Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

MAILAND: Teatro alla Scala Riccardo Zandonai FRANCESCA DA RIMINI

15.05.2018 | KRITIKEN, Oper

Am Hofe der Polentani. Maria José Siri als Francesca. Im Hintergrund  der ramponierte Doppeldecker von d`Anunzio (Fotocredit: Brescia/Amisamo-Teatro alla Scala)

 

MAILAND:  Teatro alla Scala
Riccardo Zandonai  FRANCESCA DA RIMINI
13.Mai 2018  L´Ultima Rappresentatione

 

Zwischen Schwülstigem und Faschistoidem

 

Diese Oper kann die Grundlage, die ein kleinwüchsiger Gardaseedichter dazu geliefert hat, nicht leugnen, denn alles was dieser, vor achzig Jahren an seinem Schreibtisch verstorbene, dem Faschismus nahestehende Staatspoet Gabriele d`Anunzio in seinen Werken verherrlichte, nämlich Dekadenz, Mystik, Heldentum, Ästethik, das bot sich dem Verleger Giulio Ricordi in dem Theaterstück Francesca di Rimini zur Verarbeitung in einem Libretto an. D`Anunzio schrieb das Stück für seine Lebensfreundin, der berühmten Schauspielerin Eleonore Duse, der Stoff von der ehebrecherischen Francesca selbst stammt im Wesentlichen aus Dantes Comedia Divina und der daraus gestalteten romantischen Erzählung des Giovanni Boccaccio.

II

Spätestens im dritten Akt steht ein ramponierter Doppeldecker auf der Szene herum, wohl um auf d`Anunzio zu verweisen, denn mit einem solchen Lieblingsspielzeug hatte er ja durch Bruchlandung ein Auge verloren, aber auch seine spektakulären Flugblattabwürfe mitten im Ersten Weltkrieg über Wien und Triest vollzogen, um das österreichische Kaiserreich zur Einstellung jenes Krieges zu bewegen, dessen lautstärkster Befürworter er von Anfang an war! Das Flugzeug ist im Original noch heute in Gardone im Museum des Dichters zu sehen.

III

Die Handlung der Oper in einem Satz:
Die schöne Francesca aus dem Geschlecht der Polenta beginnt, nachdem ihr von den Malatestas als Bräutigam der schöne Paolo fälschlicherweise als Gatte vorgegaukelt wurde, nur um zu verhindern, dass sie die aus politischen Gründen wichtige Vermählung mit dem potthässlichen Giangiotto dem Lahmen sausen lässt, trotzdem ein Liebesverhältnis mit ersterem und wird dafür von letzterem zusammen mit ihrem Liebhaber umgebracht.

Paolo il Bello in Gold reitet als falscher Brautwerber ein. (Fotocredit: Brescia/Amisamo-Teatro alla Scala)

IV

Alles klar? Nein, denn da gibt es ja doch noch eine Menge an Szenen, die Raum zur Intrige geben müssen, denn das Leben am Hofe der Polentani samt viel Ärger über den Spielmann ist zu zeigen. Dieser quatscht, besser, singt zu viel über Tristan und Isolde und könnte die Täuschung der Hochzeit verraten. Und da gibt es noch den goldglänzenden Auftritt von Paolo dem Schönen, der sich für die Täuschung zur Verfügung stellt: Allein seine Goldrüstung und sein goldverkleidetes Pferd könnte jedes mittlere Stadttheater in den Ruin treiben. Und Intrigen und Kampfgetümmel bei den Malatestas gibt es jede Menge und eine richtige Schlacht einen halben Akt lang.

V

Bei den Polentas geht es schöngeistig zu, ein Marmortorso einer Nackten nimmt symbolisch dafür gleich die halbe Bühne ein: Ein elegantes, weißes Halbrund, welches gedreht und geteilt einen wahrlich grusig-prächtigen und mehrstöckigen waffenstarrenden Kampfturm der Malatestas freigibt mit Geschützrohren aller Kaliber. D`Anunzio hätte seine Freude daran gehabt.

Festungsturm der Malatesta (Fotocredit: Brescia/Amisamo-Teatro all Scala)

VI

David Pountny hat sich für seine Regie von Leslie Travers diese tolle Szenerie auf die Bühne der Scala stellen lassen. Dazu Kostüme in mittelalterlicher Seide bei den Damen, mit schwarzem Leder behelmte und beschiente Kämpfer der Malatestas für die Kampfszenen oder für so eine Art Geheimpolizei faschistischer Nähe in heutigem Zuschnitt. Alles aus dem Salon der Marie-Jeanne Lecca.

VII

Riccardo Zandonai, geboren 1883 in Borgo Sacco bei Rovereto und damit ein Altösterreicher aus der Monarchie, hat zu der Liebesgeschichte schwelgerische Musik beigetragen, die beiden Liebesduette entwickeln großartige Ohrwürmer mit lang ausgesponnenen Phrasen, in welchen sich das ehebrecherische Paar ergeht, mit Melodien, die schon im ersten Akt leitmotivisch zu erahnen sind. Da scheint es verständlich, dass diese Nummern von allen Größen der Opernszene auf Tonträgern gerne eingespielt wurden, wie etwa mit Del Monaco und Magda Olivero, Placido Domingo und Renata Scotto oder Franco Corelli mit Renata Tebaldi. Das sind empfehlenswerte Dokumente.

Viel ohrenbetäubendes Blech herrscht dafür in den Kampfszenen vor, in welchen die Malatestianer Brüder ihre Nehmerqualitäten zeigen können. Das war die wahre Heldenwelt eines d`Anunzio!

Verlieben sich durch gemeinsame Lektüre: So schön kann Lesen sein! Francesca und Paolo il Bello (Siri und Puente)        Fotocredit: Brescia/Amisamo-Teatro alla Scala

VIII

Maria José Siri, die Francesca kennen wir schon in Wien, nach einer kurzen Einsingphase zeigte sich ihr schöner, aufblühender Sopran den Anforderungen der Partie bestens gewachsen, man kann genießen. Und der Paolo di Bello des Argentiniers Marcelo Puente, stimmlich tenoral nachdrücklich gut und ambitioniert in der Phrasierung, ihm fehlt zur persönlichen Ausstrahlung allerdings noch jener Glanz in seinem Timbre, der Sehnsucht und totale Hingabe hörbar vermittelt. Mit einem Wort, der auch uns Opernfreunde zum Hinschmelzen bringt.

Von den beiden anderen Brüdern der Malatestani ist Giangiotto, der Bariton Gabriele Viviani, der stimmlich gewaltigere und brutaler wirkende, und Luciano Ganci, der Malatestino, trotz Charaktertenor der Gewalttätigere. Und wenn ihn ein Gefolteter im Keller durch Schreie stört, holt er sich persönlich den Kopf dieses Gefangenen, natürlich ohne dessen restlichem Körper. Zwei rollendeckende Brüder.

Bei den Damen sind noch Alisa Kolosova als Samaritana und Idunno Münch als schwarze Sklavin Smaragdi als Nachwuchs positiv zu erwähnen.

Chor (Bruno Casoni) und Orchester unter der Leitung von Fabio Luisi: Alles mit der Sicherheit im Ablauf, die einem Ende der Premierenserie zusteht.

 

Peter Skorepa
OnlineMERKER

 

 

Diese Seite drucken