. Das begeisterte Publikum erklatschte eine Zugabe: In seinem eigenen Stück „Alpine Trail“ („Alpenpfad“) erweiterte Shilklopper die technischen Möglichkeiten seines Instruments noch um Geräuscheffekte und Zirkularatmung zu höchster Virtuosität.

„Ich hab‘ einmal so komponieren wollen, wie die Kuh die Milch gibt.“ Mit diesem unglücklichen Satz hat Richard Strauss selbst dem Eindruck Vorschub geleistet, die „Alpensinfonie“ sei eine Verirrung ins Illustrative und Plakative. In Anselm Dalferths Mainzer Programmheft finden wir nun den oft unterschlagenen Hinweis, dass der Komponist das Werk in Anlehnung an Friedrich Nietzsche „Der Antichrist“ übertiteln wollte und dabei an die „Befreiung vom Christentum“, an „sittliche Reinigung aus eigener Kraft, Befreiung durch die Arbeit, Anbetung der ewigen herrlichen Natur“ dachte – eine Haltung, die zwischen verständlicher Abneigung gegen den dumpfen Klerikalismus des 19. Jhs. und einer unangenehmen, nicht untypischen Selbstüberschätzung liegt. Nun ist aber manchmal – nach meinem Dafürhalten besonders oft bei Strauss – das Werk klüger und sensibler als die Worte seines Schöpfers. Und tatsächlich habe ich beim Hören die ideologische Dimension fast völlig vergessen, obwohl ich mich bei den Orgelklängen der „Sonnenuntergang“-Szene schon fragte, ob der Wanderer nicht doch beim Abstieg für ein paar Minuten eine christliche Bergkirche betreten hat. Hermann Bäumer verzichtete jedenfalls auf jedes bombastische Auftrumpfen und zeichnete mit dem vereinten Orchester dicht und präzise den Aufstieg bergan, das Gipfelerlebnis, und den durch Sturm und Gewitter beschleunigten Abstieg nach – mit allen stillen und überwältigenden Erfahrungen. Plötzlich erschien mir die „Alpensinfonie“ faszinierender als viele andere sinfonische Dichtungen. Zum einen ist nämlich erstaunlich, wie Strauss es schafft, über einen sehr begrenzten Tonraum fast eine halbe Stunde lang die Suggestion des Aufstiegs aufrecht zu erhalten, zum anderen hochinteressant, wie er in seiner Musik illustrative Komponenten mit emotionalen Grundstimmungen mischt. Besonders spannend war hier die Szene „Stille vor dem Sturm“, in der sich über die Atmosphäre von Beklemmung ganz naturalistisch in unregelmäßigen Abständen immer wieder ein spitzer Klarinettenton als Vogelruf legt. Das ist nicht „Anbetung der Natur“, sondern Wahrnehung und Dialog mit ihr – oder, um mit Albert Schweitzer zu sprechen, „Ehrfurcht vor dem Leben“. Sogar für das ziemlich aufgeschlossene und begeisterungsfähige Mainzer Abonnentenpublikum war der Beifall an diesem Abend außerordentlich.

Andreas Hauff

 

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