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LUDWIGSBURG/ Gastspiel Karlsruhe: „WILLKOMMEN“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz

20.01.2019 | Theater

André Wagner (Benny), Ute Baggeröhr (Sophie), Paula Skorupa (Anna), Lisa Schlegel (Doro), Jonathan Bruckmeier (Jonas)  - Foto: Felix Grünschloß
Copyright: Felix Grünschloss

„Willkommen“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe im Forum am Schlosspark am 19.1.2019/LUDWIGSBURG


TURBULENZEN MIT FLÜCHTLINGEN

Da der von Andre Wagner virtuos gespielte Benny als Gastdozent nach New York geht, muss sein Anteil an der WG untervermietet werden. Er möchte sein Zimmer Flüchtlingen zur Verfügung stellen. Seine Wohngenossen stellen sich daraufhin bohrenden Fragen – etwa die, ob man sich dann noch frei und unbekleidet durch die Wohnung bewegen kann. In der Regie von Nicolai Sykosch können sich die Darsteller im Bühnenbild und den Kostümen von Stephan Prattes gut entfalten. Die Mitmieter fürchten allerdings auch den Verlust feministischer Errungenschaften. Man wirft sich pathologischen Araber-Hass vor: „Ich bin dagegen, weil ich arabische Männer nicht ausstehen kann!“ Dies eröffnet die von Lisa Schlegel emotional gemimte Doro ihren verdutzten Mitbewohnern. „Ich mag keine Männer mit Schnauzer!“ Swana Rode mimt überzeugend die nervlich stark angeschlagene Anna, die von dem Türken Achmed (mit Charisma: Heisam Abbas) ein Kind erwartet. Der Sozialarbeiter ist eigentlich bereit, Anna bei sich aufzunehmen, doch die künftigen Mitbewohner machen ihm das Leben schwer. Denn sie können ihn nicht unbedingt akzeptieren. Die Wohngemeinschaft stellt sich die existenzielle Frage, ob man Flüchtlinge überhaupt aufnehmen soll.

 
Die Charaktere im Stück „Willkommen“ sind nicht in der Lage, ihre Probleme in den Griff zu bekommen oder gar zu lösen. Die Pointen des Stückes und der Inszenierung passen hier recht gut zusammen, der Rhythmus des Humors wird nicht vernachlässigt. Der eigentliche Flüchtling betritt jedoch nie die Bühne. Achmed erzählt, dass es für seinen Vater als Gastarbeiter im Ruhrgebiet keine besondere Unterstützung bei der Ankunft in Deutschland gab. Das Wort Integration sei damals noch ein Fremdwort gewesen. Hier reagieren die Mitbewohner unterschiedlich, zumeist recht zögerlich und zaghaft.
 
Der Regisseur arbeitet die Konfliktsituation psychologisch plausibel heraus. Der Raum bei der Inszenierung überhöht den Text in riesigem Ausmaß. Es ist eine Art überdimensionales und weißes Labor. Es handelt sich um ein Gesellschaftsversuchslabor mit Vergrößerungsglas. Das ist für den Zuschauer recht stimmungsvoll, zumal mit Lichteffekten in geradezu virtuoser und facettenreicher Weise gespielt wird. Die Wohngemeinschaft entscheidet sich schließlich für die Nicht-Veränderung.
 
Neben Jonathan Bruckmeier als Jonas (er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Deutsche Bank is going down“) brilliert Ute Baggeröhr als Sophie zuletzt noch bei einer Szene, wo sie völlig die Nerven verliert und das Kissen zerfetzt. Da kann sie dann auch von ihrem Vater via Skype (Gunnar Schmidt) nicht beruhigt werden. Notgeile Männer verursachen dabei ihre größte Lebenskrise: „Als ich ein Kind von ihm wollte, war er so schockiert, dass er sofort schwul wurde!“ Sie wirft alle Mitbewohner hinaus. Hier besitzt die Aufführung eine geradezu elektrisierende und verblüffende Wirkungskraft (Video: Jan Fuchs, Sebastian Langner; Licht: Aljoscha Glodde). Männer werden schließlich als „unfassbare Spießer“ bezeichnet, die dem Katholizismus verfallen sind: „Ich will nicht dafür beleidigt werden, dass ich versuche, Ideen zu entwickeln.“ Doro und Sophie besprechen zuletzt zur Musik von John Williams („Krieg der Sterne“) hochexplosive Pläne.
 
Damit endet diese Komödie recht abrupt. Vielleicht hätte man den dramaturgischen Bogen hier noch weiter spannen können. Doch beim Publikum kam dieses filmnahe Stück gut an: „Willkommen in der CDU!“
 
Alexander Walther

 

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