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MAGDEBURG/ Theater: „DORNRÖSCHEN“ – KLASSIK „AUF DIE SPITZE GETRIEBEN“

09.05.2015 | Ballett/Tanz

Magdeburg / Theater: „DORNRÖSCHEN“ – KLASSIK „AUF DIE SPITZE GETRIEBEN“ – 8.5.2015 Pr. 11.4.2015

 Im wahrsten Sinne des Wortes auf die Spitze getrieben hat Gonzalo Galguera, Choreograf und Ballettdirektor des Theaters Magdeburg, P. I. Tschaikowskys Märchenballett „Dornröschen“. Ausgebildet im klassischen Tanz, versteht er es, gute Traditionen in die Gegenwart zu holen und ohne einschneidende Modernisierungsversuche in der heutigen Zeit so ansprechend auf die Bühne zu bringen, dass auch die jüngere Generation begeistert ist. Auf der Grundlage des Librettos von Marius Petipa und Iwan A. Wsewoloschsky nach Charles Perrault hat er eine groß angelegte Choreografie entwickelt, deren Uraufführung am 11.4.2015 im Theater Magdeburg stattfand und deren Bedeutung weit über die Landesgrenzen Sachsen-Anhalts hinausgehen dürfte.

Man besinnt sich wieder auf die besten Traditionen und entwickelt sie weiter, um sie für die Zukunft zu erhalten. In einem Prolog und drei Akten werden hier Choreografie und Inszenierung in rein klassischer Art ständig gesteigert bis hin zu grandiosen, in barocker Opulenz strahlenden, pompösen Schlussbildern, worüber man geteilter Meinung sein könnte, aber in der gebotenen Art wirkt alles sehr ästhetisch und sinnvoll, ein Rausch der Farben und Formen und vor allem der Tanzkunst.

Der gebürtige Kubaner ist klassisch ausgebildeter Balletttänzer, war u. a. Erster Solist am Ballet der Ávila in Madrid und ab 1990 Mitglied der Ballettkompanie der Komischen Oper Berlin unter Tom Schilling. Nach einer Tätigkeit als Ballettdirektor am Anhaltinischen Theater Dessau wirkt er jetzt am Magdeburger Theater und führt das Ballett Magdeburg zu erstaunlichen Leistungen. Seine Inszenierungen machen nachdrücklich auf ihn aufmerksam. Ganz im Sinne des traditionsreichen klassischen Tanzes entstaubt er festgefahrene, in Routine erstarrte Traditionen und erweckt sie zu neuem Leben.

Seine Choreografie passt er ganz dem technischen Können der Mitglieder seiner Companie an und fügt alles geschickt zu einem sehenswerten Handlungsballett im klassischen Gewand zusammen. Ihm gelingt es, die Tänzerinnen und Tänzer in seinem Sinne zu motivieren und zu Höchstleistungen anzuregen. Sie zeigen dann ihrerseits viel Engagement, und sichtbare Freude am Tanz. Einige von ihnen präsentierten eine Perfektion, die höchsten Ansprüchen genügt.

 Eine besondere Überraschung war die 26 Jahre junge Narissa Course in der Rolle der Prinzessin Aurora, die sie in dieser Inszenierung an diesem Abend zum 2. Mal tanzte, aber mit welchem Können und welcher Anmut! Sie wirkte wie ein echt junges, unschuldiges Mädchen, das an seinem 16. Geburtstag noch zaghaft die Welt der Erwachsenen erkundet, aber ihre tänzerischen Leistungen verrieten bereits eine perfekte Reife. Sie wagte große Schwierigkeiten auf nur einer Spitze stehend, wie sie gegenwärtig von den Tänzerinnen mancher Ballettcompanie versucht, aber nicht in dieser Perfektion kreiert werden. Sie präsentierte alles mit bewundernswerter Sicherheit und dazu noch mit viel Charme. Bei ihrem sehr flüssigen Tanz beeindruckten auch schöne Sprünge und eine wunderbare Pirouette auf Spitze. Sie kann sehr vieles und zeigt dabei noch viel Anmut und entsprechende Mimik, so dass ihr Dornröschen zu einer eindrucksvollen Charakterdarstellung wurde.

Als ihr Prinz und Partner begeisterte Raul Pita Caballero nicht nur als unterstützender und ergänzender „Gegenspieler“, sondern auch individuell mit auffallend hohen weiten Sprüngen und gemeinsam mit seiner Partnerin mit einigen gewagten Hebefiguren.

Eine großartige Leistung zeigte Anastasia Gavrilenkova als Fliederfee. Technisches Können wie selbstverständlich voraussetzend, tanzte sie tolle Pirouetten auf Spitze, faszinierte mit ihrer großartigen, ästhetischen Körperhaltung und sehr geschmeidigen Bewegungen, gepaart mit Grazie und Eleganz. Zusammen mit ihrer Gegenspielerin, der Carabosse, gut getanzt und dargestellt von Leah Allen, mit der sie sozusagen die Schicksalsfäden Dornröschens in den Händen hält, sorgte sie für die dramatischen Höhepunkte der Aufführung.

Wenn auch als Formation nicht immer ganz konform und mit weniger Schwierigkeiten und kleinen Pausen zwischen den einzelnen Soloauftritten zeigten die fünf weiteren Feen (die zwölf Feen des Märchens wurden auf sechs reduziert) Audrey Becker, Narissa Course, Amanda Mata, Sophie Allnatt, Antanina Maksimovich und Christine Salamon Lama ihr tänzerisches Können mit natürlicher Anmut.

 Dem Kater verlieh Adam Reist seine Gestalt und der drolligen Katze Isabelle Ménard. Elio Clavel war der Blaue Vogel, Tatiana Andreia Duarte de Sousa das Rotkäppchen und Pavel Kuzmin der Wolf. Das seriöse Königpaar verkörperten Bastian Früh und Martina Soltschik. Eine besondere Charakterstudie präsentierte Marc Ballo Cateura als Catalabutte, eine Karikatur auf einen devoten, übertrieben pflichteifrigen und in seiner Beschränkung sehr beflissenen Höfling.

Wenig differenziert und farbig spielte die Magdeburgische Philharmonie unter der Leitung von Michael Balke. Schon mit den ersten Takten setzte Balke auf triumphale Lautstärke, die eine gewisse Härte nicht ausschloss. Es gab aber auch ansprechende Soli von Cello, Violine und Flöte.

 Der eigentliche überbordende Farbenreichtum der Partitur fand seine Entsprechung in der von Josef Jelínek gestalteten Bühne und vor allem in den gekonnt gestalteten, farblich geschickt nuancierenden und changierenden, sehr gut abgestimmten Kostümen, eine Augenweide, die den dreistündigen Abend unter dem Eindruck des Tanzes zu einem Rausch der Farben und Sinne werden ließ. Die mit einfachen Mitteln hergestellten, vorwiegend mit spitzem Pinsel gemalten Kulissen zaubern eine barocke Scheinwelt, flüchtig betrachtet, aus traditionellen, märchenhaften Bühnenbildern einer zunächst zauberhaften barocken Schloss-Atmosphäre, die allmählich unmerklich verzerrt wird, bis sie schließlich am Ende grotesk und symbolhaft eine überlebte Zeit als „alten Zopf“ symbolisiert, wo junges Leben in Gestalt des jungen Paares in die Zukunft weist – eine gelungene Symbiose aus anmutigem klassischem Tanz voller Ideen, einzelnen Höchstleistungen der Ballettsolisten, barock anmutender Traumkulisse und fantasiereicher, farblich genial abgestimmter Kostüme.

 Ingrid Gerk

 

 

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