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LUZERN: „MÄRCHEN IM GRAND HOTEL“ (Paul Abraham). Premiere

„Und was meinen Sie?“

27.10.2019 | Operette/Musical

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Luzern: MÄRCHEN IM GRAND HOTEL (Paul Abraham)

Premiere: 26.10.2019 

„Und was meinen Sie?“

Das Schicksal Paul Abrahams (1892 – 1960), erfolgreichster Komponist der sog. Jazz- und Revue-Operette im Berlin der Zwanziger-Dreissiger Jahre, ist erschütternd. Vertrieben wie viele seiner Glaubensgenossen konnte er sich im letzten Moment in die USA retten. Dort hatte er aber, im Unterschied zu seinen Kollegen wie Weill, Korngold etc., keinen Erfolg, drehte durch und verbrachte gute zehn Jahre in einer Nervenheilanstalt. Dies nachdem er den Verkehr am Times Square dirigierend, aufgegriffen worden war. Seinen Lebensabend verdämmerte er in Hamburg bei seiner Frau, die ihn betreute. Mit der in Wien, im Theater in der Josefstadt 1934 uraufgeführten Operette „Märchen im Grand Hotel“ war Paul Abraham – wohl bedingt durch die Zeitumstände – kein nachhaltiger Erfolg beschieden.

Umso mehr ist es rühmenswert, dass das Luzerner Theater sich dieser Operette angenommen hat. Der Regisseur Bram Jansen wollte dem Stück helfen und verlegte die Handlung in die heutige Zeit, von Berlin nach Luzern. Dass ein renommiertes Hotel in Luzern, der Schweizerhof (übrigens wo Wagner einige Zeit verbrachte und die letzten Noten seines „Tristan“ komponierte), als Schauplatz herhalten musste, war auf der Bühne dann wenig nachvollziehbar. Denn in der zweistöckig gebauten Bühne (Robin Vogel) spielte die Handlung vornehmlich im Keller und nicht oben in der Luxus-Etage ab. Dort unten ist Marylou nicht die Drehbuch-Autorin eines zu drehenden Films, sondern die Sounddesignerin, welche die Tonspur aufnehmen soll. Alles wird auf das Akustische zugespitzt, alle Geräusche sind „fake“ und die darzustellenden Figuren werden vom  gesamtenHotelpersonal samt Putzfrau, Kellner, Koch und Hoteldirektor dargestellt. Dass diese für die äusserst komischen Songs und Ensembles fast dauernd vor den Mikrofonen stehen müssen, hilft dem Stück auch nicht. Wo sich gerade aus der rhythmisch akzentuierten Musik ein Tanz-Duett entwickeln müsste oder gar ein Stepptanz, da wird nur steif vor dem Mikrofon gestanden, Noten in der Hand. Naja, auf die Dauer ist das wenig einfallsreich, die Gags wiederholen sich und werden teilweise zu Tode gewaltzt. Eine miserabel gespielte Sex-Szene ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Die schlecht adaptierten Dialoge werden in einer nahezu unerträglichen Langsamkeit gesprochen (Marthaler-Stil?), die Aktionen der Darsteller sind begrenzt (mit wenigen löblichen Ausnahmen), sodass den ganzen Abend kein Tempo aufkommen will. Man lacht vielleicht mal da und dort, schmunzelt eventuell, aber mehr ist da nicht. Das ist schade, denn die musikalische Seite der Aufführung war doch höchst respektabel.

Das Luzerner Sinfonieorchester unter Leitung von William Kelley spielte die doppeldeutig angelegten Melodien Abrahams gut, aber ohne den richtigen Schmiss, dereinfach dazugehört, sonst wirkt der freche Charme dieser Musik nicht. Ausserdem war das Orchester teilweise auch zu laut, vor allem gegenüber den teilweise mit Chanson-Stimmen singenden Sängerinnen. Und dies, obwohl sie mit Mikroport ausgestattet waren. Gut, dass die Gesangstexte auf Übertiteln mitzulesen waren. Die letzte Viertelstunden gab’s dann plötzlich den Eklat mit einem aufwändig gedrehten Video – lediglich in Schwarz/Weiss – (David Röthlisberger), wovon man gerne in den vorausgehenden zwei Stunden Spieldauer mehr gesehen hätte. 


Copyright: Ingo Höhn

Samuel Streiff war der einzige im Ensemble, der diese merkwürdige Komik rüberbringen konnte. Er war als Kellner Albert auch wohl als Paul Abraham angedacht, der im oberen Raum am Flügel seinen Melodien nachsinnt. Gesungen hat er ganz im Stil dieser Epoche, wie etwa Max Raabe. Als Isabella war Heidi Maria Glössner zu sehen. Mit ihrer langen Berufserfahrung war sie routiniert und sang mit Chanson-Stimme die Songs gekonnt und war, nachdem sie als verbitterte Putzfrau herum hantiert hatte, als erstaunliche Marlene-Dietrich-Imitation(Kostüme: Ulrike Schneiderer) eine Überraschung. Für die Marylou hatte man Tora Angestad geholt, die in ihren Gesangsnummern, die sie mit Jazz-Stimme sang, wenigstens einiges Temperament in die Aufführung brachte. Robert Maszl liess als Koch Andreas seinen schönen lyrischenTenor erklingen: die einzige „richtige“ Stimme des Abends. Jason Cox als Chamoix, Vuyani Mlinde als Lossas (und in einer Travestierolle als Hofdame) zogen sich,leider mit wenig Gelegenheit zum Singen, mehr schlecht als recht aus der Affäre mit nicht ganz gelungenen Slapstick-Nummern. Diese wurden vom Quartett der Trainees (Giulia Bättig, Norma Haller, Chiara Schönfeld und Anna Vogt) als Charles-Chaplin-Parodien gut umgesetzt, nachdem sie mehr oder weniger unbeweglich hatten herumstehen müssen.

Alles in allem ist festzuhalten, dass man vielleicht besser daran getan hätte, mehr von der Frechheit und Schmissigkeit der Roaring Twenties und somit von der Original-Fassung  auf die Bühne zu bringen, um damit Paul Abraham endlich Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, anstatt die Handlung in unsere, ganz anders geartete Zeit zu verlegen.Immerhin: ein erster Schritt ist mit diesem Wiederbelebungsversuch wohl getan.  

John H. Mueller

 

 

 

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