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LUDWIGSBURG/ Schlossfestspiele: Der Pianist IGOR LEVIT mit Beethoven, Rihm, Schostakowitsch

LUDWIGSBURG/ Schlossfestspiele/ Ordenssaal: ABWECHSLUNGSREICH UND AUFWÜHLEND

Der Pianist Igor Levit gastierte am 29. Mai im Ordenssaal bei den Schlossfestspielen

Wenzel Müllers Singspiel „Die Schwestern von Prag“ und den zugehörigen Gassenhauer „Ich bin der Schneider Kakadu“ würde heute niemand mehr kennen, wenn Beethoven diese Melodie nicht in zehn geistreichen Variationen für Klavier bearbeitet hätte. Nach einer Moll-Einleitung und chromatischen Verschleierungen entführte der begnadete Pianist Igor Levit zusammen mit seinen einfühlsamen Kollegen Ning Feng (Violine) und Maximilian Hornung (Violoncello) das Publikum bei Ludwig van Beethovens Variationen über Wenzel Müllers „Ich bin der Schneider Kakadu“ G-Dur op. 121a für Violine, Violoncello und Klavier in eine harmonisch aufregende Welt voller Klangfabenreichtum und Esprit. Auch der kämpferische Beethoven kam hier voll zu seinem Recht. Anschließend bot Igor Levit bei Wolfgang Rihms Klavierstück Nr. 6 „Bagatellen“ eine hervorragende Leistung, wobei er die filmische Schnitt- und Montagetechnik facettenreich herausarbeitete. Und es blitzte auch die Cantus-firmus-Technik des Chorals hervor. So wurde eine eindrucksvolle Collage interpretiert, deren halsbrecherische Trillereffekte in unglaublicher Weise nachhallten. Dieses „Nahtstück“ verweist laut Rihms eigenen Worten auf frühere Werke und zeigt auch einen Blick auf die Zukunft. Das triebhafte Wuchern der Ton- und Klangkonstellationen arbeitete Levit suggestiv heraus. Und die Handwerklichkeit postserieller Konstruktion wurde nicht störend oder übermäßig betont. Höhepunkt dieses Konzertabends war in jedem Fall die subtile Fassung von Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 15 A-Dur für Violine, Violoncello, Klavier und Schlagzeug von Viktor Derevianko. Neben den präzisen Pizzicato-Einsätzen und imponierenden Pauken-Akzenten begeisterte hier vor allem der sinfonische Charakter, der sehr gut herausgearbeitet wurde. Insbesondere die Staccato-Passagen der zitierten Ouvertüre zur Oper „Wilhelm Tell“ von Gioacchino Rossini und das Todesankündigungsmotiv aus Richard Wagners „Walküre“ wurden hier mit elektrisierender Ausdruckskraft interpretiert. Der Kern und Sinn dieser wertvollen Komposition wurden so voll erfasst. Insbesondere die Schlagzeuggruppe mit Klaus Reda, Andreas Boettger, Moritz Wappler und Simon Etzold forderten die Zuhörer immer wieder frontal heraus: Es kam zum schroffen Wechsel monoton-melancholischer und aufpeitschend wilder Partien, wobei neben einem geheimnisvollen Flüsterton auch die Crescendo-Passagen unter die Haut gingen. Gelegentlich meinte man sogar, stilistische Gegensätze von Tschaikowsky, Prokofieff und Egk herauszuhören. Zwischen leidenschaftlichen Ausbrüchen entdeckte man immer wieder lyrische Schwermut. Eine gewisse Weitschweifigkeit und das jähe Schwanken zwischen extremen Empfindungen waren ebenfalls bemerkbar. Neben einer oftmals erregenden Rhythmik gelang es den feinnervigen Musikern, unheimliches Pianissimo und lärmendes Furioso zu vereinigen. Und auch die lebensbejahende Grundhaltung wurde nicht verleugnet. Abrupte Modulationen und weite Intervalle ergänzten sich facettenreich – und die herbe und scharfe Harmonik blühte heftig auf. Gustav Mahler und Richard Strauss ließen versteckt grüßen, die Forderungen des „Sozialistischen Realismus“ wurden aber nicht übermäßig betont. Alles in allem war es in jedem Fall eine in sich geschlossene Wiedergabe, die begeisterten Schlussbeifall erhielt.

 Alexander Walther

 

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