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LYON: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

12.11.2014 | Allgemein, Oper

LYON: DER FLIEGENDE HOLLÄNDER am 11.10.2014

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Copyright: Jean Louis Fernandez/ Opera de Lyon

So ungefähr muss sich Richard Wagner den Beginn seiner Oper gewünscht haben. Nur hat es zu seiner Zeit noch keine 3-D-Projektionen gegeben. Inmitten von hohen Wellen befindet sich ein riesiger Schiffsbug, von dem auf der Bühne nur der untere Teil zu sehen ist. Während im Orchestergraben die flirrenden Geigen das Unwetter in der Ouvertüre musikalisch malen, erhellen Blitze die regnerische Sturmnacht auf hoher See. Fast hat man den Eindruck, als ob die Wellen in den Zuschauerraum schwappen würden. So eindrucksvoll habe ich den Beginn des „Fliegenden Holländers“ wahrlich noch nie erlebt. Àlex Ollé, Mitglied der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, wurde seinem Ruf als Theatermagier wieder einmal gerecht. Genial dann auch die Verwandlung zu Beginn des 1. Aktes, wenn sich die Wellen zu Sandhügeln einer Dünenlandschaft verwandeln. Hier strandet also Daland auf der Heimfahrt und die Seemänner haben ganz schön Mühe die Sandhügel zu erklimmen. Dalands Schiff ist schon rostig und vom Salzwasser zerfressen. Ebenfalls eine geniale Idee: beim Erscheinen des Holländers wird Dalands Schiff einfach durchleuchtet, wie durch einen Röntgenschirm, man sieht nur noch das Skelett des Schiffes, indem sich die untote Mannschaft des Holländers tummelt. Ein großartiger Effekt. Der Holländer, aschgrau im Gesicht und aschgrau auch die Kleidung, hat mit dem geldgierigen Daland leichtes Spiel. Der hätte seine Tochter wohl auch für weniger Geld verschachert. Der 2. Akt spielt nicht in Dalands Haus sondern am Strand, wo der Schiffsrumpf nun von den Männern in seine Einzelteile zerlegt wird. wobei die Mädchen und Frauen damit beschäftigt sind kleinere Teile auseinanderzuschrauben und zu sortieren.

Simon Neal ist mit schlankem, nicht gerade dämonischem, aber sehr genau deklamierenden Bariton eine gute Besetzung für die Titelpartie. Die beste Gesangsleistung an diesem Abend kam von Falk Struckmann, der den Wechsel vom Bassbariton zum Bass scheinbar ohne Blessuren überstanden hat. Dass er in der Lautstärke gelegentlich übertreibt, stört zumindest hier beim Daland, zu dem ein seemännisches Poltern ja durchaus passt, nicht. Sehr eindrucksvoll sang Magdalena Anna Hofmann die Senta. Obwohl sie erst vor kurzem vom Mezzo zum Sopran umgestiegen ist, hat sie mit den teuflischen Spitzentönen der Ballade keinerlei Schwierigkeiten. Allerdings stören ein unangenehm klingendes Vibrato (vielleicht ein erstes Zeichen von Überanstrengung?) und gelegentliche Schärfen in den Höhen den positiven Gesamteindruck. Tomislav Muzek war ein zufriedenstellender Erik, den er in den letzten Jahren auch schon in Bayreuth gesungen hat. Hier wurde sein Dasein als Looser durch seine plumpe Brutalität noch hervorgehoben. Über eine schöne, durchschlagskräftige Stimme verfügt Luc Robert. So schön gesungen hört man den Steuermann auch nicht alle Tage. Aber man muss sich schon fragen, ob der Ernani, den er noch in dieser Spielzeit bei seinem Debüt an der Metropolitan Opera singen soll, nicht vielleicht doch zu früh kommt? Eve-Maude Hubeaux ergänzte als Mary mit schöner Altstimme. Sehr homogen und wortdeutlich sang der von Philip White bestens einstudierte Chor der Opéra de Lyon. Kazushi Ono leitete das klangschön und präzise spielende Orchester der Operá de Lyon. Der Dirigent hat sich sowohl bei der Ouvertüre als auch beim Finale der Oper für den Schluss ohne das Erlösungsmotiv entschieden. Und so endet die Oper auch etwas seltsam. Im Finale schmiert sich Senta aschgraue Farbe ins Gesicht und auf die Kleidung. Während der Holländer und seine Mannschaft, von ihr erlöst, im Meer versinken, irrt von nun an Senta als Untote herum. Wer wird aber nun Senta erlösen?

Trotz dieses etwas unlogischen Schlusses feierte das Publikum alle Mitwirkenden frenetisch. Diese Inszenierung mit dem spektakulären Bühnenbild von Alfons Flores, den einfachen aber sehr passenden Kostümen von Josep Abril, der ausgezeichneten Lichtregie von Urs Schönebaum und den eindrucksvollen Videoeinblendungen von Franc Aleu wird zu einem späteren Zeitpunkt auch an der Opera Australia, der Oper in Bergen und der Opéra de Lille zu sehen sein und bestimmt auch dort begeisterten Zuspruch finden.

Walter Nowotny

 

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