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LUDWIGSBURG/Forum: DER NUSSKNACKER – Pate Drosselmeier lässt schön grüßen…

24.12.2014 | Ballett/Tanz

„Nussknacker“ von Peter Tschaikowsky mit dem Ballet Classique de Paris im Forum am Schlosspark Ludwigsburg

PATE DROSSELMEIER LÄSST SCHÖN GRÜSSEN

Ballet Classique de Paris gastierte am 23. Dezember 2014 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

Jeanette Jacquet, die künstlerische Direktorin des Ballet Classique de Paris, hat die Hauptrollen ihrer Inszenierungen seit Gründung dieses Balletts 1974 immer selbst inszeniert. So auch den „Nussknacker“ von Peter Tschaikowsky. Die Akzente sind hier anders wie bei der berühmten Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow. Denn bei Jacquet steht der Mausekönig im Zentrum des Geschehens, nicht der Nussknacker. Aber man spürt dessen unsichtbare Präsenz und geheimnisvolle Aura. Damit trifft sie sich mit dem Geist von E.T.A. Hoffmanns berühmter Erzählung „Nussknacker und Mausekönig“, die der Dichter im Jahre 1819 in den „Serapionsbrüdern“ veröffentlichte. Kindliche Vorstellungen mischen sich hier eindrucksvoll mit der Nachtseite des Unbewussten – ein Aspekt, den Jeanette Jacquet bei ihrer sphärenhaft-durchsichtigen Choreografie durchaus herausarbeitet. Den Traumvorstellungen Klaras (facettenreich: Viktoria Velaskez-Karon) stehen allerdings böse Alpträume gegenüber, denn alle Protagonisten sind doppeldeutig. Dies zeigt sich vor allem beim von Oleksiy Burakov ebenfalls brillant getanzten Paten Drosselmeier, der gleichzeitig ein in die Kinder vernarrter Freund der Familie und Beschwörer obskuren Zaubers ist. Der von Mihail Tudor und Dmytro Krutii bei den Aufführungen abwechselnd getanzte Prinz macht eine innere Wandlung durch, was diese Choreografie ebenfalls gänzend herausarbeitet – vor allem bei den suggestiven Pas-de-Deux-Passagen. Und Klara ist vom Wunsch beseelt, endlich eine Frau zu werden. Das Ensemble lässt bekannte Nummern wie den Blumenwalzer, den Schneeflockenwalzer sowie die reizvollen Motive des Divertissements in rasanter Weise Revue passieren. Die variierten Rhythmen finden bei dieser Arbeit eine kunstvolle tänzerische Umsetzung. Gerade auch bei den großen sinfonischen Szenen kommt es zu einer beachtlichen Verschmelzung bewegungstechnischer und rhythmischer Präzision. Dies zeigt sich auch beim von Claudia Morandini grazil getanzten Nussknacker. Sehr schön wird ebenfalls betont, wie Pate Drosselmeier Clara mit seinen übernatürlichen Kräften träumen lässt. Gut gelingt Jeanette Jacquet bei ihrer Choreografie jene Szene, wo die restlichen Spielzeugfiguren plötzlich zum Leben erwachen. Da beginnt ein skurriles Gewirr, das sich immer mehr zuspitzt. Zwischen den Mäusen, dem Nussknacker und den kleinen Soldaten entwickelt sich eine beispiellose Schlacht, die die Mäuse schließlich gewinnen. Und der Nussknacker ruft seine Wache, was zu einer zweiten gewaltigen Konfrontation führt, an der der König der Mäuse teilnimmt. Clara kann nicht ertragen, in welcher Gefahr ihr geliebter Nussknacker schwebt, ergreift einen Schuh, wirft ihn gegen die Angreifer und verhilft dem Nussknacker zum Sieg. Als Dankeschön wird Clara vom Nussknacker ins wunderbare Reich der Süßigkeiten eingeladen – ein weiterer visueller Höhepunkt dieser Choreografie. Leichtigkeit und Unbeschwertheit umgibt die Figuren. Klarinetten, Trompeten und Hörner umspielen graziös die subtilen tänzerischen Bewegungen, der Achttakter wird facettenreich variiert. „Der Tanz der Fee Dragee“ mit dem silbrigen Celestaklang erreicht starke Ausdruckskraft. Feurig derb kommt der „Trepak“ daher, der sich schließlich in wildem Wirbel löst. Eher melancholisch wirkt der „Arabische Tanz“ mit den Variationen über dem monotonen Quintenbass. Im „Chinesischen Tanz“ stehen die schrillen hohen Lagen der Flöten zierlichen Pizzicati gegenüber, was die Kompanie effektvoll umsetzt. Das Kopfschütteln kleiner Pagoden führt zu einem weiteren Bewegungsrausch. Der „Tanz der Mirlitons“ fasziniert mit reizvollen Figurationen und Arabesken, die mit ihren Schleifern und Vorschlägen ausgesprochen elektrisierend wirken.

Das Bühnenbild von Jean Bonachi und die Kostüme von Ruta Zitkauskaite fügen sich zu einer vielfarbigen, bunten Einheit zusammen. Auf dem Gipfel dieses rauschenden Festes sieht Clara den Prinzen die Zuckerfee zu einem Pas de Deux auffordern. Clara scheint in der Weihnachtsnacht aus ihrem fantastischen Traum nicht mehr zu erwachen. Obwohl man sich die Figur des Nussknackers am Schluss noch einmal präsentier gewünscht hätte, überraschen bei dieser Choreografie die Farbigkeit und der Einfallsreichtum. Svitlana Kalaschnikova tanzte die Zuckerfee ausgesprochen graziös und einfühlsam, während Maria Vorobei der Schneekönigin eine majestätische, aber auch sympathische Aura verlieh.

 Alexander Walther 

 

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