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MAINZ: 7. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS: Impressionen, Erfahrungen, Erinnerungen (Britten, Menselssohn, Lash)

24.04.2016 | Konzert/Liederabende

Impressionen, Erfahrungen, Erinnerungen. Das 7. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz mit Britten, Mendelssohn und einer europäischen Erstaufführung von Hannah Lash (23.4.)

 Nicht jedes regionale oder lokale Ereignis lohnt einen Text für Leser weit außerhalb, doch bei diesem 7. Sinfoniekonzert des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz liegt der Fall anders. Bemerkenswert ist zunächst, dass sich ein neues, von GMD Hermann Bäumer begründetes Veranstaltungsformat hier wieder bewährt hat. Im alljährlichen Sonderkonzert „Auf Wiederhören“ nämlich werden drei aktuelle Orchesterwerke aus den letzten Jahren vorgestellt, angespielt, erläutert und mit den Hörern diskutiert. Am Ende entscheidet dann das Publikum des Sonderkonzertes in geheimer Abstimmung, welches der drei vorgestellten Werke im Abonnementskonzert wiederholt wird. Diese Veranstaltung kann bis zu drei Stunden dauern, aber sie stößt auf reges Interesse und hat sich auch heuer bewährt. Zum „Auf Wiederhören“ am 6.3. traten drei Stücke an: Julian Andersons „Eden“, Thomad Adès‘ „Dances from Powder her Faces“ und Hannah Lashs „This Ease“. Die Mehrheit der Hörer entschied für letzteres – und damit auch gleich für eine europäische Erstaufführung. Ins 7. Sinfoniekonzert im Großen Haus des Mainzer Staatstheaters passte das vor genau zwei Jahren – am 26.4. 2014 – in der Yale School of Music aufgeführte Orchesterwerk der jungen US-Amerikanerin (Jg. 1981) jedenfalls wie angegossen.

 Das Programm im Großen Haus des Staatstheaters begann mit den „Four Sea Interludes“, die Benjamin Britten aus seiner Oper „Peter Grimes“ entnommen und ein wenig den Bedürfnissen des Konzertsaals angepasst hat. Das Faszinierende dieser Musik, die die Beschreibung von Naturbildern mit dem psychischen Zustand der Titelfigur verbindet, arbeitete Bäumer mit dem Staatsorchester ausgezeichnet heraus. Einen derart bedrohlichen Sonnenaufgang wie im Eingangssatz mit spitzen Figuren in Flöte und Violine, bedrohlichen Wellen von Harfe, Bratsche und Klarinette und düster-grüblerischem Blech habe ich noch nicht gehört. Die ganze Satzfolge wirkte enorm suggestiv. Virtuos zeichneten die Holzbläser die Schreie der Möwen nach, sehr differenziert im Klang führte die Pauke den mörderischen Sturm im 4. Satz an. Und trotz der eigentümlichen Schwelleffekte bildete der 3. Satz („Mondlicht“) bei aller untergründigen Nervosität doch einen Ruhepunkt.

 Hanna Lashs „This Ease“ bildete dem ersten Anschein nach einen deutlichen Kontrast; doch war der Hörer durch die musikalische „Vorgeschichte“ schon darauf eingestellt, die titelgebende Leichtigkeit nicht all zu wörtlich zu nehmen. Eine muntere Folge von Tonsprüngen des Glockenspiels bewegt sich gegen eine süßliche Melodie in hoher Streicherlage. Nach einer Weile wird der Orchestersatz verdichtet und wandert vorübergehend in tiefere Lagen, doch ohne dass die penetrante Eingangsmelodik abgelöst wird. Erst allmählich zeichnet sich eine Art Krise ab. Einzelne tiefere Töne bleiben zunächst liegen, dann verschiebt sich das Bild. Das Glockenspiel setzt aus, die hohen Streicher werden ins Pizzicato zurückgenommen. Eine längere Oboenkantilene leitet verschiedene Instrumentalsoli von klagendem oder schmerzhaftem Gestus ein. Sie führen in eine vom Blech getragene Zuspitzung, die wiederum in eine fragende Generalpause mündet. – Die Antwort ähnelt dem Anfang, wirkt aber viel weniger klischeehaft. Das Glockenspiel scheint nach passenden Tönen zu suchen, während der Konzertmeister eine ausgeprägte Kantilene spielt, in die sich erst nach einer Weile die Streicher einblenden. Doch schneller als erwartet bricht dieser zweite Anlauf ab. Leise drohend brummen die Kontrabässe, dann setzen Harfe und Pauke leise einen Punkt – als ob jemand, der gerade zu sich selbst gefunden hat, einen vorzeitigen Tod erlebte. (Das Werk kann man in der Interpretation des Los Angeles Chamber Orchestra, das auch den Kompositionsauftrag vergeben hatte, auf Hanna Lashs Internet-Seite anhören.)

 Erschien dem Hörer „This Ease“ als inneres Ereignis und seelische Erfahrung, so spiegelt sich in Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 3 in a-moll die Begegnung des Komponisten mit Schottland. GMD Bäumer und Operndramaturg Lars Gebhardt zitierten in ihrer lebendigen Konzert-Einführung Mendelssohns Brief aus dem Jahr 1829 von der Begegnung mit Holyrood Castle, dem ehemaligen Wohnsitz Maria Stuarts in Edinburgh, der er den Beginn und die Keimzelle der Sinfonie verdankte. Sie ließen aber auch erkennen, dass ihnen die ausgeprägte A-Dur-Coda im Finale, die laut Mendelssohn „wie ein Männerchor“ klingen sollte, Rätsel aufgibt. Da der Komponist aber seine „Schottische Sinfonie“, die er selbst nie so nannte, zwischenzeitlich liegen ließ und erst nach über 12 Jahren Anfang 1842 abschloss, hatte er ja wohl Zeit genug, sich das Konzept zu überlegen. Interessant ist, dass die verschiedensten Konzertführer und -einführungen zu dieser Sinfonie wenig Substantielles beitragen. Nur bei dem großen deutschen Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus (1928-1989) finde ich den hilfreichen Hinweis, wie gut es Mendelssohn hier gelinge, das Liedhafte mit dem motivisch-thematischen Anspruch der Gattung Sinfonie nach Beethovenschem Muster zu verbinden.

 Bäumers Aufführung des Werkes mit den Mainzer Orchestermusikern war in ihrer durchdachten Musikaliät wie geschaffen, der Idee dieser Sinfonie näher zu kommen. Sehr bewusst wurden das feierliche Eingangsthema des ersten Satzes, seine intensivierende Wiederholung und seine überraschende Wiederkehr am Satzende als Schlüsselmotiv herausgearbeitet, sehr fein kamen die folklorisierenden Anspielungen auf schottische Dudelsackklänge heraus, und sehr klar spürte man den erzählenden, balladesken Tonfall des gesamten Werkes – teils heiter, teils düster, aber in der Satzweise vielschichtig und in der Grundstimmung nachdenklich. Dass Mendelssohn hier schottische Eindrücke verarbeitete, ist offensichtlich – aber eben nicht als direkte Impression, sondern als reflektierter und reflektierender Nachhall. Und zu dieser Reise gehörten neben den Naturerfahrungen eben auch die Begegnungen mit einer teils blutigen Geschichte, die Erinnerung an Schillers „Maria Stuart“, die Begegnung mit Walter Scott und der schottischen Romantik, mit der schottischen Volksmusik, aber auch mit der sozialen Realität der Kinderarbeit in einer Glasgower Baumwollspinnerei.

 All diese Reminiszenzen scheint Mendelssohn, ausgehend von der Schlüsselszene in Edinburgh, zu entfalten, und so wie immer wieder kleine Nebenstimmen die Hauptmelodie umspielen, so scheint sich auch der Fluß der Erinnerung immer wieder zu verzweigen – bis er im Finale endlich angehalten wird. Sehr klar brachte Bäumer heraus, wie sich das wilde Treiben des Satzes plötzlich in einem Dudelsack-Nachklang bündelt und sozusagen in einer Ballade verdichtet. Und dann ist Schluss mit der Rückschau, die Musik springt mit einem Ruck in die Gegenwart und kommt wieder im Deutschland von 1842 an – auf den Spuren der erwachenden Chorbewegung, in Weiterentwicklung des Holyrood-Themas und in majestätischem A-dur, als ob Mendelssohn aus der Keimzelle der Erinnerung den Schwung für die Zukunft nimmt. Das geht mit dem Beethoven’schen Vorbild „Durch Nacht zum Licht“ auf eine ganz eigene Weise um – und über das spezifisch Schottische deutlich hinaus.

Andreas Hauff

 

 

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