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LUDWIG VAN BEETHOVEN: SÄMTLICHE STREICHQUARTETTE VOL .V – Quartetto di Cremona

13.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

4022143926845  LUDWIG VAN BEETHOVEN: SÄMTLICHE STREICHQUARTETTE VOL .V – Quartetto di Cremona – AUDITE SACDZwei Wunderwerke der Wiener Klassik, das Streichquintett C-Dur und das Streichquartett Op. 132 aufregend expressiv interpretiert 

Das Quartetto die Cremona ist mittlerweile längst kein Geheimtipp mehr. Die zumindest beste Kammermusikformation Italiens bewegt sich von der Prägung in Ausbildung her (Piero Farulli vom Quartetto Italiano und Hatto Bayerle vom Alban Berg Quartett) zwischen der italienischen und österreichisch-deutschen Musiktradition. Wie schon bei der Besprechung des Vol. IV herausgearbeitet, gehen höchste Expressivität im Ausdruck und individuell erspürte Essenz der musikalischen Strukturen einher mit einer sinnlich-kecken bis nachdenklich-spirituellen Sanglichkeit des Tons. Alles wunderbare Voraussetzungen, um die Musik des sturen, unberechenbaren und wohl auch kompositorisch exzentrischen Hitzkopfs Beethoven so zu vermitteln, als wäre sie vom Meister selbst so autorisiert. Man kann sich Beethovens brummende bärbeißige Zustimmung zu dieser Aufnahme gut vorstellen.

Zu Vervollständigung des Streichquintetts Op. 29 hat das Quartetto die Cremona als Gast keinen Geringeren als den berühmten Violastar des Emerson String Quartetts, Lawrence Dutton, eingeladen. Überhaupt ist dieses viel zu selten aufgeführte Streichquintett in C-Dur ein wahres Wunder der Wiener Klassik, eine Schatzkammer an Invention und Durchführung, an unerwarteten Weggabelungen à la Haydn bis zu romantisch seelenvollen Eingebungen wie dem Adagio-Satz, der eine schöne Brücke zwischen Mozart und Schubert spannt. Vollends verrückt wird es, wenn das wilde Presto, eine Beethovensche Orgie an ratslos-flüchtigem bis gespenstisch tänzerischem con moto e scherzoso, den Hörer mit einer Rasanz, die Aktienbroker aus der Londoner City um ein Leichtes übertrifft,  in seinen Bann zieht. Die fünf Musiker ziehen hier ab, als ob sie zum Ball in der verhexten Wohnung 50 von „Meister und Margarita“ von Bulgakov spielen würden.

Den zweiten Teil der mit 80:47 Minuten übervollen SACD bildet das fünfsätzige Opus Magnus, das Streichquartett Op. 132 mit dem berühmten 18 minütigen Satz „Heiliger Dankgesang eines genesenden an die Gottheit, in der lydischen Tonart“. Zum kompositorischen Reichtum dieser Musik ist alles gesagt worden. Das Schuppanzigh-Quartett, das die (private) Uraufführung 1825 in Wien spielte, muss technisch die allerhöchsten Ansprüche erfüllt haben. Das Quartetto di Cremona (Cristiano Gualce Violine, Paolo Andreoli Violine, Simone Gramaglia Viola, Giovanni Scaglione Violoncello) trifft sowohl bei den Allegri als auch dem Molto Adagio (Neue Kraft fühlend) den „richtigen“ Ton. Der erste Violonist ist zuweilen vielleicht etwas „wild“, Charakter und höchste individuelle Aneignung besitzt diese Interpretation allemal. Es wäre sicher lohnend, mit den Musikern in Cremona bei Speis und Trank über Musik zu plaudern. Sie tun es ja im Interesse des Nachwuchses bereits anlässlich regelmäßiger Meisterkurse in ganz Europa. Seit Herbst 2011 haben die vier die Leitung des Streichquartett-Studiengangs an der Accademia Walter Stauffer in Cremona inne. Gut so! Wenn Italien schon die Reputation als Land der Oper weitgehend eingebüsst hat, setzen die vier grandiosen Musiker aus Cremona wenigstens mit der Kammermusik neue Maßstäbe.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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