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LUDWIGSBURG: GALA DER TANZSTIFTUNG BIRGIT KEIL

Ludwigsburg: GALA DER TANZSTIFTUNG BIRGIT KEIL 9.11.2012 (Forum) – Enorme Bandbreite

 Wie wertvoll der zudem ehrenamtliche Einsatz aller an der Tanzstiftung Birgit Keil beteiligten Mitarbeiter für den tänzerischen Nachwuchs und damit für den Bestand der Sparte Tanz in unserer vielfältigen Kulturlandschaft ist, wurde auch bei dieser (alle zwei Jahre) stattfindenden Gala offenbar. Da konnten nicht nur einige der aktuellen Stipendiaten von der von Birgit Keil geleiteten Akademie des Tanzes Mannheim in einer von Selatin Kara eigens für diesen Abend geschaffenen Kurzversion von Vivaldis „VIER JAHRESZEITEN“ ihren Standard beweisen (trotz einer teilweise mehr auf Show denn auf Kunst ausgerichteten Handschrift), auch ehemalige durch die Stiftung geförderte Tänzer traten ins Rampenlicht. In Keils Eigenschaft als Direktorin des Balletts am Badischen Staatstheater Karlsruhe liegt es nahe, die in ihre eigene Kompanie übernommenen Vertreter zu präsentieren. In „SATANELLA“, einem Pas de deux von Altmeister Marius Petipa zu stimmungsvoller Gebrauchsmusik von Cesare Pugni, vermochten Moeka Katsuki und Pablo dos Santos trotz noch kindlicher Ausstrahlung in ihrer selbstbewusst eingesetzten Virtuosität und stilvollen Attitude kaum glauben zu machen, dass sie erst im Sommer ihren Abschluss gemacht haben.

Die Klassik, für die Birgit Keil als einstige Maßstab-Ballerina des Stuttgarter Balletts steht, dominierte keineswegs das diesmal besonders abwechslungsreiche und etliche Überraschungen bergende Programm. Dennoch bleiben wir hier zur übersichtlichen Aufblätterung der drei volle Stunden umfassenden Beiträge zunächst beim sogenannten Ballett alter Schule. Hocherfreut wurde das Wiedersehen mit Karlsruhes einstiger Primaballerina Anais Chalendard registriert. Im Grand Pas de deux aus „RAYMONDA“ brachte sie mit dem langjährigen ersten Solotänzer derselben Kompanie Flavio Salamanka den auch musikalisch feinen Zuschnitt dieser exquisiten Petipa-Choreographie mit geschmackvoll persönlicher Zelebrierung und unauffällig eingesetzter Technik zur Geltung. Schade, dass ihr im zweiten Teil angesetztes Solo namens „DAW“(= Dohle) zur fünften Cello-Solo-Suite von Bach in der sehr eigentümlichen Tanztheater-Choreographie von Hubert Essakow nichts als Rätsel hinterließ und so ihre Größe im modernen Habitus nicht so richtig zum Tragen kam. Da hatte Salamanka in dem an diesem Abend erstmals gezeigten „ACROSS THE BORDER“ seines Karlsruher Kollegen Reginaldo Oliveira im Zusammenspiel von rhythmischer Eindringlichkeit und einer für diesen elegant geschmeidigen Tänzer ungewöhnlichen Linienstrenge die eindeutig bessere und entsprechend gewürdigte Karte gezogen. Den Brasilianer von einer ungewohnten Seite genauso überzeugend kennenzulernen, war eine der erwähnten Überraschungen des Abends.

Doch zurück zur Klassik: Iana Salenko und Marian Walter, das regelmäßig bei diesen Galas gastierende Tänzer-Ehepaar vom Staatsballett Berlin, offerierten mit dem „GRAND PAS CLASSIQUE“ in der Choreographie von Victor Gsovsky zu hörner-umflort spritzigen Klängen von Auber ein Parade-Beispiel eines aus komplizierten Küren raffiniert zu einem Gesamtbild verwobenen Bravour-Stückes – von beiden mit federleichter Selbstverständlichkeit und schönster Harmonie serviert. Kaum weniger überzeugten die beiden in „NOT ANY MORE“, einer neoklassisch angehauchten Beziehungs-Kurzgeschichte von Raimondo Rebeck, bei der allerdings der Schrittverlauf und die zeitgenössisch spanische Musik von Lhasa de Sela immer wieder seltsam auseinander drifteten.

Zu den klassisch bestimmten Kreationen dürfen auch zwei Arbeiten von Youri Vámos gezählt werden, die Miho Ogimoto und Filip Veverka vom Nationaltheater Prag mitgebracht hatten. Zum einen „PAGANINI“ zur gleichnamigen Rhapsodie von Rachmaninow, ein eher etwas beliebig daherkommendes Arrangement, während die die Gala beschließenden „SPRING WATERS“ zur ebenfalls gleichnamigen Romanze desselben Komponisten sowohl in ihrer effektiven Kürze als auch ihrem mit einem wahren Frühlingsrausch die Bühne vereinnahmenden Gestus einen ausgesprochen motivierenden Abschluss markierten. In letzterem ließen die beiden Gäste denn auch ihre das damit einhergehende Glücksgefühl im Tanz mitschwingen.

In seiner Zeitlosigkeit auch ein Klassiker, auch wenn die Choreographie von Jean-Christophe Maillot neue Wege beschreitet: der Balkon-Pas de deux aus „ROMEO UND JULIA“, von Anja Behrend (ehemals Hamburger Ballett und Gauthier Dance Stuttgart) und Stephan Bourgond ausdrucksgesättigt und mit duftig ungestümer Note versehen. Musik von Philipp Glass bestimmte zum einen das Duo „ESCAPE“ von Ben van Cauwenbergh, das die typisch kreisenden Tonfolgen in einen weichen Bewegungskanon übersetzt, der von den beiden Abgesandten des Aalto Ballett Theaters Essen, Yanelis Rodriguez Ferrer und Viacheslav Tyutyukin musikalisch genau aufgegriffen wurde; zum anderen den Pas de deux „HORA PAAR“ aus dem jüngst uraufgeführten Handlungsballett des Karlsruher Balletts „MOMO“ von Tim Plegge. Bruna Andrade und Admill Kuyler brachten dessen Ausdrucksgehalt so spontan und energiesprühend über die Rampe, dass Neugier auf das gesamte Ballett entstand. Die beiden Tänzer aus Essen stellten sich noch jeweils solistisch vor: Rodriguez Ferrer mit nachhaltiger Präsenz im von van Cauwenbergh mit beredeter Gestik versehenen „JE NE REGRETTE RIEN“ zum gleichnamigen Ohrwurm von Edith Piaf, Tyutyukin im mit knochentrockener Komik ausgefüllten und beachtlicher Sprung-Effizienz ausgereizten, mittlerweile die ganze Welt erobernden Jacques Brel-Klassiker „LES BOURGEOIS“ aus der Hand desselben Choreographen.

Eine der weiteren Überraschungs-Coups der Gala: „TWO FOR ONE“, ein von den beiden Karlsruher Tänzern Arman Aslizadyan und Reginaldo Oliveira entworfener und selbst äußerst präzise und körpergespannt umgesetzter Pas de deux, bei dem der parallele Einsatz von Video und Choreographie auf verblüffend unkonventionelle und staunen machende Weise die Vervielfältigung von Bewegungen simuliert. Überraschung Nr. 3: der zurecht als Bewegungstalent präsentierte Koreaner Heung Won Lee. In zwei eigens sich selbst auf den Leib choreographierten Soli, „TRYING TO HIDE THE TEARS“ zu moderner Musik und „BIRDS DON’T FLY“ zu einem Ausschnitt aus dem 2. Satz von Beethovens „Siebter“ zeigte er wie sich Ballett-Elemente und außergewöhnliche sportliche Einlagen wie abrupte Fall-Bewegungen und Luft-Überschläge gemeinsam in den Dienst von Ausdruckstanz stellen lassen.

Das Ergebnis kann noch so anbiedernd oder unnatürlich aufgemotzt sein, Kinder haben beim Publikum stets einen besonderen Bonus. So auch das als Musik- und Tanztheater geführte Kinderensemble Tchelkunchik (=Nussknacker) mit Teilnehmern aus zahlreichen Nationen, die aus vielen internationalen und nationalen Wettbewerben hervorgegangen sind. Zu kindgerecht kitschiger Pop-Musik demonstrierten die Jüngsten in zwei Beiträgen „LETKA-JENKA“ und „DIE ELFEN“, beide choreographiert von Anna Stroilova, in einer Gesamtkomposition aus Kostümen, Licht und Bewegungsfreude, was z.T. schon im Vorschulalter im Menschen an Impulsivität und Hingabe stecken kann. Laute des Entzückens begleiteten die Begeisterung der Zuschauer.

Bewährter musikalischer Begleiter war wiederum die Württembergische Philharmonie Reutlingen, die zwar nicht immer ganz fehlerfrei, aber unter der erfahrenen Leitung von Ballett-Dirigent Wolfgang Heinz sehr anpassungsfähig und motiviert durch die unterschiedlichsten Stile agierte.

Die Latte für die nächste Gala 2014 wurde mit diesem Jahrgang sehr hoch gelegt……

Udo Klebes

 

 

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