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MAILAND/ La Scala: LUISA MILLER

19.06.2012 | KRITIKEN, Oper

MILANO/La Scala: LUISA MILLER am 18.6. 2012 (Alex Eisinger)

Von den vier Schiller-Vorlagen, die Giuseppe Verdi vertont hat, erfreut sich nur *Don Carlo* ständiger Aufführungen und hoher Wertschätzung als Meisterwerk. *I masnadieri*, *Giovanna d’Arco* und seine 1849 in Neapel uraufgeführte *Luisa Miller* gehören alle der frühen Schaffensperiode des Komponisten an. Welche Erklärungen lassen sich finden warum seine Luisa ausserhalb Italiens eher ein Mauerblümchendasein fristet: der lodernde, revolutionäre Geist des Schauspiel-Klassikers *Kabale und Liebe* vermittelt sich, obwohl die Handlung vom Librettisten Salvatore Cammarano praktisch eins zu eins übernommen wurde, nur noch in abgeschwächter Form, die anklägerisch, brisant-politische Komponente der Schillerschen Vorlage wurde zu Gunsten des Liebesdramas zurückgedrängt. Die Aussage des Werks wird damit auf den Konflikt der Titelheldin reduziert, deren Liebe an der unüberwindbaren sozialen Schranke des Standesunterschieds tragisch scheitert. Zudem wurde der Schauplatz der Handlung vom adligen Milieu am Hofe eines Fürsten ins bäuerlich-ländliche Tirol verpflanzt (das kennen wir doch auch vom *Ballo in maschera* mit der geographischen Verschiebung von Stockholm nach Boston!). Und letztlich wurde der Name des Liebhabers Ferdinand in Rodolfo durchgesetzt, da der damals regierende König beider Sizilien mit Sitz in Neapel Ferdinand hiess.

Fazit: die neapolitanische Zensur war somit ganz wesentlich für die einebnenden Eingriffe bei der Entstehung des Werks verantwortlich (ganz nach dem Schema *wes Brot ich ess, des Lied ich sing!*).

Zur Musik: Verdi’s Komposition zeigt viele Facetten, rückwärts gewandte im Stil der Gesangsoper à la Donizetti/Bellini, aber auch ungewöhn-lich-visionäre Teile wie die ein Motiv verarbeitende Ouvertüre (kein damals übliches Potpourri), das a-cappella Quartett und die Duette Graf-Wurm (2 Bässe wie später im DonCarlo) und Miller-Luisa. Insgesamt vermittelt Verdi’s Oeuvre mit seinem Melodienreichtum und einer teilweise unbändigen Kraft mehr von der ursprünglichen Vorlage als was – salopp ausgedrückt aus heutiger Sicht – im zur einfachen Soap degradierten Libretto steckt.

Gianandrea Noseda, in Wien wenig oder gar nicht bekannt, ist ein erfolgreicher Dirigent weit über Italiens Grenzen hinaus: der GMD des Teatro Reggio di Torino und der BBC Philharmonics London dirigiert seit 2002 auch regelmässig Verdi-Werke an der MET (Premièren oder Wiederaufnahmen), als Gast das Pittsburg Symphony Orchestra etc etc etc. Als Leiter der neuen Scala-Luisa-Produktion forderte er das Orchester, den Chor (Leitung: Bruno Casoni) und die Solisten zu Höchstleistungen heraus. Das reichte mit klarer Zeichensprache von forsch-anfeuernd bis sanft dämpfend, subtil und akkurat der jeweiligen Situation und des Musikcharakters angepasst; schon während der Ouvertüre durfte sich des Zuhörers Ohr an herrlichen Instrumental-Soli erfreuen. Bei allem Schwung und Temperament des Chefs wurden die Sänger aber nie zugedeckt, der Klang blieb selbst in Fortepassagen durchhörbar.

Zu den Sängern: Elena Mosuc als Luisa hat eine grossartige Leistung erbracht und ist für diese gesangstechnisch höchst anspruchsvolle Partie eine Idealbesetzung; da gibt es flüssige, diamantklare Koloraturen ohne die minimste Intonationstrübung zu hören, sie beherrscht das messa di voce, spinnt lange Bögen, setzt während lyrischen Passagen herrliche Piani ein, überzeugt auch mit rundem, obertonreichem Forte ohne je scharf zu werden. Ihr Spiel wird dem Rollencharakter des verliebten, jungen Mädchens im 1.Akt voll gerecht, sie leistet Wurm später erst stolz Widerstand wenn sie von seinen Erpressungsversuchen in die Enge getrieben wird bevor sie nach der Todesdrohung gegen ihren Vater Miller zusammenbricht, zum Nachgeben gezwungen wird. Und den Miller gibt der unverwüstliche Leo Nucci mit einer noch immer überzeugenden Bombenhöhe; seine Stimme hat altershalber an Facetten eingebüsst, aber diese fahleren Farben passen ausgezeichnet zu dieser Vaterfigur. Und dann hat er mich und das ihn verehrende Scala-Publikum gestern mit einigen effektvollen Piano-Passagen überrascht. Ein weiterer Liebling unserer südlichen Nachbarn ist Daniela Barcellona, deren Einsatz für die Federica stimmlichen Luxus darstellt (dass sie nicht eben vorteilhaft gewandet war, kann ihr nicht angelastet werden). Bleiben wir beim Luxus: wer eine arienlose Rolle wie den Wurm mit dem stimmgewaltigen Kwangchul Youn besetzen kann, der den Fiesling ohne ins Outrieren zu geraten, gefährlich darzustellen vermag, nennt eine weitere Trumpfkarte sein eigen. Sein Chef, Graf Walter alias Vitalij Kowaljow (für mich trotz erfolgreicher Karriere in den USA inklusive MET eine unbekannte Grösse) macht mit schönem Basstimbre auf sich aufmerksam, bleibt aber im Spiel trotz stattlicher Erscheinung relativ farblos (Regie oder … bleibe dahingestellt?). Es gab eine Marcelo Alvarez-Absage: ersetzt wurde er vom Cover respektive der Zweitbesetzung Rodolfo Piero Pretti, ein italienisches Tenor-Nachwuchstalent, das sich im Auge zu behalten wohl lohnen wird. Die bekannte Arie „Quando le sere al placido“ lieferte er höhensicher-wohlklingend-souverän ab. Es komplettierten zuverlässig Valeria Tornatore als Laura und Jihan Shin als contadino.

Die Bühneneinrichtung von Sergio Tramonti war einfach, fast karg: im Hintergrund gab es einen ansteigenden, bewaldeten Hang voller hochstrebender Baumstämme, der je nach Situation kalt-neblig-bedrohlich oder hell-sonnig-warm beleuchtet für differenzierte Stimmung sorgte.

Mit einer bühnenbreiten Wand davor liess sich die Natur wegsperren und die Bühne, mit einem Bett, Pult oder Stuhl angereichert, rasch in einen Innenraum verwandeln. Die Kostüme von Ursula Patzak wirkten auf mich wie aus den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, waren aber keine *hässlichen Fetzen*. Und die Regie von Mario Martone?: die Neuproduktion kommt ohne Verfremdung im Sinne des deutschen Regietheaters daher, es wird aber auch kein üppig ausstaffiertes, museales Rampentheater geboten. Für italienische Verhältnisse bestimmt ein Schritt in die Zukunft. Zu behaupten die Regie hätte nicht gestört, wäre bösartig, denn es wurde auf der weiten Bühne fast ausnahmslos engagiert gespielt, aber Regie-Liebhabern von moderner Action wär es wohl doch etwas fad vorgekommen.

Beim Publikum kam die Aufführung sehr gut an, für die Sänger, insbesondere Mosuc, Barcellona, Nucci, Youn und Pretti gab es Ovationen und viele Bravorufe, die Applausdauer von über 12 Minuten in Italien ist ein aussergewöhnliches Gütesiegel.

Alex Eisinger

 

 

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