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MAGDEBURG: DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR

01.04.2017 | Oper

MAGDEBURG: DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR
am 31.3.2017 
(Werner Häußner)

6 - Foto - »Die lustigen Weiber von Windsor« - Theater Magdeburg - 7.5.2016
Johannes Stermann (Falstaff) und das Ensemble des Theaters Magdeburg im dritten Akt von Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor“. Foto: Nilz Böhme

Vatertagsausflug in Windsor. Eine grölende Meute radelt mit einer Alkohol-Selbstfahrlafette herein, so ein Tretmobil als Tisch, der heute bei Sauftouren gerne gemietet wird. Die Bierfässchen werden abgeschossen, eines davon schnappt sich Sir John Falstaff. Und zeigt, dass er das Inhalieren großer Mengen Flüssigkeit bereits „als Büblein klein an der Mutterbrust“ gelernt hat. Klar, dass keiner der Radaubrüder eine Chance gegen den Dicken hat. Falstaffs Opfer wird zu einem ironischen musikalischen Zitat aus Marschners „Vampyr“ hinausgetragen. Ja, Otto Nicolai verstand, wie musikalischer Humor geht.

Ob Christian von Götz, der Regisseur der Magdeburger „Lustigen Weiber von Windsor“ verstanden hat, wie szenischer Humor geht, lässt sich nach drei Stunden knallbunter Sechziger-Jahre-Revue nicht aus voller Überzeugung bejahen. Die Anfangsszene jedenfalls, die Falstaffs haushohen Sieg im Bier-Wettstreit mit Herrn Bach – der getarnte eifersüchtige Fluth – vorzieht, bleibt platt. Über die lausigen Witze lacht niemand im Publikum. Wenn das Stück dann Fahrt aufnimmt, werden die Übertreibungen dosierter eingesetzt, stellen sich auch Momente ein, die über den nächstliegenden Kalauer hinausgehen. Wir finden uns in einem Beauty-Salon wieder, eingekastelt von schrecklich pastellbunt dekorierten Wänden. Eine Sauna, ein bühnenbreites pinkfarbenes Riesensofa und zwei Damen in grausig geschmacklosen Hemdhosen – ein sicher existierendes, zutreffenderes englisches Modewort geht mir ab – agieren dort stets an der Grenze zwischen ironischer Übertreibung und dem bemühten Witz des szenischen Holzhammers.

Gern verlässt man sich wieder auf Nicolais anspielungsreiche Musik, die den beiden „lustigen Weibern“ ein Duett wie aus einer Seria von Rossini oder Mercadante gibt, die Frau Fluths einstigen Arien-Hit „Nun eilt herbei, Witz, heit’re Laune“ in die Heroinen-Töne eines Conradin Kreutzer oder Heinrich Marschner kleidet. Julie Martin du Theil zwingt sich die Dramatik mit manch druckvoll gebildetem Ton ab, hat aber die Beweglichkeit und die Verve für ein pfeffriges Bravourstück.

Wo die Regie sich nicht herablässt, subtiler an komödiantische Klischees zu rühren, versuchen es die Kostüme von Bühnenbildner Ulrich Schulz und Verena von Götz mit grellen Signalen: Markus Liske als Junker Spärlich ganz in Blau ist eigentlich ein braver bejahrter Herr; Frank Heinrich als Cajus in aufdringlichem Gelb schafft die Persiflage auf den Franzosen nicht, weil er viel zu hastig über die Feinheiten des Tonfalls hinwegdeklamiert. Herr Reich kommt in Anthrazit wie ein Banker von der Fleet Street, Paul Sketris hat aber nur beschränkt Raum, das komische Potenzial der Figur zu entwickeln. Und Thomas Florio als Herr Fluth – mit kräftigem Poltern stets auf der Höhe seiner Eifersucht – muss aus unerfindlichen Gründen im Rollstuhl zu seiner Audienz beim dicken Ritter antreten.

Christian von Götz hat mit der Übertragung in die Flower-Power-Sechziger eine Idee, die ihre Reize entwickeln könnte. Aber wer dem Publikum unbedingt eintrichtern will, wie total lustig das alles ist, nimmt die Spannung aus dem Stück. Es ist ja gerade der Ernst, mit dem sich die Figuren nehmen, der den komischen Gegensatz zur – dem Zuschauer bewussten – Entwicklung der Geschichte bedingt. Das ist in Inszenierungen der letzten Jahre in Coburg (Aron Stiehl), Krefeld (Andreas Baesler) und Düsseldorf (Dietrich Hilsdorf) überzeugender gelungen.

Auch den Trumpf, mit dem (gut gestopften) Johannes Stermann ein riesiges Mannsbild als Sir John auf die Bühne zu bringen, spielt die Regie nur ansatzweise aus: Stermann punktet als tiefensicherer, klangschöner Sänger, gewinnt aber der Figur außer einer durchaus passenden, irritierenden Aggressivität und verblendeten Selbstsicherheit keine weiteren Facetten ab. Warum sich Falstaff nach zwei desaströsen Versuchen – der erste endet in einer Riesenwaschmaschine – auf ein drittes Rendezvous im Wald einlässt, erklärt die Regie passenderweise mit einem LSD-Rausch. So wird, was als erotisches Sommernachts-Abenteuer geplant war, zu einem wabernden Traumgespinst in Grün und Violett. Am Ende geben sich die getäuschten Eltern Frau Reich (Lucia Cervoni) und der in Strapsen seine Träume auslebende Herr Reich zufrieden und Hippie Fenton mit Felljacke und Jesushaaren (Jonathan Winell) darf seine reizend singende „süße Anna“ (Irma Mihelič) in die Arme schließen. Sogar Spärlich und Cajus finden ganz zeitgeistig und diskriminierungsfrei aneinander Gefallen.

Kapellmeister Tomohiro Seyama als musikalischer Leiter der Wiederaufnahme legt Tempi an, die Nicolais Musik spritzig und beweglich machen, ohne sie in Eile zu verhuschen. Das kommt dem Chor (Einstudierung: Martin Wagner) zugute, der ohne Hetze artikulieren kann. Die Magdeburgische Philharmonie zeigt Sorgfalt und Sinn für das Chiaroscuro der feinen Klänge in den fragilen Sommernachts-Subtilitäten, greift beherzt und bläserschmetternd zu, wenn Falstaff seine pompöse Auftrittshymne hat. Artikulation und Detailarbeit, auch manche Intonation in den Violinen sind nicht durchweg konzentriert – da fordert der lange Abstand zur Premiere wohl seinen Tribut.

Werner Häußner

 

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