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LUDWIGSBURG/ Schlossfestspiele: BALLETT AM RHEIN: b.16. Gegen den Altmeister keine Chance

Ludwigsburger Schlossfestspiele

„BALLETT AM RHEIN: b.16“ 2.7. 2014-  Gegen die Altmeister keine Chance

 Die seit 2009/10 von Martin Schläpfer geleitete Compagnie fehlte bislang noch im breiten Spektrum der jährlichen Gastspiel-Programme im Ludwigsburger Forum. Die Festspiele füllten nun diese Lücke und holten den mit vielen Preisen dekorierten Choreographen mit seinem letzte Spielzeit herausgebrachten Ballettabend, die der Einfachheit halber schlicht mit fortlaufenden Nummern versehen sind. Der Schweizer Tanzschöpfer präsentierte damit  einerseits die Vielseitigkeit seines Ensembles, setzte Eigenes aber auch dem direkten Vergleich mit renommierten Größen der Ballettgeschichte aus. Eine Gegenüberstellung, die Schläpfer nicht gerade zum Vorteil gereichte – denn was Jerome Robbins und Hans van Manen in knapp bemessenem Rahmen auf den Punkt bringen, zerfasert bei ihm im Laufe von gut 80 Minuten zum immer dünneren Rinnsal phantasievoller, aber letztlich auch oft rätselhaft bleibender choreographischer Erfindungen.

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Nicole Morel und Alexandre Simoes in Robbins „Afternoon of a Faun“. Copyright: Gert Weigelt

 Doch der Reihe nach: Robbins mutiger Versuch, dem legendären Nijinsky-Pas de deux „AFTERNOON OF A FAUN“ 1953 einen völlig neuen räumlich-atmosphärischen Kontext zu geben, indem er ihn in die Realität eines Ballettsaals verpflanzte, ist heute soweit Normalität, aber trotz seines Alters von einer zeitlosen Frische. Eine Frische, die Nicole Morel und Alexandre Simoes gleichermaßen herüber bringen und der mit sparsamen, wesentlichen Chiffren vielsagenden Begegnung zweier Tänzer eine Balance zwischen zu viel Direktheit und zu minimalistischem Impuls geben. Wenn sie auf Spitze hereinstakst (und so auch den Ballettsaal wieder verlässt), sich dazwischen mit einem beständigen Lächeln über dem Gesicht im Spiegel genießt, er nach träumerischem Beginn am Boden ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen versucht, und beide mit minimalen Berührungen und wenig Augenkontakt im Tanz zusammenfinden, bleibt das Stück in jener Schwebe, die sein Geheimnis ausmachen: was findet zwischen den beiden jenseits ihrer täglichen Übungen statt? Die gewählte Klavierfassung der Musik Debussys lässt wohl das schwül sinnliche der originalen Orchesterversion vermissen, unterstreicht aber, gerade auch durch die Live-Interpretation von Stephen Harrison, die Realität des Ballettsaals.

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Julie Thirault und Paul Calderone in van Manens „Without words“. Copyright: Gert Weigelt

 Hans van Manen beweist auch in seinem 2010 für Het Nationalballett Amsterdam kreierten und bislang dem Ballett am Rhein als einziger Compagnie überlassenen „WITHOUT WORDS“, dass er auf eine Geschichtenerzählung verzichten kann – vielleicht auch deshalb, weil sein Schrittmaterial zu den zusätzlich auch unter Weglassung der Gesangstexte so vielsagenden und ausdrucksvollen vier Mignon-Liedern Hugo Wolfs (ebenfalls Stephan Harrison) so sprechend ist, als wollten die Körper beständig etwas sagen. Wie es unter ihrer Oberfläche brodelt und dadurch eine unablässige Spannung erzeugt wird. Hier ist es eine Frau im Hin und Her zwischen Abstoßung und Anziehung von drei Männern, deren unterschiedliche Physiognomien letztlich die verschiedenen Seiten eines einzigen Mannes sein könnten. Julie Thirault, eine wie viele Tänzer des Balletts am Rhein auffallend gut gebaute Tänzerin, wird nacheinander und wechselnd umworben. Zuerst von Marcos Menha, dem einstigen Ersten Solisten von Birgit Keils Karlsruher Compagnie, der mit gewonnener Männlichkeit sowie seiner größenbedingt säulenhaften Schlankheit  und mit leichter Süffisanz viel Eindruck macht, gefolgt von Bogdan Nicula, einem kleinen, leicht stämmigen und sympathisch pfiffigen Tänzer. Als dritte Variante präsentiert sich der smarte, größenmäßig dazwischen liegende Paul Calderone mit ein bisschen träumerisch verliebtem Ansatz. Wem gehört ihre Zuneigung? Diese Frage bleibt trotz hin und wieder gemeinsamer synchroner Bewegungen am Ende in der Luft stehen. Die Zurückhaltung dominiert über alle Versuche sich hinzugeben.

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Marlúcia do Amaral und Marcos Menha in Schläpfers „Nacht umstellt“. Copyright: Gert Weigelt

Bei Martin Schläpfers „NACHT UMSTELLT“ ist die Luft schon einige Zeit vor dem Ende draussen. Dabei beginnt sein handlungsloses, teilweise auf Spitze getanztes Stück so verheißungsvoll mit den 16 deutschen Tänzen, wo ein Tänzer nach dem anderen den Rhythmus und bodenständigen Charakter dieser Schubert-Kompositionen z.T. mit leicht ironischen Akzenten aufgreift und dann seitlich abgewandt an den Bühnenrändern verharrt und weiter sinniert. Soweit der Lichtblick in der bis auf zwei schmale helle Schneisen im Hintergrund dunkel gehaltenen Bühne, von Schläpfer mit Impuls und Lust entworfen und von den Tänzern entsprechend animiert aufgegriffen. Danach folgt die erste Zäsur mit den spröden Klangfetzen von Salvatore Sciarrino, ein Innehalten und Hineinhören in die musikalische Struktur, eine Reflexion über das Dunkle in uns, wie es der Choreograph in seinem Einführungsgespräch  bezeichnet hat. Ein paar Sequenzen hätten dafür ausgereicht, stattdessen wird das gesamte Musikstück  bis zu einem nicht erkennbaren Ende mit zu viel Fragen hinterlassenden Bewegungen mit viel abknickenden Beinen und tierisch ausgebreiteten Armen  ausgewalzt. Dasselbe wiederholt sich nur wenig variiert in der zweiten Sciarrino-Zäsur. Dazwischen liegt dann der eigentliche Kern des Werkes, die beiden Sätze von Schuberts „Unvollendeter“. Sie alleine hätte ausgereicht, Schläpfers Anliegen der wundersamen Übersetzung die spezielle Schönheit und Melancholie dieser Musik mit klarer tänzerischer Linie auf den Punkt zu bringen. Bei voller Konzentration auf diese 25 Minuten wäre die Bündelung seines Schrittmaterials effektiver ausgefallen. Am Ende steht als deutliches Gegenstück zum Beginn Schuberts Choral „Die Nacht“,  irgendwie in der Luft hängend, angeklebt, anstatt einen erkennbaren Rahmen zum vorherigen zu schaffen. An inhaltlich nicht konkretisierten Stücken haben sich schon andere Künstler seiner Zunft verhoben, indem sie sich anstatt das Wesentliche zu beleuchten in zu viel Beiwerk ihrer Phantasie verfransen, wohin ihm Außenstehende nur bedingt zu folgen vermögen. So klar van Manen und Robbins als seine stilistischen Vorbilder zu erkennen sind,  deren konzentrierte Handschrift hätte sich Schläpfer hier auch zu Herzen nehmen sollen.

Die zwei Drittel der 48köpfigen Compagnie eingesetzten TänzerInnen taten gewiss ihr Bestes um die zuviel im Dunkeln wandelnde Choreographie auf hohem Niveau auszufüllen und sich auch immer wieder solistisch in teilweise beachtenswerter Form zu präsentieren.

Hoffen und wünschen wir, dass die Compagnie beim nächsten Gastspiel ein vorteilhafteres Hauptwerk im Gepäck hat, um den doch verhaltenen Eindruck dieses Abends zu korrigieren.

 Udo Klebes

 

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