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MÄNGELEXEMPLAR

09.05.2016 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover  Mängelexemplar~1

Ab 13. Mai 2016 in den österreichischen Kinos
MÄNGELEXEMPLAR
Deutschland  /  2016
Regie: Laura Lackmann Popescu
Mit: Claudia Eisinger, Katja Riemann, Barbara Schöne, Detlev Buck u.a.

Immer schon sind junge Leute um sich selbst und ihre Befindlichkeiten gekreist, aber es scheint doch, dass es in der Generation der Selfies noch viel, viel ärger geworden ist. Ein signifikantes Beispiel dafür lieferte jedenfalls die Autorin Sarah Kuttner in ihrem 2009 erschienenen, nun von Laura Lackmann verfilmten Roman „Mängelexemplar“.

Das Ganze wird als Komödie verkauft, kann aber auch als Tragödie unter die Haut gehen – denn Menschen wie diese 28jährige Karo gibt es wirklich: rücksichtslos selbstmitleidig die Umwelt belästigend, allen und jedem die Schuld gebend am eigenen Unglück, ratlos, wer sie ist und wohin sie will. Und das alles in einem Berlin von heute, das mehr trostlos als reizvoll herüberkommt.

Hauptdarstellerin Claudia Eisinger muss die meiste Zeit heulen, und das ziemlich penetrant, und sie weiß vermutlich auch, dass ihre Figur gar nicht sonderlich sympathisch ist. Zu viele Leute – von der besten Freundin bis zur Psychiaterin – sagen ihr, dass sie unerträglich und für ihre Mitwelt eine Zumutung ist, und man kann als Kinobesucher nur zustimmen. Interessant übrigens, wie absolut diese Karo im Mittelpunkt steht – Schauspielerinnen wie Katja Riemann als ihre Mutter oder Persönlichkeiten wie Detlev Buck als ihr Vater bleiben seltsam im Hintergrund.

So ganz versteht man auch nicht, wie Karo letztendlich mit ihrer Depression, mit der sie nicht nur der Mitwelt, sondern auch den Zuschauern auf die Nerven geht, zurecht kommt. (Nebenbei gefragt im Sinn junger Leute: Ist Depression ein chices Event – oder nur quälend?)

Immerhin werden zwei Lösungen für die letztendliche Befriedung des Seelenlebens angeboten: der Freund, der es nicht mehr mit ihr aushielt, wird von einem netteren ersetzt, der sich mehr Mühe mit ihr gibt; und das Kind Karo, das durchaus auch das Opfer verkorkster Familienverhältnisse ist, hängt sich für den Betrachter sichtbar auf den Rücken der erwachsenen Karo und behindert sie in ihrer Existenz. Sie versucht, diesen Teil ihres Selbst um jeden Preis los zu werden – aber erst, als sie am Ende bereit ist, mit diesem Teil ihres Ichs zu leben, wird Karo (und mit ihr der leidenden Kinobesucher) in der Hoffnung entlassen, dass sie vielleicht mit sich und ihrem Leben besser zurecht kommt und von der dauernden, lähmenden, anklagenden Selbstbespiegelung los kommt…

Das ist ein Psycho-Parforceritt, wie man ihn nicht alle Tage erlebt, und wenn man bei der Stange bleibt, dann nur, weil man begreifen will, was diese Menschen antreibt. Durchgeschüttelt durch Karos Gefühle und Umwelt, Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Illusion vermengend, trifft der Film zweifellos einen Nerv unserer Zeit – auch wenn einem gar nicht gefällt, was man hier sieht und erfährt.

Renate Wagner

 

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