Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

LUDWIGSBURG/ Schlosspark: GASTSPIEL ORCHESTER NATIONALTHEATER MANNHEIM /Ettinger/ Prochnik/ Muehle

Nationaltheater-Orchester Mannheim im Forum am Schlosspark Ludwigsburg – BEWEGENDER KLANGZAUBER

Nationaltheater-Orchester Mannheim am 12. Februar 2015 im Forum am Schlosspark/LUDWIGSBURG

20150212_Dan_Ettinger_NOM_1_Edna_Prochnik_c_Hans Jörg Michel
Edda Prochnik. Foto: Hans Jörg Michel

Es ist ein Klangkörper mit einer langen Wagner-Tradition, die bis heute fortwirkt. Auch Carl Maria von Weber, Hector Berlioz, Wilhelm Furtwängler und Erich Kleiber leiteten dieses fulminante Orchester. Unter der inspirierenden Leitung des israelischen Dirigenten Dan Ettinger (der das Orchester seit 2009 dirigiert) gastierte das renommierte Nationaltheater-Orchester Mannheim im Forum. Gleich zu Beginn begeisterte das Publikum die stürmische Wiedergabe von Dimitri Schostakowitschs Festlicher Ouvertüre op. 96, die dieser zum Jahrestag der Oktober-Revolution 1954 für den Festakt im Bolschoi-Theater schrieb und die bei den sowjetischen Machthabern äusserst positiv aufgenommen wurde. Ettingers aufregende Interpretation betonte die energiegeladenen Blechbläserfanfaren ebenso wie die vorwärtsdrängenden Trommelwirbel sowie das einprägsam lyrische Thema der Hörner und Celli und die majestätische Coda. An der Seite waren die Bläser postiert, was zu ungewöhnlichen akustischen Effekten führte. Leicht und sphärenhaft-beschwingt kam dann Sergej Prokofieffs „Klassische Sinfonie“ in D-Dur op. 25 daher, die dieser ganz bewusst im „Haydnschen Stil“ komponiert hat. Die klare Form dieses Meisterwerks kam bei der transparenten Wiedergabe voll zum Ausdruck, graziös und eingängig waren die schlichten Melodien. Der Witz stach bei der funkelnden Instrumentation leuchtkräftig hervor. Das zweite Thema des ersten Allegro wirkte verschmitzt. Die Freude an dieser „modernen Klassik“ war hier wirklich ungetrübt, so locker und leicht ließ Dan Ettinger das Nationaltheater-Orchester Mannheim musizieren. Rhythmische und harmonische Feinheiten kamen so nie zu kurz, sondern sprudelten nur so hervor. Das dreiteilige Larghetto beglückte die Zuhörer ebenfalls  mit seiner empfindsam verschnörkelten Melodie, die den Mittelteil einem breiten Fagott-Gedanken überließ. Behäbig wirkte auch die Gavotte, zumal in der etwas schwerfälligen Anmut der Flöten- und Klarinettenmelodie des Mittelteils. Alles wirkte wie aus einem Guss – auch das knisternde Finale, Molto vivace. Elegant kamen seine Einfälle daher und verrieten nie, mit wie viel Kunst sie in die rechten Bahnen gelenkt wurden. Scheinbar mühelos sprühten sie aus einem koketten Flötenthema hervor und trieben bis zum Schluss viel augenzwinkernden Spaß. Zuletzt erklang Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ zu altchinesischen Gedichten, die Hans Bethge übersetzte und in der Sammlung „Die Chinesische Flöte“ veröffentlichte. Abschied in der Stunde des Erkennens verdeutlichten die beiden ausgezeichneten Gesangssolisten Edna Prochnik (Mezzosopran) und Martin Muehle (Tenor) zusammen mit dem dezent begleitenden Nationaltheater-Orchester Mannheim unter der impulsiven Leitung von Dan Ettinger sehr überzeugend. Diese weltschmerzliche Stimmung erklang bei dieser Wiedegabe mit aller gebotenen Zurückhaltung. Das Sterben in Schönheit prägte sich dem ergriffenen Publikum tief ein – hier dominierte vor allem die israelische Mezzosopranistin Edna Prochnik mit großer Intensität. Melodie, Harmonik und Klang vereinigten sich zu exotischer Größe. In drei Strophen sang der mit feinem Timbre aufwartende Tenor Martin Muehle das „Trinklied vom Jammer der Erde“ mit dem Refrain „Dunkel ist das Leben, ist der Tod“. Eine wilde Lebensgier loderte in dieser Wiedergabe durch Dan Ettinger auf. Die grimmige Verzweiflung eines Enttäuschten blitzte erschreckend hervor. Ein krampfhaftes Aufbäumen zerrte an der lyrischen Linie. Laute Selbstbetäubung beschrieb das Wissen um die Eitelkeit des Daseins. In müder Auswegslosigkeit resignierte dann das von Edna Prochnik fein nuanciert dargebotene Alt-Lied vom „Einsamen im Herbst“. Trist und seufzend klagte es zu Beginn, dann gab es einen schmerzlichen Rückblick auf das verlorene Glück der Liebe – und am Schluss vernahm man wieder die müde Anfangsstimmung. Wie ein freundlicher Traum von Einst erschien das Tenor-Lied „Von der Jugend“ als bezauberndes Pastellbild vom dem „Pavillon aus grünem und aus weißem Porzellan“. Da sang der tragfähige Mezzosopran von den jungen Mädchen, die am Uferrande Lotosblumen pflücken. Fanfaren und Harfenglissandi kündigten ungestüm den wilden Militärrhythmus an. Zu ungestümen Marschklängen tummelten sich „schöne Knaben…auf mut’gen Rossen“. Leise kam in diese unbeschwerte Jugendszene ein Ton sehnender Erregung, was der Dirigent Dan Ettinger sehr plastisch herausarbeitete. In seligem Rausch sang der Tenor Martin Muehle vom „Trunkenen im Frühling“, pries übermütig-selbstvergessen Zecherglück und Frühlingswunder. Abschied und Verzicht prägten in erschütternder Weise dank Edna Prochniks einfühlsamer Wiedergabe den Schlußsatz. Im zarten Naturbild spiegelte sich die ergreifende Seelenstimmung des Einsamen, der still und gefasst auf den Tod wartet. Die Gedanken gingen nochmals eindrucksvoll zurück zu dem, was auf dieser Welt „Glück“ heißt. Schmerzlos und still löste sich Edna Prochniks Mezzosopran von allem Diesseitigen ab, was unmittelbar unter die Haut ging. Die Stimme ging in blauenden Fernen geheimnisvoll auf. Der schmerzlich-versöhnliche Ausklang besaß hier tragische Größe. Die Stimmung verdichtete sich in ungeheurer Erregung zum Trauermarsch. Der Marsch schwoll gewaltig an zu einer Vision des Todes. Und die Gesangsstimme griff die Worte erschütternd auf – über der düsteren Leere des Kontra-C. Das wehmütige Terzenmotiv beschrieb die fahle Stimmung. Eigenartig fließend löste sich hier der Gesang auf. Dan Ettinger setzte gerade in diesem letzten Satz bei seiner Interpretation andere Schwerpunkte wie etwa Leonard Bernstein, der diesen Lebensabstieg sogar noch schroffer und gnadenloser betonte. Trotzdem gewann seine Wiedergabe immer mehr klangliche Fülle und Detailgenauigkeit. Über allem lag ein sphärenhaft-leuchtender Zauber. Das Nationaltheater-Orchester Mannheim gastierte schon in der letzten Saison sehr erfolgreich in Ludwigsburg.

 Alexander Walther

 

Diese Seite drucken