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LYON/ Opéra: BARBE BLEUE. Opéra Bouffe von Jaques Offenbach

01.07.2019 | Operette/Musical


Foto: Stofleth

Lyon: „BARBE-BLEUE“ –   Opéra de Lyon, 29.6.2019

 Am 20. Juni feierte die Musikwelt den 200. Geburtstag Jacques Offenbachs, so auch die Opéra de Lyon, die als letzte Premiere vor der Sommerpause eine Neuinszenierung der 1866 in Paris uraufgeführten Opéra Bouffe „Barbe-Bleue“, die im deutschen Sprachraum als „Blaubart“ bekannt ist, herausgebracht hat.

„Barbe-Bleue“ erlangte im 19. Jahrhundert bei weitem nicht die Popularität wie andere Werke Offenbachs. Nachdem jedoch Karl Kraus die besondere satirische Qualität des Stoffes in seiner Umsetzung durch Offenbach und seiner Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy (die beiden schufen auch das Libretto zu Bizets „Carmen“) nachhaltig in seinen Lesungen demonstriert hatte, erlebte das Stück im deutschsprachigen Raum seine Renaissance. Die legendäre Inszenierung Walter Felsensteins an der Komischen Oper Berlin erlebte im Zeitraum von 1963 bis 1992 nicht weniger als 369 Aufführungen! In Wien wurde „Blaubart“ zuletzt in der kurzen, erfolglosen Ära von Dominique Mentha an der Volksoper gezeigt.

Offenbach hat sich in seinen auf Deutsch nicht ganz korrekt als „Operetten“ übersetzten Opéra Bouffes immer über die politischen Zustände im 2. Kaiserreich in Frankreich lustig gemacht. Es ist also völlig legitim, wenn sich ein Regisseur der heutigen Zeit in seiner Inszenierung einer Opéra Bouffe Offenbachs satirisch mit politischen Zuständen der Gegenwart auseinandersetzt. Man kann über den französischen Präsidenten Macron denken was man will, aber für eine Satire eignet er sich überhaupt nicht. Laurent Pelly, der an der Opéra de Lyon schon mehrere Werke Offenbachs erfolgreich  in Szene gesetzt hat, hatte daher eine wirklich großartige Idee, mit wem man heutzutage den vertrottelten König Bobèche und seinen Gegenspiele Blaubart identifizieren könnte. Da wir ja in der Operette sind, werden die beiden fiesen Gestalten von ihren Bediensteten ja ausgetrickst. Blaubarts Diener Popolani hat die fünf verflossenen Gemahlinnen seines Herrn natürlich nicht ermordet, sondern nur betäubt. Jetzt leben Blaubarts Ex-Frauen im Keller von Blaubarts Schloss. Und Graf Oscar, der Minister des verblödeten Königs, hat vier Verehrer der Königin ebenfalls nicht – wie von Bobèche befohlen – ermordet, sondern am Leben gelassen und versteckt.

Der erste Akt spielt bei Pelly in der Gegenwart auf einem einfachen Bauernhof (Bühnenbild: Chantal Thomas). Popolani ist auf der Suche nach einer sechsten Frau für Blaubart, während Graf Oscar nach der vor langer Zeit in einem Körbchen ausgesetzte Tochter des Königs sucht. Er findet diese in der Schäferin Fleurette und lässt sie auf das Schloss bringen, obwohl diese in den hübschen Schäfer Saphir verliebt ist und nicht von diesem getrennt werden will. Beim Schönheitswettbewerb, den Popolani veranstaltet, geht die resche, vollbusige Bäuerin Boulotte, die sich jedem Mann an den Hals wirft und auch hinter dem schönen Saphir her ist, als Siegerin hervor. Dann fährt Blaubart wie ein Mafiaboss in einer schwarzen Luxuslimousine auf die Bühne. Die Ähnlichkeit Blaubarts mit einem noch lebenden nordkoreanischen Diktator ist nicht zu übersehen. Auch dieser soll ja Leichen im Keller haben. lässt er doch jeden Untertan oder jeden Verwandten, der ihm nicht passt, ermorden. Gleich nach Übernahme der Macht soll er einen Onkel an die Schweine verfüttert haben und erst vor kurzer Zeit soll er einen Diplomaten, den er für das Scheitern des letzten Gipfelgesprächs mit den USA verantwortlich gemacht hat, den Piranhas zum Fraß vorgeworfen haben. Nun, Blaubart ist von Boulotte entzückt und will sie zu seiner sechsten Frau machen.


Foto: stofleth

Im zweiten Akt befinden wir uns in einem prunkvollen Königspalast, auf der rechten Seite drängen sich übergroße Klatschspaltenmagazine, die über das Leben der High Society berichten, in das Zimmer. Als dann König Bobèche das Zimmer betritt und alle Angestellten vor ihm buckeln, da brüllt das Publikum bereits vor Lachen. Denn der Mann mit der viel zu langen Krawatte und dem  forschem Schritt ähnelt in verdächtiger Weise dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Dieser ist froh seine Tochter, die jetzt Hermia genannt wird, wieder gefunden zu haben und will diese an einen ihn genehmen Prinzen verheiraten. Zuvor aber befiehlt er eifersüchtig dem Grafen Oscar den Grafen Alvarez, der mit der Königin geflirtet hat, zu beseitigen. Die Königin (Aline Martin) ist in ihrer Ehe unglücklich und will nicht, dass ihrer Tochter das gleiche Schicksal widerfahre. Sie rät daher von der geplanten Hochzeit ab. Hermia will ohnehin keinen anderen heiraten als den vor ihr geliebten Schäfer Saphir, der sich jedoch plötzlich als der vom Vater favorisierte Prinz entpuppt. Hier gelingt Pelly eine köstliche Parodie auf eine Hochzeitsfeier am englischen Königshof, der Chor ist kostümiert wie die englische Königsfamilie (Kostüme: Laurent Pelly). Wenn sich der König von den Besuchern die Hand küssen lässt und der Chor dazu die dazugehörigen Schmatzgeräusche von sich gibt, bleibt kein Auge trocken, eine unglaublich komische Szene. Blaubart kommt zu Besuch um dem König seine sechste Frau vorzustellen. Die nymphomanische Boulotte verschmäht jede Etikette und küsst jeden Mann, der ihr in die Hände fällt. Als Blaubart Hermia erblickt, denkt er jedoch nicht mehr an Boulotte und sieht bereits Hermia als seine siebte Ehefrau. 

In Blaubarts Keller befinden sich im Gewölbe die Gräber der fünf Ehefrauen in Form von Gefrierschränken. Blaubart schleppt Boulotte in den Keller und befiehlt Popolani, der gerade die Sägen für die Zerstückelung der Leichen säubert, die Beseitigung seiner sechsten Frau. Boulotte muss den vorbereiteten Trank leeren, dann zieht sich Blaubart zurück. Natürlich gab ihr Popolani keinen Gifttrank, sondern nur einen Schlummertrunk. Als Boulotte wieder erwacht, macht sie Bekanntschaft mit ihren sehr lebendigen Vorgängerinnen. Sie hetzt sie auf, nicht mit ihrem Schicksal zu hadern, sondern den Keller zu verlassen und sich zu rächen.

Im 3. Akt laufen schon die Vorbereitungen für die Hochzeit zwischen Hermia und Prinz Saphir, da erscheint Blaubart und beklagt den Tod seiner sechsten Frau. Nur eine Hochzeit mit Hermia könne ihn über diesen Verlust hinwegtrösten. Der König, zu schwach um den Forderungen Blaubarts zu widerstehen, willigt ein. Es kommt zum Duell zwischen Saphir und Blaubart, das letzterer gewinnt. Da stürmen Boulotte und die fünf anderen Ehefrauen Blaubarts herbei, Graf Oscar bringt auch die fünf vermeintlich ermordeten Verehrer der Königin in den Festsaal. Das Ganze endet in einer Massenhochzeit. Die fünf Ehefrauen Blaubarts werden mit den fünf Edelmännern verheiratet, Hermia bekommt ihren Prinzen Saphir und Blaubart muss sich mit der drallen Boulotte zufrieden geben.

Pelly hat das alles so mitreißend, so komisch in Szene gesetzt, dass das Publikum trotz der Affenhitze begeistert mitgerissen wurde. Aus jeder Figur formt Pelly einen unverwechselbaren Charakter. Die Komik ist nie überzogen, man kann wirklich herzhaft lachen ohne sich dafür schämen zu müssen. Pelly ist ein Meister des Timings und sein Humor ist niemals unter Niveau.

Wir können uns leider kaum vorstellen, wie toll die skandalumwitterte Diva Hortense Schneider gewesen sein muss, die in der Uraufführung die Boulotte sang, und der Offenbach noch so viele andere Hauptpartien auf den Leib geschrieben hatte. Wenn Blaubart Boulotte erstmals gegenübersteht, singt er angesichts der prallen Körperformen zum Gaudium der Zuseher „C’est un Rubens!“ Die noch junge Héloise Mas begeisterte nicht nur durch ihre umwerfende Darstellung eines ungestümen Bauerntrampels sondern auch durch ihren apart timbrierten Mezzosopran. Yann Beuron als selbstverliebter Blaubart (bzw. Kim Jong-un) wusste einige Höhenschwierigkeiten mit ausgezeichneter Technik im Falsett zu kaschieren. Entzückend das Buffo-Paar: Jennifer Courcier mit feiner Soubretten-Stimme als kecke Hermia und Carl Ghazarossian mit lyrischem Tenor als eitler, leicht degenerierter Prinz Saphir. Sehr gut auch die lebensrettenden Diener: der Bariton Christophe Gay als an Frankenstein erinnernder Popolani und der Bariton Thibault de Damas als köstlicher Graf Oscar. Den Vogel aber schoss Christophe Mortagne ab, der schon vor einigen Jahren in Lyon in der Titelpartie von Offenbachs „Le Roi Carotte“ brillierte. Er muss die Gangart, die Bewegungen und auch die Mimik von Donald Trump genau studiert haben. Er war als König Bobèche einfach eine umwerfende Kopie des amerikanischen Präsidenten.

Aber erst der spielfreudige Chor der Opéra de Lyon und das Orchester der Opéra de Lyon unter der beschwingten musikalischen Leitung des erst 26jährigen Michele Spotti machten das ungetrübte Offenbach-Glück perfekt. Der junge Mann hat Orchester und Bühne stets im Griff, da gibt es keine Wackelkontakte, da läuft alles perfekt ab, die vielen Tempowechsel, die dramaturgisch klug aufgebauten Finali mit wunderbaren Steigerungen. Da erinnert vieles noch an Rossini, mehr aber noch an Meyerbeer. Leider kennen heute viel zu wenige Opernbesucher noch die Opern Meyerbeers. So bleiben bei einem Großteil des Publikums die genialen Parodien Offenbachs auf Meyerbeers Opern unerkannt. Die Musik Offenbachs muss jedenfalls prickeln wie Champagner. An diesem Abend erlebte man es.

Das Publikum im ausverkauften Haus tobte. Und an diesem Abend wurde die Vorstellung in 14 Städte der Region Auvergne-Rhône-Alpes live auf Großbildschirme im Freien übertragen. Damit hatten zehntausende zusätzliche Besucher die Gelegenheit, diesem Vergnügen beiwohnen zu können. Aber mit dieser Aufführungsserie von „Barbe-Bleue“ sind die Offenbach-Feiern an der Opéra de Lyon noch nicht zu Ende. Im Dezember kehrt die großartige Pelly-Produktion von Offenbachs „Le Roi Carotte“ nochmals zurück. Und auch diese Aufführungen werden wohl vom Publikum wieder gestürmt werden.

Walter Nowotny

 P.S.: Nach meiner Rückkehr aus Lyon sah ich im Fernsehen die Bilder vom neuen Treffen zwischen Donald Trump und Kim Jong-un in Nordkorea. Aber diese Bilder waren nur halb so lustig wie das Gipfeltreffen der beiden Staatsmänner bei Laurent Pelly.

 

 

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